Achilles' Ferse: "Laufende Frauen haben die Welt verändert"

Am Wochenende wird der Marathon 2500 Jahre alt. Kathrine Switzer hat entscheidenden Anteil daran, dass Frauen heute gleichberechtigt mit Männern über die Langdistanz antreten. Im Interview mit Achim-Achilles.de spricht sie über ihren Kampf gegen Startverbote und Vorbilder.

Läuferin Switzer beim Boston Marathon 1967: Gleichberechtigung erkämpft Zur Großansicht
AP

Läuferin Switzer beim Boston Marathon 1967: Gleichberechtigung erkämpft

Frage: Frau Switzer, am Sonntag starten Sie beim "Ur-Marathon", dem Rennen von der griechischen Stadt Marathon nach Athen. Was bedeutet dieser Lauf für Sie?

Switzer: Der Athen-Marathon ist für mich vor allem eines: eine Pilgerreise. Ich kehre an den Strand von Marathon zurück, den Ort, an dem ich vor 38 Jahren beschloss, für meinen Traum vom Olympischen Frauen-Marathon zu kämpfen.

Frage: Wie kam es dazu?

Switzer: Ich reiste 1972 sechs Monate lang quer durch Europa, war live bei den Olympischen Spielen in München dabei und trug meine Idee von Frauen-Straßenläufen von Land zu Land. Ich startete selbst bei einigen Läufen, meist als erste und einzige Frau. Die Krönung meiner Reise sollte ein Start in Athen sein, beim "Vater" aller Marathons. Ich schrieb ein Gesuch an den griechischen Leichtathletikverband. Doch nach seiner Rücksprache mit dem Internationalen Leichtathletik Verband erhielt ich eine Absage. Keine Frau durfte an den Start. Ich war bitter enttäuscht, zumal kurz zuvor in Boston zum ersten Mal eine Frau für einen Marathon zugelassen worden war.

Frage: Also ausgerechnet dort, wo Sie 1967 die erste Frau waren, die offiziell einen Marathon lief - weil man Sie bei der Anmeldung für einen Mann hielt.

Switzer: Genau. Umso trauriger war ich über das Startverbot in Athen. So saß ich an einem kalten Novembertag weinend am Strand von Marathon und hatte Heimweh. In dieser Trostlosigkeit spürte ich aber, dass durch Mut und Ausdauer ungeahnte Dinge möglich sind. So wie der tapfere Botenläufer Pheidippides 490 v. Chr. nach der gewonnenen Schlacht von Marathon nach Athen lief, so startete ich aus dieser traurigen Stunde voll Kraft und Tatendrang, um meinen Traum von laufenden Frauen weltumspannend wahr werden zu lassen.

Frage: Frauen liefen dann 1984 in Los Angeles tatsächlich zum ersten Mal einen Olympischen Marathon. Sie gelten als Wegbereiterin dafür. Was waren die größten Barrieren auf dem Weg dorthin?

Switzer: Nicht die laufenden Männer! Die nahmen uns Frauen vielmehr immer mit offenen Armen auf, freuten sich über uns Mitstreiterinnen. Rückblickend fallen mir zwei große Widerstände ein: Zum einen die offiziellen Stellen wie Leichtathletik-Verbände oder das Olympische Komitee. Es gab Reglements und diese konnten wir nicht von heute auf morgen ändern. Zum anderen waren es auch die Frauen selbst. Über Jahrhunderte hielt sich der unbegründete Glaube, Frauen seien körperlich nicht in der Lage, längere Distanzen zu laufen. Gravierende körperliche Schädigungen wären die Folge.

Frage: Wie gelang es Ihnen, diese Annahmen zu widerlegen?

Switzer: Nur durch Vorleben und ständiges Animieren, an Läufen teilzunehmen. Als die Frauen dieses "Empowerment"-Erlebnis, das ein Wettlauf bedeutet, am eigenen Leib spürten, war der Bann gebrochen.

Frage: Der Läuferinnen-Boom scheint seitdem ungebrochen.

Switzer: Richtig. Bei den Marathons in Nordamerika stellen Frauen mittlerweile mehr als die Hälfte der Teilnehmer. Auch in Europa wächst die Zahl der Marathon-Läuferinnen. Das ist ein Trend, der nicht nur das Läuferbild verändert, sondern auch das Tun und Denken in der Sportindustrie, bei Veranstaltern und angrenzenden Wirtschaftszweigen. Die laufenden Frauen haben die Welt bereits nachhaltig verändert - und sie werden es auch weiterhin tun.

Frage: Inwiefern?

Switzer: Durch das Laufen erfahren Frauen, dass sie Grenzen überschreiten können. Diese Kraft und Erkenntnis nehmen sie in alle Lebensbereiche mit. Das gilt nicht nur für europäische oder amerikanische Frauen. In manchen Ländern Afrikas und in Japan haben Frauen heute eine völlig neue gesellschaftliche Stellung.

Frage: Worin zeigt sich das?

Switzer: Vor einem halben Jahrhundert gingen sie gebückt hinter den Männern, heute gelten die japanischen Marathonläuferinnen als die Superstars in ihrer Heimat, weit vor den Männern. In Kenia befreien sich einige Frauen aus der Rolle einer Handelsware und bauen sich dank Siegprämien ein unabhängiges Leben auf. Wer hätte das vor 40 Jahren gedacht?

Frage: Was haben Sie sich persönlich für den Athen-Marathon vorgenommen?

Switzer: Ich bin seit 34 Jahren keinen Straßenmarathon mehr gelaufen, daher visiere ich keine bestimmte Endzeit an. Vielmehr möchte ich einfach nur ins Ziel kommen und mit diesem Lauf die für mich so wichtigen Dinge wieder zu einem ganzen zusammenführen. Der 31. Oktober wird in vielerlei Hinsicht ein historischer Tag für mich.

Die Fragen stellte Edith Zuschmann

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS
alles zum Thema Achilles' Ferse - Beratung
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite

Zur Person
AFP
Kathrine Switzer, Jahrgang 1947, ist eine der mutigsten Frauen der Sportgeschichte. Sie ging am 19. April 1967 beim legendären Boston-Marathon an den Start - obwohl das für Frauen verboten war. Als ein Offizieller sie jedoch entlarvte, drohte das Aus. Switzer setzte sich aber mit Hilfe ihres Begleiters, einem Football-Spieler, durch und lief als erste Frau nach 4:20 Stunden durchs Ziel. Später baute Switzer die weltweit bekannte AVON-Frauenlaufserie mit auf.
Buchtipp

Lars Terörde:
Barfuß auf dem Dixi-Klo.
Triathlongeschichten vom Kaiserswerther Kenianer

Covadonga Verlag; 224 Seiten; 12,80 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.


Achim Achilles:
Der Lauf-Gourmet.
Schlanker, schneller, satter.

Heyne Verlag; Mai 2010; 192 Seiten; 7,95 Euro;
ISBN 978-3-453-60156-7

Achim Achilles:
Der Vollzeitmann.
Endlich das eigene Leben zurückerobern.

Südwest Verlag; Oktober 2009; gebunden; 304 Seiten; 19,95 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen


Achilles-Kalender 2011

Ab sofort plant die Laufgemeinde die neue Saison – mit dem Achilles-Laufkalender 2011. Darin finden Freizeitsportler das bewährte Trainingstagebuch zur Dokumentation von Höchstleistungen und Tiefschlägen, unbezahlbare Ratschläge zu Training und Motivation, die wichtigsten Lauftermine und Bizarres aus der weiten Welt des Laufens. Der Kalender hat 160 Seiten, ist bei Heyne erschienen und kostet 6,95 Euro. Der Dauerrenner: die tägliche Dosis Achilles.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.

www.achim-achilles.de
Seit einigen Jahren schreibt er seine Kolumnen, jetzt geht Kultläufer Achim Achilles online - mit seiner Web-Seite www.Achim-Achilles.de. Das Portal bietet den Millionen Läufern hierzulande Infos, Tipps und Spaß - für Einsteiger wie Laufprofis. Die lebendige Läufer-Community tauscht letzte Weisheiten aus, ein halbes Dutzend Experten berät kostenlos. Immer nach dem Motto des Bestseller-Autors Achilles: "Laufen, leiden, lachen, leben".

Freundschaft mit Achim
berlin-bits.de
Deutschlands Kultläufer ist jetzt auch in einer der größten Web-Communitys unterwegs: Besuch Achim auf Facebook , werde sein Fan und verpass nie mehr seine Kolumnen oder Lesungen. Auf Twitter kannst du außerdem live erleben, was Achim sonst so treibt: schwitzen oder Training schwänzen?