Eigentlich laufe ich nur so zum Spaß. Aber in diesem Jahr wollte ich zumindest drei offizielle Läufe mitmachen. Der erste war der Lauf um die Dortmunder Uni im Mai. Der Zehn-Kilometer-Sparkassen-Lauf im Fredenbaumpark, ebenfalls in Dortmund, vor ein paar Wochen sollte der zweite Lauf in diesem Jahr werden. Sollte.
Präludium: Ich bin zu spät aufgestanden, habe zu lange gebraucht, um loszugehen und die Bahn verpasst. Um 13:30 Uhr war ich an der U-Bahn-Station Fredenbaumpark - um 13:45 Uhr sollte der Lauf beginnen. Ich hatte meine Startnummer noch nicht, musste mich noch umziehen und den Startpunkt finden. Um 13:40 Uhr war ich im Park, jetzt schon stückweise laufend, aber das konnte alles nicht mehr klappen. Habe mich auf einem einsamen Waldweg schon mal umgezogen. Ein älteres Ehepaar hat mich von weitem gesehen und absichtlich kurz angehalten, um sich über Bäume oder so was zu unterhalten. So mussten sie jedenfalls nicht an mir vorbei, während ich leicht bekleidet und ziemlich gehetzt dort rumhantierte. In Sportkleidung in Richtung Büro, schnell, schnell, 100 Meter vor mir sehe ich schon den Startpunkt. Passend dazu ertönt in diesem Moment der Startschuss.
Ich laufe zum Start, bin etwas orientierungslos. Ich bin hier ja extra hingekommen, um mitzulaufen. Das Büro finden und Startnummer besorgen, dauert sicher noch mal fünf Minuten. Ich zeige den Läufern hinterher und frage eine Frau, die dort mit Kindern und Hund steht:
"Ist das der Zehn-Kilometer-Lauf"?
Sie: "Ja, aber der kommt hier nicht mehr vorbei."
Ich: "Nein, das meine ich nicht. Ich sollte da mitlaufen."
Sie: "Oh."
Ich: "Genau."
Ich überlege kurz, meine Tasche in die Büsche zu werfen, aber da ist meine Hose drin, wer weiß, ob die hinterher noch da ist. Die Frau fragt mich, ob sie die Tasche am Ziel abgeben soll. Tolle Idee. Rettet mich. Wir verabreden, dass ich die Tasche später am Getränkestand am Ziel finde. Dann laufe ich den anderen hinterher, den letzten kann ich gerade noch erkennen.
Erster Akt - Orientierung: Ist recht seltsam, allen hinterherzurennen. Ich muss erst einmal die gute Frau auf dem Fahrrad überholen, die dem letzten Läufer hinterherfährt und das Läuferende markiert. Überlege kurz, ihr zu erklären, dass ich auch noch mitlaufe, aber dann laufe ich einfach vorbei, überhole den letzten Läufer, bin nun also doch irgendwie beim Lauf dabei. Hat auch sein Gutes, so kann ich das Feld von hinten aufrollen. Auf der anderen Seite: Die Zeitmessung läuft über einen Chip in der Startnummer; das kann ich also vergessen. Unterwegs fällt mir auf, dass ich zwar mein Handy dabei habe (für die Musik) und mein Geld in der Sporthose, aber in der Tasche liegt der Haustürschlüssel. Ich sehe mich schon den Schlüsseldienst anrufen.
Unterwegs versuche ich die tolle Läufer-App zu aktivieren, die ich heute ausprobieren wollte - eigentlich in Ruhe vor dem Start. Klappt natürlich nix. Kein GPS. Außerdem ist es vermutlich nicht so sinnvoll, erst nach einem Kilometer den Startknopf zu drücken. Nach zwei Kilometern steht die Frau am Wegesrand und nickt mir einmal zu. Tasche abgegeben. Ich sage "Danke" und laufe weiter. So um Kilometer drei denke ich mir, dass das heute vielleicht doch nichts wird mit zehn Kilometern. Ganz dummer Start, und vielleicht hätte ich gestern nicht Laufen gehen sollen.
Zweiter Akt - Mühe: Warum ist es heute eigentlich so warm? Hatte es viel kühler erwartet. Die Sonne knallt, die Frisur sitzt. Ich merke aber, dass ich langsamer bin als sonst. Unterwegs stehen Streckenposten lässig am Wegesrand und rauchen. Wir schwitzen. Ich habe mir gestern für den Lauf extra ein Schweißband gekauft, das nun auf meinem Küchentisch liegt. Zusammen mit meiner Stoppuhr, die ich natürlich auch vergessen habe. Man könnte fast meinen, es sei mein erster Zehn-Kilometer-Lauf. Fühle mich ein wenig wie einer jener Schussel aus den ganzen alten Slapstick-Filmen. Immerhin überrunde ich ab und zu Leute, das muntert auf.
Ab Kilometer sieben laufe ich mir eine Blase. Hatte ich schon lange nicht mehr. Die letzten beiden Kilometer sind eher Wille als Kraft. Ab Kilometer 8,5 nehme ich mir vor, einen MP3-Track rein zur Motivation einzusprechen: "Los, du Sack! Mach schon! Vor dir laufen Leute, die zehn, zwanzig Jahre älter sind. Die kannst du doch wohl überholen. Tschaka! Na los! Quäl dich, du Sau!" Vielleicht sind ein paar kurze Fetzen sinnvoller, die ich zwischen die Musiktitel packen kann: "Ach, macht der Herr zwischendurch eine kleine Pause? Will der Herr vielleicht lieber im Gras liegen und dösen?" Ich formuliere im Kopf mehrere solcher Motivations-Stückchen, das lenkt für ein paar hundert Meter ab.
Mühe mich durchs Ziel, die Uhr zeigt 56:50 Uhr. Erbärmliche Zeit, auch wenn man die eine Minute abzieht, die ich orientierungslos am Start verbracht habe. Im Idealfall hätte ich heute 54 Minuten angepeilt. Andererseits habe ich trotz der Umstände ins Ziel gefunden. Es hätte auch schlimmer enden können.
Dritter Akt - Bürokratie: Ausruhen ist nicht. Einen Meter hinter der Ziellinie fangen mich zwei Frauen mit Listen ab. Wo denn meine Nummer sei? Versuche zu erklären, dass ich ohne Nummer gelaufen bin. "Warum?" und "Wieso?" Beide sehen mich etwas irritiert an. Ob ich denn bezahlt hätte etc. Hole mir erst ein Wasser, diskutiere dann weiter, laufe dann zum Büro. "Ich hätte gerne meine Startnummer. Für den Zehn-Kilometer-Lauf."
"Aber der ist doch schon vorbei!!"
"Ja, ich weiß, ich bin mitgelaufen."
"Ohne Startnummer?!"
Fühle mich wie der erste Mensch, dem man mit einfachen Worten erklären muss, wie so ein Lauf normalerweise abläuft. Bekomme aber die Nummer, laufe damit zurück zum Ziel, wo ich die Damen mit den Listen beruhige und für die Startnummer eine Teilnehmer-Medaille bekomme.
Auch meine Tasche ist noch da. Ich spare mir meinen Anruf beim Schlüsseldienst.
Mein nächster Wettkampf: Dortmunder City-Lauf. Da kann ich schwerlich zu spät kommen. Der Lauf startet 500 Meter von meiner Haustür entfernt.
Epilog: Für den Weg nach Hause gönne ich mir ein Cornetto Erdbeer. Keine 30 Sekunden später fällt der ganze Part über dem Hörnchen ab und ins Gras. Seltsamer Tag heute.
Mehr Läufer-Geschichten gibt es auf den neuen Läuferblogs auf Achim-Achilles.de .
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