Achilles' Ferse "Wir brauchen wieder Vorbilder"

Warum ist Laufen bei Erwachsenen beliebt, bei Jugendlichen aber kaum? Adi Zaar ist im Deutschen Leichtathletik-Verband für den Nachwuchs zuständig. Im Interview mit achim-achilles.de erklärt er, warum Deutschland so wenige Spitzenläufer hat - und wie sich das ändern könnte.

Lauf-Nachwuchs in Berlin: Es fehlt die Masse an Talenten
dapd

Lauf-Nachwuchs in Berlin: Es fehlt die Masse an Talenten


Frage: Herr Zaar, warum haben Kinder und Jugendliche so wenig Spaß am Laufen?

Zaar: Das würde ich so nicht unterstreichen. Kinder und Jugendliche laufen sehr gerne. Heutzutage haben wir aber ein vielfältiges Sportangebot, aus dem die Kinder auswählen können. Wenn ich mich da an meine Jugendzeit erinnere - ich bin Jahrgang 1963 - gab es da keine so große Palette.

Frage: Was tun Sie, um den Laufnachwuchs zu fördern?

Zaar: Uns als Bundesfachverband geht es nicht darum, Kinder im frühen Alter auf eine Sportart festzulegen. Wir haben neben der klassischen Leichtathletik - 50-Meter-Lauf, Ballwurf, Weitsprung - ein Programm entwickelt: die Kinder-Leichtathletik. Das ist eine Bewegungsform, in der wir spielerisch den Team-Gedanken und die Vielseitigkeit fördern.

Frage: Leichtathleten sind doch in der Regel Einzelsportler. Wozu brauchen die Vielseitigkeit?

Zaar: Diese allgemeine Grundausbildung ist später für alle Sportarten von Bedeutung und entscheidend für eine erfolgreiche Sportlerkarriere. Wenn ein zehnjähriges Mädchen in der Woche nur ihre 40 bis 50 Kilometer läuft und dazu nichts anderes macht, wird sie nie oben ankommen.

Frage: Wenn man den Nachwuchs viel ausprobieren lässt, besteht die Gefahr, dass er sich früh für eine populärere Sportart als Leichtathletik entscheidet.

Zaar: Mit der Kinder-Leichtathletik versuchen wir, diese Gefahr zu verringern. Es darf keine Langeweile aufkommen. Bundesweit machen wir es mittlerweile so, dass wir bereits 15-Jährige sichten, um sie langfristig an die Leichtathletik zu binden.

Frage: Ist Laufen nicht cool genug?

Zaar: Ich finde, Laufen ist sehr cool. Aber um das zu vermitteln, brauchen wir engagierte Trainer und Übungsleiter, die das vorleben. Das ist ein ganz wichtiger Punkt.

Frage: Aber hapert es nicht genau daran? Dass es zu wenig hauptamtliche und qualifizierte Übungsleiter gibt? Sie sind auf Bundesebene der einzige Hauptamtliche im Laufbereich.

Zaar: Sicher, in der Traineraus- und fortbildung haben wir noch großen Nachholbedarf. Wir müssen den Kontakt zu ehemaligen Aktiven intensivieren. Die können ihre Erfahrungen und Erlebnisse am besten weitergeben. Ein Problem ist auch: Die Leichtathletik steht nicht im Fokus der Öffentlichkeit. Deutschland ist immer noch Fußball-Land. Und das, was im Scheinwerferlicht steht, findet viele Nachahmer. Wir brauchen lokale Helden, wie früher Heike Henkel oder Nils Schumann, als er Olympiasieger wurde. Wir brauchen wieder Vorbilder.

Frage: Man hat aber auch nicht den Eindruck, dass Lauftalente in Deutschland besonders unterstützt werden.

Zaar: Knackpunkt ist immer das Ende der Schulzeit, wenn sich die Schüler die Fragen stellen: Wo gehe ich hin? Was mache ich? Sportliche Laufbahn, Ausbildung, Studium, Beruf? In Deutschland fehlt die finanzielle Absicherung, wenn man eine sportliche Karriere anstrebt.

Frage: Was ist mit der Bundeswehr?

Zaar: Die Sportförderkompanie der Bundeswehr ist ein guter Partner. Da ist der Athlet Angestellter und bekommt ein monatliches Gehalt. Er kann sogar nebenbei studieren. Ich würde mir aber wünschen, dass wir mehr solche Partner hätten. Universitäten und Hochschulen, die einen Absicherungsrahmen bieten. Sportler brauchen die Sicherheit, dass sie Leistungssport machen können, ohne berufliche Nachteile zu haben. Denn sie müssen alle nach der Karriere noch arbeiten gehen.

Frage: Muss man nicht viel früher in den Schulen ansetzen?

Zaar: Um den Mitgliederschwund in den Vereinen zu stoppen, müsste es viel mehr Kooperationen mit den Schulen geben. Ich gehe sogar soweit, dass der Schulsport in den Vereinssport integriert werden sollte, oder umgekehrt.

Frage: Sie plädieren für ein Modell nach amerikanischem Vorbild, wo der Leistungssport in der Schule und den Unis gefördert wird?

Zaar: Ich will keine Ens-zu-eins-Kopie amerikanischer Verhältnisse, aber der Sport braucht einen anderen Stellenwert, vor allem in der Schule. Wenn wir beispielsweise eine tägliche Sportstunde hätten, anstatt nur zwei in der Woche, hätten wir auch stärkere Schulmannschaften, mehr Kinder in den einzelnen Sportarten - und damit mehr Talente.

Das Interview führte Frank Joung

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insgesamt 5 Beiträge
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UlliK 24.02.2012
1. Vielleicht ...
Zitat von sysopdapdWarum ist Laufen bei Erwachsenen beliebt, bei Jugendlichen aber kaum? Adi Zaar ist im Deutschen Leichtathletik-Verband für den Nachwuchs zuständig. Im Interview mit achim-achilles.de erklärt er, warum Deutschland so wenige Spitzenläufer hat - und wie sich das ändern könnte. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,817110,00.html
... weil sich die Jugendlichen an Niki Lauda orientieren: Saison `79, zog sich Lauda aus dem Renngeschäft zurück. Weltweit wurde seine Begründung zitiert: “Ich will nicht mehr blöd im Kreis herumfahren.“ Das ist doch genauso, wie im Stadion immer im Kreis herumzulaufen: Öde!
berndasbrot 24.02.2012
2. vielleicht......
......liegt es auch einfach daran, dass zwischen Ganztagsschule zwecks optimaler Vorbereitung zur industrieverwertbaren Billigkraft und Freizeitstress mit PC, Handy, IPOD etc. keine Zeit mehr für Sport bleibt?
CROD 24.02.2012
3. Sehe ich auch so.
Zitat von UlliK... weil sich die Jugendlichen an Niki Lauda orientieren: Saison `79, zog sich Lauda aus dem Renngeschäft zurück. Weltweit wurde seine Begründung zitiert: “Ich will nicht mehr blöd im Kreis herumfahren.“ Das ist doch genauso, wie im Stadion immer im Kreis herumzulaufen: Öde!
Dazu meine und daher subjektive Meinung: Ich fand als Kind die gesamte Leichtathletik stinklangweilig. Weitsprung: Man steht rum, dann läuft man ein paar Meter und springt, stellt sich dann wieder in die Schlange, wartet ein paar Minuten und springt wieder. Ähnlich beim Hochsprung, Kugelstoßen etc. Beim Laufen geht´s dann schön dumm um den Sportplatz. Ich laufe heute zwar gerne (früher noch als Ausgleich in der Sommer- und Winterpause der Fußballsaison), aber dann durch die Natur. Viele Erwachsene, die heute bei Freizeit- und Marathonläufen mitmachen, haben doch als Kinder und Jugendliche auch nicht die Nase in Trainingspläne und die "Running" gesteckt, sondern lieber gekickt, Handball gespielt oder sonstwas. Als Erwachsene aber ist man vielleicht vom "Erstsport" so geschädigt (Knie etc.), dass die schnellen Bewegungen und Richtungswechsel nicht mehr möglich sind - dann ist Laufen, Schwimmen, Radfahren oft das einzige, was noch geht. Zudem braucht man zum Laufen keine Mannschaft und kann es alleine machen, wann immer man sich die Zeit nimmt.
exilostfriese 24.02.2012
4. ...
2 Anmerkungen: 1. "Diese allgemeine Grundausbildung ist später für alle Sportarten von Bedeutung und entscheidend für eine erfolgreiche Sportlerkarriere. Wenn ein zehnjähriges Mädchen in der Woche nur ihre 40 bis 50 Kilometer läuft und dazu nichts anderes macht, wird sie nie oben ankommen." und die Damen aus Äthiopien und Kenia bekommen natürlich auch eine allgemeine Grundausbildung statt nur zu laufen.. Was für ein Schw... 2. "Die Leichtathletik steht nicht im Fokus der Öffentlichkeit. Deutschland ist immer noch Fußball-Land." Hallo, Deutschland ist schon immer Fußballland. Die Leichtathletik stellt sich selbst ins Abseits. Ein großes Thema dabei DOPING. Bei WM und Olympia würde ich nicht die Hand dafür ins Feuer legen, dass in den Finals nur einer nie was mit Doping zu tun hatte. Da mag halt keiner mehr zuschauen. Da gibt es auch nur noch wenig Anerkennung für den Sportler. Bei Erfolg ist es Doping, ohne Erfolg ist er faul. und das ist auch der Punkt warum viele ehemalige Aktive keinen Bock haben den Trainer zu machen, weil die Grundlagen für einen sauberen Sport nicht gelegt werden. Ich hätte sehr viel Bock junge Talente zu trainieren, aber was gibt es da für eine Perspektive für diese? Irgendwann kommen sie an den Punkt an dem sie entscheiden müssen: Sport mit allen Konsequenzen (Doping oder chancenlos gerade über die Runden kommen) oder Beruf und Sport so nebenbei.
leser008 24.02.2012
5. Laufen ist nicht systemrelevant
Zitat von CRODDazu meine und daher subjektive Meinung: Ich fand als Kind die gesamte Leichtathletik stinklangweilig. Weitsprung: Man steht rum, dann läuft man ein paar Meter und springt, stellt sich dann wieder in die Schlange, wartet ein paar Minuten und springt wieder. Ähnlich beim Hochsprung, Kugelstoßen etc. Beim Laufen geht´s dann schön dumm um den Sportplatz. Ich laufe heute zwar gerne (früher noch als Ausgleich in der Sommer- und Winterpause der Fußballsaison), aber dann durch die Natur. Viele Erwachsene, die heute bei Freizeit- und Marathonläufen mitmachen, haben doch als Kinder und Jugendliche auch nicht die Nase in Trainingspläne und die "Running" gesteckt, sondern lieber gekickt, Handball gespielt oder sonstwas. Als Erwachsene aber ist man vielleicht vom "Erstsport" so geschädigt (Knie etc.), dass die schnellen Bewegungen und Richtungswechsel nicht mehr möglich sind - dann ist Laufen, Schwimmen, Radfahren oft das einzige, was noch geht. Zudem braucht man zum Laufen keine Mannschaft und kann es alleine machen, wann immer man sich die Zeit nimmt.
[QUOTE=CROD;9702522]Dazu meine und daher subjektive Meinung: Ich fand als Kind die gesamte Leichtathletik stinklangweilig. Weitsprung: Man steht rum, dann läuft man ein paar Meter und springt, stellt sich dann wieder in die Schlange, wartet ein paar Minuten und springt wieder. Ähnlich beim Hochsprung, Kugelstoßen etc. Beim Laufen geht´s dann schön dumm um den Sportplatz. ............................................................ Leichtathletik und da vor allem Laufen ist doch für Kinder total langweilig und dazu eine sehr einsame Sportart. Dazu treiben blöde Lehrer es einem systematisch aus; ich sage nur Bundesjugendspiele........... Ausserdem wollen sie jungen Leuten in diesem unserem Lande ja wohl nicht ernsthaft eine Läuferkarriere anempfehlen. Heutzutage werden junge Laute aussortiert, weil sie im Vorstellungsgespräch die falsche Sockenfarbe tragen.
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