Huch, was ist denn das? Da trottet man sonntagmorgens durch den Forst - und plötzlich lugt Merlin hinter einer Eiche hervor, mit Spitzhut und historischen Filzklamotten, die nie einen Waschzuber sahen. Ein paar Minuten später qualmt illegal ein Laubfeuer, drumherum hocken beleibte Kerle in Lederwämsen, die aussehen wie Schergen des Sheriffs von Nottingham und auch so riechen.
Na klar: Kaum wird es wärmer, geht die Rollenspiel-Saison wieder los. Menschen in merkwürdigen Kostümen stromern durchs Unterholz und spielen "Herr der Ringe", "Winnie Puuh" oder "Merkel und die sieben Zwerge" nach. Und alle erschrecken arglose Ausdauersportler. Mich spricht "Das schwarze Auge" oder anderes Gekasper im Freigehege nicht recht an. Bei uns Hartbeinen zählt nur "Der blutige Fuß".
Andererseits muss auch der moderne Frischluft-Athlet bedenken, was er bei unsportlichen Zeitgenossen so alles auslöst. Ist Laufen nicht auch ein Rollenspiel, bei dem sich jede noch so komplexbeladene Seele wie ein Gladiator fühlen darf? Menschen behängen sich mit drei Trinkflaschen, zwei Ortungs-Computern und einem mobilem Soundsystem, um 25 Minuten zu schlendern, nie außer Sichtweite einer Kneipe natürlich - könnte ja regnen.
Natürlich ist Freizeitsport ein Rollenspiel: Abschied vom Alltagsscheitern, jedenfalls bis zur nächsten SMS von der Chefin ("Wo bleibst Du?").
Kompressionskleidung versus Beate-Uhse-Kollektion
Führend in der Verkleidungskunst sind die Triathleten. Welcher Schreck zum Beispiel mag arglose Spaziergänger durchfahren, wenn plötzlich prustende Gummimenschen aus dem See taumeln und sich die algenverklebte Pelle vom Leib zerren? Multiple Perverse, die auf Latex im Alltag stehen, am liebsten unter Wasser? Und was ist eigentlich mit diesen bizarren Pärchen, die da stundenlang gemeinsam durch die Weiten Brandenburgs orgeln, sie auf dem Rad, er auf dem letzten Loch? Könnte sein, dass sie ihn beim Marathon-Training begleitet. Aber warum?
Welche Frau vertrödelt den freien Nachmittag mit einem verstörten Partner, der weder vor- noch nachher und schon gar nicht mittendrin zu irgendwas zu gebrauchen ist, stattdessen aber stumpf vor sich hin speichelt? Selten bewegen die beiden sich auf einer Höhe. Da müsste man ja reden. Was aber erzählt man sich ab Stunde drei? "Durchhalten, Schatz, diesmal schaffst Du's ja vielleicht"? Oder: "Nur noch 17 Kilometer, die aber jetzt mal richtig flott"?
Dann lieber vorweg radeln und am nächsten Abzweig noch einen kleinen Umweg einbauen, damit die Krämpfe auch zuverlässig die ganze Nacht andauern. Oder hintendrein fahren und dem armen Kerl immer dieses herrliche Gefühl des Getriebenseins geben. Sollte allerdings eine Hundeleine zwischen Radlerin und Läufer baumeln, könnte es sich doch um ein erotisches Spielchen handeln.
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