Frage: Herr Zaar, warum haben Kinder und Jugendliche so wenig Spaß am Laufen?
Zaar: Das würde ich so nicht unterstreichen. Kinder und Jugendliche laufen sehr gerne. Heutzutage haben wir aber ein vielfältiges Sportangebot, aus dem die Kinder auswählen können. Wenn ich mich da an meine Jugendzeit erinnere - ich bin Jahrgang 1963 - gab es da keine so große Palette.
Frage: Was tun Sie, um den Laufnachwuchs zu fördern?
Zaar: Uns als Bundesfachverband geht es nicht darum, Kinder im frühen Alter auf eine Sportart festzulegen. Wir haben neben der klassischen Leichtathletik - 50-Meter-Lauf, Ballwurf, Weitsprung - ein Programm entwickelt: die Kinder-Leichtathletik. Das ist eine Bewegungsform, in der wir spielerisch den Team-Gedanken und die Vielseitigkeit fördern.
Frage: Leichtathleten sind doch in der Regel Einzelsportler. Wozu brauchen die Vielseitigkeit?
Zaar: Diese allgemeine Grundausbildung ist später für alle Sportarten von Bedeutung und entscheidend für eine erfolgreiche Sportlerkarriere. Wenn ein zehnjähriges Mädchen in der Woche nur ihre 40 bis 50 Kilometer läuft und dazu nichts anderes macht, wird sie nie oben ankommen.
Frage: Wenn man den Nachwuchs viel ausprobieren lässt, besteht die Gefahr, dass er sich früh für eine populärere Sportart als Leichtathletik entscheidet.
Zaar: Mit der Kinder-Leichtathletik versuchen wir, diese Gefahr zu verringern. Es darf keine Langeweile aufkommen. Bundesweit machen wir es mittlerweile so, dass wir bereits 15-Jährige sichten, um sie langfristig an die Leichtathletik zu binden.
Frage: Ist Laufen nicht cool genug?
Zaar: Ich finde, Laufen ist sehr cool. Aber um das zu vermitteln, brauchen wir engagierte Trainer und Übungsleiter, die das vorleben. Das ist ein ganz wichtiger Punkt.
Frage: Aber hapert es nicht genau daran? Dass es zu wenig hauptamtliche und qualifizierte Übungsleiter gibt? Sie sind auf Bundesebene der einzige Hauptamtliche im Laufbereich.
Zaar: Sicher, in der Traineraus- und fortbildung haben wir noch großen Nachholbedarf. Wir müssen den Kontakt zu ehemaligen Aktiven intensivieren. Die können ihre Erfahrungen und Erlebnisse am besten weitergeben. Ein Problem ist auch: Die Leichtathletik steht nicht im Fokus der Öffentlichkeit. Deutschland ist immer noch Fußball-Land. Und das, was im Scheinwerferlicht steht, findet viele Nachahmer. Wir brauchen lokale Helden, wie früher Heike Henkel oder Nils Schumann, als er Olympiasieger wurde. Wir brauchen wieder Vorbilder.
Frage: Man hat aber auch nicht den Eindruck, dass Lauftalente in Deutschland besonders unterstützt werden.
Zaar: Knackpunkt ist immer das Ende der Schulzeit, wenn sich die Schüler die Fragen stellen: Wo gehe ich hin? Was mache ich? Sportliche Laufbahn, Ausbildung, Studium, Beruf? In Deutschland fehlt die finanzielle Absicherung, wenn man eine sportliche Karriere anstrebt.
Frage: Was ist mit der Bundeswehr?
Zaar: Die Sportförderkompanie der Bundeswehr ist ein guter Partner. Da ist der Athlet Angestellter und bekommt ein monatliches Gehalt. Er kann sogar nebenbei studieren. Ich würde mir aber wünschen, dass wir mehr solche Partner hätten. Universitäten und Hochschulen, die einen Absicherungsrahmen bieten. Sportler brauchen die Sicherheit, dass sie Leistungssport machen können, ohne berufliche Nachteile zu haben. Denn sie müssen alle nach der Karriere noch arbeiten gehen.
Frage: Muss man nicht viel früher in den Schulen ansetzen?
Zaar: Um den Mitgliederschwund in den Vereinen zu stoppen, müsste es viel mehr Kooperationen mit den Schulen geben. Ich gehe sogar soweit, dass der Schulsport in den Vereinssport integriert werden sollte, oder umgekehrt.
Frage: Sie plädieren für ein Modell nach amerikanischem Vorbild, wo der Leistungssport in der Schule und den Unis gefördert wird?
Zaar: Ich will keine Ens-zu-eins-Kopie amerikanischer Verhältnisse, aber der Sport braucht einen anderen Stellenwert, vor allem in der Schule. Wenn wir beispielsweise eine tägliche Sportstunde hätten, anstatt nur zwei in der Woche, hätten wir auch stärkere Schulmannschaften, mehr Kinder in den einzelnen Sportarten - und damit mehr Talente.
Das Interview führte Frank Joung
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