Achilles' Ferse "Wir können nicht alle Windhunde sein"

Sportler halten Diät und nehmen gezielt ab. Doch wann wird die Kontrolle zur Störung? Im Achilles-Interview erklärt Maja Langsdorff, Buchautorin und ausgebildete Ballettänzerin, in welchen Sportarten Essstörungen besonders oft vorkommen und was sie mit dem Körper anrichten können.

Dünn wie ein Windhund: Nicht für jeden eine gesunde Gewichtsklasse
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Dünn wie ein Windhund: Nicht für jeden eine gesunde Gewichtsklasse


Frage: Frau Langsdorff, bei den Begriffen Magersucht und Bulimie klingeln bei den meisten die Alarmglocken - warum schreit keiner auf, wenn Sportler extrem abnehmen?

Langsdorff: Im Sport ist das Thema Essstörung stark tabuisiert. In einem berühmten Balletthaus hatte eine Tänzerin zum Beispiel so dramatisches Untergewicht, dass es selbst den Verantwortlichen aufgefallen ist. Nur haben die ihr nicht zu einer Therapie geraten - sie haben ihr stattdessen mit der Kündigung gedroht. Die Leute in diesen Bereichen haben überhaupt noch nicht begriffen, was da angerichtet wird.

Frage: Es wird alles dem Erfolg untergeordnet, sogar das Essen?

Langsdorff: Ja. Es gibt in jedem Sport ästhetische Ideale, die Figur, Gewicht, Aussehen betreffen. Wenn Mädchen in der Rhythmischen Sportgymnastik nicht 10 bis 20 Prozent Untergewicht haben, dann gelten sie als dick. Und wenn das von Menschen gefordert wird, die von Natur aus nicht dünn und superleicht sind, kann es gefährlich werden. Hinzu kommt, dass es im Leistungssport akzeptiert ist, wenn man auch ungesunde Lebensweisen an den Tag legt. Wenn aber Probleme sichtbar werden, schauen viele weg.

Frage: Woran erkenne ich denn, dass ich essgestört bin?

Langsdorff: Die Übergänge sind meist fließend. Wenn die Gedanken den ganzen Tag ums Thema Essen kreisen und wenn man Verabredungen absagt, um nicht essen zu müssen, dann ist man schon in einer kritischen Phase. Es ist ja absurd: Den ganzen Tag ans Essen zu denken und dann zu hungern.

Frage: Warum sind Sportler besonders gefährdet für Essstörungen?

Langsdorff: Sportler sind meist sehr leistungsorientiert, perfektionistisch und haben den Willen, sich dem Erfolg unterzuordnen. Dazu kommt der Erfolgszwang. Das sind alles Merkmale, die sowohl auf den Leistungssport als auch auf Menschen mit Essstörungen zutreffen. Profis in bestimmten Disziplinen haben also durch den hohen Leistungsdruck und die rigiden Vorgaben eine große Anfälligkeit für Ess-Störungen. Nicht jeder Sportler, der auf gesunde Ernährung und seine Figur achtet, ist aber gleich magersüchtig.

Frage: In welchen Disziplinen sind Sportler denn besonders gefährdet?

Langsdorff: Ballett, Rhythmische Sportgymnastik, Turnen, Synchronschwimmen, bei den Männern sind es oft die Jockeys, die essgestört sind. Außerdem Rudern, Judo, Laufen - wobei Männer etwas weniger gefährdet sind als Mädchen und Frauen. Bei Frauen achtet man eben noch stärker aufs Äußere.

Frage: Was können Essstörungen im Sport für Folgen haben?

Langsdorff: Man kann sich enormen körperlichen Schaden zufügen. Als erstes geht das Eiweiß verloren, das man für die Muskeln braucht. Unterernährung fördert zudem die Entstehung von Infektionen, Elektrolytentgleisungen und Herz-Rhythmusstörungen. Bei Mädchen und Frauen bleibt die Regelblutung aus und die Knochen werden entkalkt. Viele essgestörte Tänzerinnen zum Beispiel haben schlechte Knochen und leiden oft unter Ermüdungsbrüchen.

Frage: Viele fangen mit dem Laufen an, um abzunehmen. Je mehr und besser man läuft, desto stärker achtet man aufs Essen - ein Kreislauf, der zum Teufelskreis werden kann. Wie kommt man da wieder raus?

Langsdorff: Man muss sich schnell fachliche Hilfe holen. Selbsthilfegruppen, in denen man sich mit anderen austauscht, können anfangs gut helfen. Ist die Essstörung schon weiter fortgeschritten, sollte man eine psychologische Gruppe, eine Beratungsstelle oder einen Therapeuten aufsuchen. Insgesamt ist es ein langer Weg. So lange, wie ich brauche, um in die Essstörung reinzukommen, brauche ich oft auch, um wieder rauszukommen. Der wesentliche Unterschied zu Süchten ist: Auf Alkohol oder Zigaretten kann ich verzichten, aber Essen muss ich ein Leben lang.

Frage: Leistungssportlern fällt es nach der aktiven Laufbahn häufig schwer, sich "normal" zu ernähren. Woran liegt das?

Langsdorff: In der Sportlerkarriere gibt es viel Halt, Struktur, bestimmte Werte, Einstellungen und Verhaltensweisen. Wenn der Sport wegbricht, dann verlieren viele Sportler ihre Orientierung. Wenn sie vorher schon mit dem Essen manipuliert haben, um bestimmte Ziele zu erreichen, dann wird das nicht plötzlich aufhören. Oft wird es sogar noch stärker. Wenn man einmal diese Verhaltensweise gelernt hat, nicht an die eigenen Probleme zu gehen und sich nicht mit dem konfrontiert, was dahintersteckt, dann wird man immer Übersprungshandlungen haben, nach irgendwas süchtig werden oder eben mit Essstörungen reagieren.

Frage: Wie kann man sich dem ganzen Schlankheitswahn und Leistungsdruck entziehen?

Langsdorff: Ganz wichtig ist es, ein stabiles Selbstbewusstsein aufzubauen und ein gesundes Körpergefühl zu entwickeln. Man sollte sich nicht an fremd auferlegten Maßstäben messen. Das kann nicht gut gehen. Jeder Körper ist anders. Der eine ist ein laufender Meter, der andere ein Windhund. Wir können nicht alle Windhunde sein. Diejenigen, die mit sich selbst zufrieden sind, haben oft eine so tolle Ausstrahlung, dagegen wirkt der Windhund vielleicht langweilig.

Die Fragen stellte Frank Joung



insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
Centurio X 05.08.2011
1. Ganz wichtig ist es, ein stabiles Selbstbewusstsein aufzubauen...
Zitat von sysopSportler halten Diät und*nehmen gezielt ab. Doch wann wird die Kontrolle zur Störung?*Im Achilles-Interview erklärt Maja Langsdorff, Buchautorin und ausgebildete Ballettänzerin,*in welchen Sportarten Essstörungen besonders oft vorkommen und was sie mit dem Körper anrichten können. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,774870,00.html
... und ein gesundes Körpergefühl zu entwickeln! Genau das ist das Wichtigste für ein erfülltes (Sportler)Leben, und der Langstreckenlauf eignet sich in einem ganz besonderen Maß zu Erreichung dieses wunderbaren Zustands. Interessantes dazu bei http://www.sesterheim-gmbh.de/flyer.htm und www.sh-supertrail.de
kästchen 05.08.2011
2. ...
klar, mal eben beim Spartathlon mitmachen ... *kopfschüttel* Ich bezweifel mal, dass das noch etwas mit Gesund zu tun hat ... 36h lang durchgehend 7km/h zu laufen, oder die Bestzeit der Männer: 12,3km/h - 20h~, die Bestzeit der Frauen 27h 40 min, ca 9km/h... Da trainiert man ein Leben für und manche erreichen es doch nicht. Ob das dann dem Selbstwertgefühl gut tut ...
fatherted98 05.08.2011
3. und dabei....
...ist hier noch nicht mal über Doping im Breitensport gesprochen worden - was ja wohl auch ein Fass ohne Boden ist. Man kann nur mit dem Kopf schütteln was Leute sich so antun.
Monark™ 05.08.2011
4. Und dabei ...
Zitat von fatherted98...ist hier noch nicht mal über Doping im Breitensport gesprochen worden - was ja wohl auch ein Fass ohne Boden ist. Man kann nur mit dem Kopf schütteln was Leute sich so antun.
... ist hier noch nicht einmal über Leute gesprochen worden, die gar keinen Sport treiben und trotzdem total essgestört sind! Doping im Breitensport? Na ja, warum heißt es denn wohl Breitensport? ;-) Scherz beiseite, von den Hobbysportlern, die ich kenne, nimmt kein einziger Dopingmittel (Bodybuilder befinden sich allerdings nicht in meinem Bekanntenkreis). Beide Probleme betreffen eine Minderheit. Den Kopf schütteln sollte man über Menschen, die gar keinen Sport treiben, viel zu viel essen und/oder sich mit Genussgiften aller Art selbst schädigen. Hierbei handelt es sich sogar um gesellschaftsrelevante Probleme.
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