Achilles' Ferse "Wenn die Bären kommen, wird es gefährlich"

Laufen bei minus 35 Grad: Christian Scheuerer stellte sich bei einem 100-Meilen-Rennen in Nordkanada dieser extremen Herausforderung. Im Interview mit achim-achilles.de erzählt er von hartgefrorenen Daumen und unheimlichen Spuren im Schnee.

Ultraläufer Scheuerer: Zur Belohnung einen riesigen Burger
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Ultraläufer Scheuerer: Zur Belohnung einen riesigen Burger


Frage: Herr Scheuerer, Sie sind kürzlich den "Yukon Arctic Ultra" gelaufen, ein 100-Meilen-Rennen in Nordkanada . Willkommen zurück im warmen Deutschland!

Scheuerer: Warm? Na, ja, das stimmt ein bisschen. Dort drüben hatten wir beim Laufen Temperaturen von minus 35 Grad Celsius. Das sind extrem lebensfeindliche Bedingungen. Für jeden noch so kleinen Fehler wird man gnadenlos bestraft.

Frage: Zum Beispiel?

Scheuerer: Schnell mal ein Foto machen und dazu die Handschuhe ausziehen. Binnen Sekunden sind die Daumen hart gefroren. Das dauert dann richtig lange, bis man die wieder weich geknetet hat. Klingt vielleicht nicht so schlimm, das Rennen ist aber wirklich eine ganz harte Nummer.

Frage: Es heißt, es sei der härteste Ultra-Wettkampf der Welt.

Scheuerer: Verglichen mit den Wüstenrennen, die ich gelaufen bin, ist der "Arctic Ultra" ein Vielfaches brutaler. Beim "Libyan Challenge" zum Beispiel hat man alle 20, 25 Kilometer einen Checkpoint. Beim "Arctic Ultra" dagegen gibt es auf 100 Meilen - also 160 Kilometern - nur zwei Checkpoints. Wenn man also zwischendrin umknickt oder sonst was passiert, hat man ein riesiges Problem.

Frage: Gab es Sportler, die sich verletzt haben?

Scheuerer: Nein, Frostbeulen waren die ärgsten Blessuren. Aber da oben in Kanada sind die schon fast normal.

Frage: Dennoch: Ist es nicht verantwortungslos, sich so einem hohen Risiko auszusetzen?

Scheuerer: Die Läufer haben sich alle sehr lange auf das Rennen vorbereitet und wissen genau, was dort auf sie zukommt. Bevor es losgeht, nehmen alle an einem Kurs teil, bei dem gezeigt wird, wie man mit nassem Holz Feuer macht oder wie man sich rettet, falls man ins Eis einbricht. Der Veranstalter kontrolliert außerdem, ob die Ausrüstung ausreicht. Wer nicht genug dabei hat, darf nicht starten.

Frage: Was hatten Sie im Gepäck?

Scheuerer: Kocher, Sturmfeuerzeug, Zündhölzer, Essen, Schlafsack, Biwak, Kompass, Wechselkleidung. Insgesamt rund 20 Kilogramm, die ich auf einem Schlitten hinter mir hergezogen habe.

Frage: Das klingt anstrengend.

Scheuerer: Eigentlich nur, wenn es bergauf ging. Ich habe das zuhause geübt, indem ich einen Autoreifen hinter mir hergezogen habe.

Frage: Wie haben Sie nachts in der Eishölle geschlafen?

Scheuerer: Gar nicht.

Frage: Wie bitte, Sie sind die 160 Kilometer am Stück gelaufen?

Scheuerer: Richtig. Mein Ziel war es, unter 40 Stunden zu bleiben. Gebraucht habe ich 29:56 Stunden.

Frage: Sie müssen hart trainiert haben.

Scheuerer: Soweit es meine Zeit zulässt, laufe ich mindestens drei Mal pro Woche 20 Kilometer oder mehr. Das sind keine außergewöhnlichen Umfänge, für einen Ultra-Lauf zählt mehr das Mentale. Man muss genau wissen, wo die eigenen körperlichen Grenzen liegen.

Frage: Bekommen Sie während so eines Rennens überhaupt etwas von Ihrer Umgebung mit?

Scheuerer: Ich erinnere mich an Traumwetter und einen tiefblauen Himmel beim Start auf dem zugefrorenen Yukon. Dann folgte eine sternenklare Nacht, der Vollmond erleuchtete die Berge um mich herum. Wenn ich meine Stirnlampe einschaltete, fühlte ich mich wie in einem Kristallpalast, die Bäume funkelten vor lauter Eiskristallen. Zur Krönung strahlte ein Nordlicht, traumhaft.

Frage: Sind Ihnen Tiere begegnet?

Scheuerer: Ab und an stieß ich auf Wolfspuren. Vor Wölfen muss man allerdings keine Angst haben - im Gegensatz zu einem anderen Tier, das sich dort rumtreibt.

Frage: Und zwar?

Scheuerer: Rund 30 Kilometer vor dem Ziel wollte ich anhalten und mir etwas kochen. Doch ihm Schnee erkannte ich die Tatzenabdrücke eines Bären. Ein Läufer hatte offenbar einen Energieriegel verloren. An den Spuren konnte ich sehen, wie der Bär mit seinen Krallen den Riegel aus dem Schnee gefischt hatte. Zu dieser Jahreszeit halten Bären eigentlich Winterschlaf. Wenn sie trotzdem ins Freie kommen, schlaftrunken und hungrig, wird's gefährlich. Ans Kochen konnte ich jedenfalls nicht mehr denken, ich wollte nur noch weiter.

Frage: Richtig gegessen haben Sie erst im Ziel?

Scheuerer: Während des Rennens habe ich vor allem Energiegels zu mir genommen, denn die gefrieren nicht so schnell. Und hinterher gab es erst mal einen riesigen Burger und eine heiße Schokolade.

Frage: Bezeichnen Sie sich eher als Sportler oder als Abenteurer?

Scheuerer: Ich bin Laufabenteurer. Mich reizt der Abstand zum Alltag - und die Möglichkeit, Weltregionen kennen zu lernen, in die es mich sonst nie verschlagen würde.

Das Interview führte Wendelin Hübner

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C-Schmidt 17.02.2012
1. Da gibt es eigentlich nur einen möglichen Kommentar
Respekt.
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