Achilles' Ferse Hinter Gittern - der Läuferknast

Berlin, New York, Darmstadt: Der Knastmarathon in der hessischen JVA ist ein Geheimtipp unter Läufern. 24 Runden laufen Häftlinge und Besucher zusammen - die ganze Zeit hinter Stacheldraht. Wendelin Hübner von achim-achilles.de hat den Selbstversuch gemacht. 

Läufer in der JVA Darmstadt: Der Knastmarathon als Geheimtipp
dapd

Läufer in der JVA Darmstadt: Der Knastmarathon als Geheimtipp


Wir stehen Schlange, weil wir in den Knast wollen. Warten, bis sich im meterhohen Beton die kleine blaue Tür öffnet. Ein Wachmann schickt uns durch einen Metalldetektor. Taschen aufmachen für den Spürhund. Noch eine Pforte und wir stehen auf dem Hof, wo schon die Zeitmessmatten liegen; eine gelbe Banderole markiert Start und Ziel, aus Lautsprechern tönt Stampfmusik. Willkommen in der JVA Darmstadt-Eberstadt, willkommen im Läuferknast.

Es ist ein spezieller Tag in diesem Gefängnis. Läufer aus ganz Deutschland sind gekommen, um ein einzigartiges Rennen zu laufen: den Darmstädter Knastmarathon. Das Rennen gibt es seit sechs Jahren, ein Geheimtipp in der Laufszene. Die 160 Startplätze sind innerhalb weniger Stunden ausgebucht. Sogar eine Gruppe Spanier ist nach Hessen gereist. Wer in Berlin, London oder New York gelaufen ist, für den ist der Knastmarathon ein neuer Kick.

"Das hier ist schon was Besonderes", sagt Thomas. Der Mann mit dem gelben Kopftuch und Stoppelbart ist ein Weltenbummler. Er hat mit dem Fahrrad alle Kontinente durchquert, schreibt darüber Bücher, hält Vorträge. Drei Mal saß er schon selbst im Untersuchungsgefängnis, in den USA, in der Türkei und Mongolei: "Drei unglückliche Missverständnisse." In Darmstadt ist er heute zum ersten Mal dabei. Für den Kumpel, der ihn mitgebracht hat, ist es bereits der fünfte Start. "Runden laufen macht mir nichts aus", sagt der. "Da kann man sich wenigstens nicht verirren."

Exakt 1,758 Kilometer ist eine Runde lang, geprüft vom hessischen Leichtathletikverband. 24 Mal müssen wir Läufer um den Kurs zuckeln - die 42,195 Marathon-Kilometer müssen irgendwie zusammenkommen. Eine Psychonummer. Wir Läufer von draußen tun uns diesen Stumpfsinn nur paar Stunden an. Die Knackis dagegen kennen jeden Stein, jeden Grashalm, sehen jahrelang nichts anderes. Doch eines haben wir jetzt mit ihnen gemeinsam: Wir alle sind gefangen im Marathon.

Robert ist einer von 24 Knackis, die auf die Strecke gegangen sind. Es ist ihr großer Tag, heute wollen sie sich belohnen für monatelange Schinderei. 1000 Trainingskilometer hat die Knast-Laufgruppe seit Oktober vergangenen Jahres geschrubbt. Robert speckte 25 Kilo ab, früher machte er gar keinen Sport. "Durch das Training kommt man raus aus dem Knastalltag, man fühlt sich freier", sagt der Mann mit der Bürstenfrisur, der seit zwei Jahren im Gefängnis sitzt.

Ein Blick reicht, und der innere Schweinehund liegt an der Kette

Im Programmheft schreibt ein Knacki namens Mehdi über das Training: "Ein kleines Gefühl der Freiheit verspürte man dabei. Ein Gefühl der Dazugehörigkeit. Zu wissen, ich mache es freiwillig."

Adrenalin, Glück, Schmerz, das ist die Dröhnung, die wir Marathonläufer uns heute verpassen. Ein ganz legaler Erlebniscocktail, aber hoch dosiert. Auf dem Gelände der Anstalt stehen hohe Kiefern, in der Ferne liegen sanfte, grüne Hügel - ich phantasiere mir Stacheldraht und Mauern einfach weg. Jetzt habe ich fast das Gefühl, irgendwo im Süden zu sein, Toskana oder Provence.

Der Tagtraum zerbröckelt, als ich zum zehntausendsten Mal an dem Maschendrahtzaun vorbeikomme, hinter dem einige Knackis stehen. Vierschrötige Kerle, auf deren Muskelpaketen Tätowierungen wuchern. Sie rauchen und gucken. Rund 600 Männer sitzen in der JVA Darmstadt-Eberstadt. Ein Blick in die eisernen Zahnlückengesichter reicht, und der innere Schweinehund liegt an der Kette. Diese Kerle werden mich nicht aufgeben sehen.

Irgendwann komme ich mit den Runden durcheinander. Sind es noch drei, vier, fünf? Die Muskeln sagen: Du bist schon viel zu weit gelaufen. Dann hängt mir jemand eine Medaille um, sicheres Indiz dafür, dass es endlich vorbei ist. Im Ziel gibt es Brötchen, Kuchen, Suppe, was die Verpflegung angeht, ist der Knastmarathon ein Paradies. Ich krieche zur Knast-Turnhalle, um zu duschen.

Als ich rauskomme, sehe ich Robert, den Knacki. Er läuft noch, sichtlich auf dem letzten Loch pfeifend. Aber er kämpft. Es ist doch sein großer Tag. Später öffnet sich die schwere, blaue Tür wieder für mich und die anderen Läufer von draußen. Die Sportkameraden aus der JVA werden auf diesen Moment noch lange warten müssen.

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Centurio X 25.05.2012
1. Es ist eine gute Idee der Gefängnisleitung
Denn beim Durchhalten eines Marathons ist die Willensaktivierung gefordert, was als gute Resozialisierungsmaßnahme gilt. Der Häftling kann dann nach seiner Gefängnisentlassungauch besser den Einflüsterungen seines Inneren Schweinehundes Widerstand leisten, die ihn zuvor hinter Gittern gebracht haben. 2007 nahm ich an diesem Rennen teil und erinnere mich gern daran zurück.
tinosaurus 25.05.2012
2. Ein Besuch im Zoo
Seltsamer Artikel. Liest sich, wie ein Besuch im Zoo. Dabei hätte man es schon wesentlich besser verdeutlichen können, was es für die Insassen einer Anstalt,die oft lange Freiheitsstrafen absitzen, wohl bedeuten kann, etwas zu tun, um sich ein Stück innerer Freiheit zu erhalten. Im Artikel ist davon nichts zu lesen.
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