Punkt sechs. Ich habe das Handy auf U-Boot-Ping gestellt, den unauffälligsten Weckton. Gestern ist Mona trotzdem aufgewacht, die Jungs auch. Der Tag begann mit schlechter Laune, dafür fiel mein Training aus. Wer das erste Quartal mit Regeneration zubrachte, hat nun ein paar Ferientage Zeit, so was wie Form ins Sportjahr zu bringen. Da die Gattin leider Wert aufs Familiäre legt, bleibt nur der frühe Morgen, der derzeit besonders biestig ausfällt.
Mona schnarcht, da pingt schon die erste SMS. Claus-Heinrich meldet aus Teneriffa "ideale Trainingsbedingungen! Frohe Ostern!" Der Kanaren-Hai soll dich fressen. Gestern erst die Mail von Horst aus Kalabrien, der mit "800 Kilometern Rad" protzte. Ich habe ein knappes Zehntel vorzuweisen, im steten Risiko des Gefrierbrands. Via Facebook sendet Irmgard täglich Trainingsberichte aus Südafrika: Es sei nur etwas warm.
Meine Zwischenbilanz von der Ostsee: Zweimal gelaufen und dabei überlegt, ob die weißen Klumpen nun Hagel, Graupel oder Meteoriten sind. Einmal vom Rad geblasen und knapp von Mecklenburger Aggro-Ladas plattgefahren worden. Ekzeme im Pool geholt, von einer Überdosis Kinderurin. Wobei mir das zwölf Meter lange Becken entgegenkommt: Endlich schaffe ich es fast, eine Bahn durchzutauchen.
Versehentlich hat mir Meister Joda den Trainingsplan für die Raelert-Brüder mitgegeben. Es sei Zeit für "ein bisschen Grundlage". Eisiges Schweigen am Telefon, als ich den Meistertrainer darauf hinweise, dass zwischen "7 Uhr: 100 Min GA1" und "11 Uhr: 3200 Meter swim mit viel Technik" und "15 Uhr: 3 Stunden bike" ja wohl ein "oder" statt eines "und" stehen müsste. Trage ich eben Fußnagelschneiden als Stretching ein und überlege, warum Trainingspläne eigentlich nicht gleich mitsamt Scheidungspapieren ausgeliefert werden.
Gefangen im Körper eines Fischstäbchens
Das nächste U-Boot-Ping. Verdammt. Regenerativ eingenickt. Schon halb sieben, ich müsste die ersten acht Kilometer des Tages in den Beinen haben. Die Konkurrenz trainiert die Ferien über wie irre, und ich bin gefangen im Körper eines Fischstäbchens: kalt und unbeweglich. Alle Versuche gescheitert, die Familie ins Training einzubeziehen. Vorm Osterspaziergang hatte ich die Laufklamotten unter die Wanderkluft gezogen. Die Jungs kicherten, Mona starrte in seltener Sprachlosigkeit, als ich mich auf dem Parkplatz umzog und der Familie erklärte, die ganzen sechs Kilometer zurück zum Feriendomizil laufen zu wollen.
Die Eltern vom Nachbarauto hielten ihren Kindern die Augen zu und notierten unser Kennzeichen. Ich hätte mir das Bier und die in Butter ertränkte Scholle zu Mittag vielleicht sparen sollen. Eine Stunde später war ich froh, wenigstens Promille als Reserve im Tank zu haben. Ich hatte mich zum dritten Mal verlaufen, was nicht leicht ist, wenn links das Meer liegt und rechts der Osten. Der Taxifahrer wollte mich nicht 100 Meter vor dem Hotel rauslassen, sondern bestand darauf, mich bis vor die Hoteltür zu fahren; er hatte wohl Angst um sein Geld. Während Mona mich auslöste, guckten ungefähr 280 amüsierter Kaffeekuchen-Honks durch die Scheibe zu. Mein Ruf als Top-Athlet war ruiniert. Dafür die nächste SMS aus Teneriffa: "Heute drei Einheiten." Prima. Habe ich auch: Neid, Verzweiflung, Taxi. Darauf erst mal ein fettes Osterei mit Krokant. Marzipan ist schon alle.
Ping. Lohnt sich ja kaum, noch aufzustehen. "Wenn Hans aufwacht, bringe ich dich um", knurrt Mona. Ich fürchte nicht den Tod, aber die Stunden davor. Die Tür quietscht: Hans mit Kopfkissen. "Ist es schon morgen?", fragt der Kleine. "Nein", bellt Mona. "Ja", entgegne ich und schiebe Hans in den Flur. "Willst Du ein Eis?", fragte ich konspirativ. Hans nickt verschlafen. Die Reflexe funktionieren immer. Eine Viertelstunde später hockte er missmutig auf dem Rad, die blaugefrorenen Finger in den Lenker gekrallt.
Leider hat am Ostermorgen um sieben kein Eisladen auf. Mein Vorschlag, etwas Apfelsaft auf die Autoscheibe zu träufeln und dann abzukratzen, findet keine Begeisterung. Als ich eine mittelharte Trainingseinheit später den halbgefrorenen Jungen vom Rad hebe, schärfte ich ihm noch ein, seiner Mutter voller Begeisterung über den tollen gemeinsamen Ausflug zu berichten. Stattdessen springt er mit Radhelm zu Mona unter die Decke und schnatterte bis zum Nachmittag durch.
Ein Weichei zum Kind - welch ein Fluch. Reicht eigentlich, wenn Vati eins ist.
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