Neulich unter der Dusche. Hingebungsvolles Einseifen edelster Körperregionen. Letztes Mal im Fitnessstudio, bevor die Draußen-Saison beginnt. Die Fische im Schlachtensee dürften noch gefroren sein. Egal. Mit Neo- und Biopren trotze ich auch der Berliner Arktis. Während ich so an mir herumseife, bebt plötzlich der Boden. In Bayern würde man das Wesen "ein stattliches Mannsbild" nennen, überall sonst auf der Welt deutlich bösartiger.
Ich drehe mich wie zufällig um. Männchen oder Mädchen, das ist kaum zu erahnen. Das Wesen ist mit reichlich sekundären, aber keinerlei sichtbaren primären Geschlechtsmerkmalen ausgestattet. Komisch. Die Gesichtszüge sind zwar ziemlich eingeweicht. Aber doch, das könnte ...
"Achim!", brüllt der Berg mich an. Wer zum Teufel ist das? Ich gab ihm den Arbeitstitel "Bernd, der Berg" und hoffte, dass er nicht zum Propheten kommt. Bitte, bitte, umarme mich nicht. Eine Dusche ist und bleibt eine Dusche: ein intimer Ort. "Achim!", brüllt Bernd, der Berg, noch mal. Ich würde gern antworten. Nur was? Der Name fällt mir nicht ein. Wirklich Bernd? Eher nicht. So heißt ja heute keiner außer dem Brot. "Du hier?", entgegne ich, "das ist ja'n Ding."
Woher, verdammt, kenne ich dieses Wesen? Ich suche seine beträchtliche Körperoberfläche nach Verletzungen, OP-Narben oder Tätowierungen von hawaiianischen Bestzeiten ab, kleinste Anzeichen für eine der vielen Geschichten aus meinem dunklen Damals, die ich allesamt verdrängt hatte. "Aber wir haben uns doch hier kennengelernt", ächzt Bernd, der Berg. Aha, ja klar, nur weiß ich gerade nicht, wann, und vor allem: warum?
Bernd ist ein klassischer Retro-Zombie, ein Untoter aus der Vergangenheit, eine dieser Nervensägen, die einem ungebeten auf die Schulter dreschen, Sätze mit "Weißt du noch, wie wir ..." anfangen - nein, weiß ich nicht - und sich köstlich über bestenfalls mittelwitzige Begebenheiten, Streiche und angeblich gemeinsam gedrehte Dinger amüsieren, die meiner fortschreitenden Amnesie überhaupt nicht leider, sondern zum Glück längst zum Opfer gefallen sind.
Vom Sport-Ass zum behäbigen Familienvater
"Weißt du noch, wie wir ..." beginnt Bernd, der Berg, dann auch und erzählt aus der Nachkriegszeit, als wir an einem Duathlon im Spreewald teilnahmen, aber nur am Start gemeinsam, weil Bernd eine gute halbe Stunde eher durchs Ziel brauste.
Ach du Schreck - jetzt fällt es mir ein: Charly, den ich immer gehasst habe, für seine gute Laune, für die dünnen Beine, für seine Herkunft aus immobilienschwerer Steuerhinterzieherfamilie und natürlich für sein Single-Dasein, das ihm so viele Trainings- wie mir Arbeitsstunden bescherte. Außerdem war er zehn Jahre jünger. Deutlich schneller. Und der Star im Studio. Trat jedes Spinning-Rad zu Schrott. Schwamm wie ein Barrakuda auf Koks. Lief zehn Kilometer in 35 Minuten. Die Frauen liebten ihn. Er gewährte mir erst die Ehre kurzer Blicke. Dann gar eine Aufgabe als Chauffeur, um ihn selbst und sein edles Material zum Duathlon zu fahren, weil seine Sportkarre wieder mal in der Werkstatt stand. Dafür lachte er mich monatelang für meine Zeit aus, am liebsten vor Leuten, im Studio.
Und jetzt? Wo war der schlanke Charly geblieben? Rundumisoliert, strikt nach Energieeinsparverordnung. Vermopsung im fortgeschrittenen Stadium. Wo einst Athletenbeine schwangen, baumeln rosa Eisbeine. Von Rippen keine Spur. Sein Kinn lappt über das alberne Polo-Hemd in Strukturvertrieblerfarbe. Charly teilt das Schicksal vieler Männer: früher sportlich und glücklich, heute Frau und Kinder.
Er wolle jetzt mal langsam wieder einsteigen, erklärt mir Charly, nach etwa drei Jahren Sportabstinenz. Wir könnten doch dann auch mal wieder gemeinsam, so wie früher, die alten Zeiten, war doch ...
"Nee, klar", sage ich.
Auf dem Weg zum Spind luge ich in den Spiegel. Ich habe auch eine Frau und mit ihr Kinder bekommen. Bin deutlich älter. Und doch besser beisammen.
Ach Charly, war echt schön, dich wiederzusehen.
Damit es nicht so weit kommt, empfiehlt Achim Achilles sein E-Book "Die Marathon-Therapie".
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