Achilles' Ferse "Laufen ist knallharte Arbeit"

André Pollmächer ist erfolgreicher Langstreckenläufer. Vor dem Frankfurt-Marathon spricht der 28-jährige Deutsche im Achilles.de-Interview über Missstände in seinem Sport, trainingsfaule Kollegen und sein großes Ziel - die Olympischen Spiele 2012 in London.

Langstreckenläufer Pollmächer (rechts): Start beim Frankfurt-Marathon
dapd

Langstreckenläufer Pollmächer (rechts): Start beim Frankfurt-Marathon


Frage: Herr Pollmächer, am Sonntag starten Sie beim Frankfurt-Marathon, sind Sie nervös?

Pollmächer: Nein, ich bin total entspannt. Aber ein Marathon ist ein kompliziertes Gefüge aus Tausenden Bausteinen. Jeder, der denkt, einen Marathon macht man so nebenbei, der hat's nicht verstanden.

Frage: Deutschland hat nur wenige Langstreckenläufer, die international mithalten können. Können Sie das erklären?

Pollmächer: Es sind zwei wesentliche Faktoren. Erstens gibt es kein geordnetes System; jeder Verein, jeder Trainer meint, er müsse seine Weltmeister selbst entwickeln. Deutschland hat unzählige Laufzentren und in vielen gibt es talentierte Läufer. Aber anstatt dass diese Talente in ein paar wenigen Leistungszentren als Gruppe zusammen trainieren und voneinander profitieren, läuft jeder nur so vor sich hin. Der zweite Grund ist, dass der Leistungsanspruch nicht mehr gegeben ist.

Frage: Wie meinen Sie das?

Pollmächer: Die Verbände dulden bei den Athleten viel zu viel. Ob einer während der Olympia-Qualifikation trainiert oder in einer TV-Show auftritt, interessiert keinen Menschen. Laufen ist knallharte Arbeit, Konzentration bis ins letzte Detail. Wenn ich trotzdem Zeit habe für irgendwelche Scheinaktivitäten, mache ich mir vielleicht einen Namen und kann mich gut verkaufen - aber Leistung erziele ich keine. Und in den Verbänden ist dann niemand da, der mal auf den Tisch haut und sagt: So geht es nicht.

Frage: Ist der Anspruch so niedrig, weil die deutschen Läufer nicht zur Weltspitze zählen? Der Deutsche Waldemar Cierpinski gewann 1976 in Montreal Gold. Das ist schon etwas her.

Pollmächer: Möglich ist es. Aber ein Cierpinski hat das ganze Wissen, wie man so einen Erfolg vorbereitet. Das Problem ist, dass niemand mehr so hart trainieren will, wie er es damals getan hat.

Frage: Sind die deutschen Läufer zu bequem?

Pollmächer: Ja. Ich habe aber festgestellt, dass es inzwischen wieder einige jüngere Läufer gibt, die ihren Sport ernsthafter betreiben.

Frage: Marathon ist Volkssport, jeder halbwegs Trainierte darf mitlaufen. Ein weiterer Grund, warum so wenige bereit sind, sich zu quälen?

Pollmächer: Wenn ich in Frankfurt an den Start gehe und ein Feld von 15.000 Läufern anführe - allein das müsste doch Anreiz genug sein, richtig zu arbeiten.

Frage: Sie selbst haben in Frankfurt ein großes Ziel: 2:12 Stunden, was die Qualifikation für die Olympischen Sommerspiele in London bedeuten würde. Schaffen Sie das?

Pollmächer: Ich bin überzeugt, dass ich das Potential habe, und dass wir das Training richtig gestaltet haben. Aber beim Marathon gibt es Faktoren, die ich nicht beeinflussen kann. Wenn ich am Versorgungsstand das richtige Getränk verpasse, bleibe ich bei Kilometer 30 stehen. Aber sollte das Wetter mitspielen und der Rennverlauf vernünftig sein, glaube ich, dass ich die 2:12 drauf habe.

Frage: Was ist, wenn Sie am Sonntag die Olympia-Qualifikation verpassen?

Pollmächer: Dann würde ich das Positive sehen. Nämlich dass ich noch ein knappes halbes Jahr Zeit hätte, um ein höheres Niveau zu erreichen und im Frühjahr die Olympia-Norm zu packen.

Das Interview führte Wendelin Hübner

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hajo58 28.10.2011
1. Leistung?
Zitat von sysopAndré Pollmächer*ist*erfolgreicher*Langstrecken-Läufer. Vor dem Frankfurt-Marathon spricht der 28-jährige Deutsche im Achilles-Interview*über Missstände in seinem Sport, trainingsfaule Kollegen und sein großes Ziel - die Olympischen Spiele 2012 in London. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,794222,00.html
Als ich 1982 am Frankfurt am Main am Marathon teilnahm, erreichte ich das Ziel in 2:53:33h und kam damit auf Platz 750. Heute wäre ich mit dieser Zeit auf Platz 100. Mein größter Wunsch war es, damals als Volksläufer *, einmal an den Deutschen Meisterschaften im Marathon teilzunehmen. Die Qualifikationszeit war 2:45:00h. Diese Zeit habe ich zweimal knapp verpasst. Um 1980 waren in der BRD mindestens 250 Läufer in der Lage 2:45:00h und schneller zu laufen. Heute sind es höchstens 25! (?) Keiner will sich heute quälen, alle wollen Spaß und wollen beweisen, dass sie es können. Leistung spielt allerdings keine Rolle mehr. Und so ist es (leider) auch bei den Spitzenläufern. * Bemerkung: ich arbeitete Vollzeit und gerade im Jahr 1983 arbeitet ich auch an jedem Samstag.
gerdus 28.10.2011
2. Waldemar ist da
"Der Deutsche Waldemar Cierpinski gewann 1976 in Montreal Gold. Das ist schon etwas her." Auch 1980 gewann Waldemar Cierpinski Olympiagold. Das ist nicht so lange her. ;-)
drullse, 28.10.2011
3. Nicht ganz so pessimistisch
Zitat von hajo58Als ich 1982 am Frankfurt am Main am Marathon teilnahm, erreichte ich das Ziel in 2:53:33h und kam damit auf Platz 750. Heute wäre ich mit dieser Zeit auf Platz 100. Mein größter Wunsch war es, damals als Volksläufer *, einmal an den Deutschen Meisterschaften im Marathon teilzunehmen. Die Qualifikationszeit war 2:45:00h. Diese Zeit habe ich zweimal knapp verpasst. Um 1980 waren in der BRD mindestens 250 Läufer in der Lage 2:45:00h und schneller zu laufen. Heute sind es höchstens 25! (?) Keiner will sich heute quälen, alle wollen Spaß und wollen beweisen, dass sie es können. Leistung spielt allerdings keine Rolle mehr. Und so ist es (leider) auch bei den Spitzenläufern. * Bemerkung: ich arbeitete Vollzeit und gerade im Jahr 1983 arbeitet ich auch an jedem Samstag.
Ganz so traurig ist es dann aber doch nicht. Die Relation mag stimmen, die absoluten Zahlen nicht.
marafranky 28.10.2011
4. Verpflegung
...und wer bei km30 stehen bleibt, bloß weil er sein Getränk nicht bekommen hat, wird es auch nicht weit bringen.
orangepeel 28.10.2011
5. Relativierung
Zitat von hajo58Als ich 1982 am Frankfurt am Main am Marathon teilnahm, erreichte ich das Ziel in 2:53:33h und kam damit auf Platz 750. Heute wäre ich mit dieser Zeit auf Platz 100. Mein größter Wunsch war es, damals als Volksläufer *, einmal an den Deutschen Meisterschaften im Marathon teilzunehmen. Die Qualifikationszeit war 2:45:00h. Diese Zeit habe ich zweimal knapp verpasst. Um 1980 waren in der BRD mindestens 250 Läufer in der Lage 2:45:00h und schneller zu laufen. Heute sind es höchstens 25! (?) Keiner will sich heute quälen, alle wollen Spaß und wollen beweisen, dass sie es können. Leistung spielt allerdings keine Rolle mehr. Und so ist es (leider) auch bei den Spitzenläufern. * Bemerkung: ich arbeitete Vollzeit und gerade im Jahr 1983 arbeitet ich auch an jedem Samstag.
Platz 350 mit dieser Zeit ist realistischer :) Und die Marathonbestenliste gibt für dieses Jahr 327 Zeiten unter 2:45 h aus (von deutschen Läufern) Der Sachverhalt sieht also ein wenig anders aus, als von Ihnen dargestellt. Wahrscheinlich hat sich die Motivation diesen Sport zu betreiben, grundlegend geändert. 1980 war diese sicherlich leistungsorientierter. Heutzutage laufen viele meiner Bekannten um ihren Gesundheitszustand zu verbessern. Daran kann ich nichts negatives finden. Das die Leistungsförderung bei unseren Spitzensportlern suboptimal ist, steht auf einem anderen Blatt.
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