Die Sonne verdunkelt sich, als ARD-Moderator Marc Bator den VIP-Block betritt. An seinen Waden kommt nicht einmal der hellste Stern des Himmels vorbei. Wo andere Menschen einige unkonturierte Gewebereste tragen, präsentiert der Nachrichtensprecher fein definierte Muskelschönheit. Es ist wieder Velothon in Berlin, der höchste Feiertag von Männern in den Wechseljahren. Sie zeigen ihr Karbon, ihre originellen Leibchen, ihren entschlossenen Blick und natürlich die strammen Waden, in mühsamer Handarbeit liebevoll epiliert.
Die ganz Verwegenen tragen sogar einen Kopfhörerknopf. Nur wozu? Profis lassen sich Kommandos vom Trainer erteilen, erfahren alles über Vorsprünge und Rückstände. Was aber will ein Amateur mit Funk im Ohr? Unterwegs die Memoiren von "Täve" Schur hören?
Alles, was im Leben schief läuft, ist vergessen, wenn Hobby-Radler in den besten Jahren an den Kreidestrich rollen. Ab sofort wird Tour de France gespielt. Ja, man kann Probleme einfach wegtreten, jedenfalls für ein paar Stunden.
Bator ist der einzige VIP im VIP-Block. Welcher Mensch mit Vollzeitarbeitsplatz hat schon Zeit, ernsthaft zu trainieren? Der ARD-Mann streicht das leuchtend gelbe Leibchen von der "RG Hamburg" glatt und erzählt vom letzten Rennen in der Hamburger City Nord. Natürlich sei er weit vorn gelandet, könne sich an den genauen Platz aber nicht mehr erinnern. Sage ich auch immer, wenn's nicht für die ersten Drei gereicht hat - also jedes Mal.
Windschatten spart Kraft
Endlich Start. Der blutige Anfänger versucht noch, Rennschuhe mit Rennpedal zu verklicken, da ist Bator bereits um die erste Kurve geschossen und außer Sichtweite. Brillanter Antritt. Doch hinter der Kurve, dort, wo die Zuschauer weniger werden, lässt er es gleich etwas langsamer rollen. Der Fuchs weiß natürlich, dass Windschatten Kraft spart. Dafür braucht man aber erst mal einen Trottel, der bereit ist, sich für andere vorn kaputtzustrampeln.
Natürlich ist Bator nicht die einzige Heißdüse im Rennen. Schon auf den ersten drei von 120 Kilometern liefern sich zwei Dutzend Freizeit-Armstrongs Positionskämpfe und Attacken, als ginge es um irgendwas anderes, als lebendig ins Ziel zu kommen.
So manchen dieser Strategen werde ich spätestens in der zweiten Hälfte des Rennens wiedersehen, wie er ausgepumpt über den Seitenstreifen eiert, einen Defekt vortäuscht oder gleich in den Notarztwagen geschoben wird. Großflächige Tätowierungen auf den Waden ersetzen eben doch kein regelmäßiges Training. Das Maß an Selbstüberschätzung bei Hobby-Radfahrern wird eigentlich nur noch von Partei-Generalsekretären übertroffen.
Anders ist kaum zu erklären, warum sich Sportfreunde, längst im Unterzuckerwahn, ausgerechnet an der ungünstigsten Stelle des ganzen Kurses auf die Nase legen, nämlich zwischen den Pollern und der Verkehrsinsel kurz vorm Bundespräsidialamt. Nur weil einer pennt, werden etliche Unschuldige mitgerissen auf den staubigen Asphalt der Hauptstadt, um sich eine bleibende Erinnerung in Ellenbogen, Knie und Schenkel zu schürfen. Warum hier, warum einen Kilometer vor dem Ziel, warum kurz vor der Siegessäule, wo im Kreisverkehr sowieso wieder alles zusammenfährt?
14.000 Teilnehmer an der Spitze
Erklärung eins: Ein Athlet stürzte absichtlich, in der Hoffnung, der Bundespräsident würde mit dem Erste-Hilfe-Köfferchen aus dem Schloss Bellevue geeilt kommen. Erklärung zwei: Ein Sportskamerad hatte die Gattin samt Fotoapparat ("Ich beim Radrennen in Berlin") vor das motivmäßig attraktive Schloss delegiert; er kam, winkte und stürzte.
Erklärung drei - und am wahrscheinlichsten: Ein übermotivierter Hirni mit dem IQ einer Messerspeiche wollte kurz vor Schluss unbedingt noch mal die schönsten Sprints von Erik nachstellen. Und drei Dutzend Kameraden mussten unfreiwillig mitspielen.
Marc Bator kam sturzfrei durch, in sehr respektablen 2 Stunden und 41 Minuten. Offenbar hatte er einen günstigen Windschatten gefunden. Für den Sieg reichte es leider nicht, aber: Der Mann ist ganz vorn mitgefahren, aber sowas von ganz vorn. Das werden übrigens 14.000 Teilnehmer zu Hause erzählen. Und kluge Partner werden gnädig nicken, als glaubten sie die Heldenmärchen. So wird häuslicher Frieden dauerhaft gesichert.
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