Achilles' Verse: Schreck im Spreewald

Wer? Wo? Was? Wie? Mit gut 40 Stundenkilometern raste Achim Achilles bei einem Radrennen durch den Spreewald, dann stürzte er - und war einen Moment benommen. Wie automatisch setzte er sich wieder aufs Rad, trotz blutender Hand. Und allmählich kamen die Erinnerungen zurück.

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Gestürzter Radrennfahrer: Orientierung verloren, Bewusstsein zum Glück nicht

Der Film, immer wieder dieser Film: Wir preschen zu viert mit Tempo 40 hintereinander weg durch den Brandenburger Frühling. Die Räder sirren, wir liegen geduckt über den Lenkern. Endlich wieder auf der Rennmaschine. Herrlich. Meine Gedanken sind für einen Moment davongeflogen.

Plötzlich diese Berührung der Reifen. Ich halte mit meinem Lenker dagegen. Mein Vordermann tritt einen halben Schlag schneller. Auf einmal drücke ich ins Leere, viel zu stark, verreiße den Lenker. Er schlägt um. Das Rad schleudert. Kontrolle weg. Oben ist unten. Und dann dieser Film, seitdem Hundert Mal wieder gesehen: Baff - mein Kopf prallt heftig auf den Asphalt. Ich erwarte einen matschigen Aufprall. Alles wackelt. Aber der Helm schützt meinen Schädel vor der Straße. Ich verliere die Orientierung, zum Glück nicht das Bewusstsein.

Ich rappele mich auf, Blut strömt von meiner rechten Hand. Ich bin benommen, meine drei Gefährten sind schon außer Sichtweite. Es staubt um mich herum. Wer bin ich? Wo bin ich? Was war das? Totale Einsamkeit, Hilflosigkeit. Vorsichtige erste Körperkontrolle. Alles tut weh. Das ganze System ist erschüttert. Schock. Die linke Seite aufgerissen, Hose, Hemd, Haut. Knochen fühlen sich heil an. Atmen geht. Herz pocht. Maschine läuft.

60 Kilometer therapeutischen Kurbeln bis ins Ziel

Endlich ein erster klarer Gedanke: Lieber Gott, vielen Dank. Es war keiner hinter mir, den ich hätte mitreißen können. Keine Leitplanke, kein Bordstein, kein Auto, kein Straßenschild, kein irgendwas, was mir den Hals hätte brechen können. Der Helm, obgleich schlampig eingestellt, hat gehalten. Brillentrümmer haben sich nicht in meine Augäpfel gebohrt. Alle Zähne drin.

Zum ersten Mal kehrt der Film zurück: Die Reifen touchieren, das Baff - mein Kopf prallt auf den Asphalt. Alles wackelt. Danke, Helm, du lästiges tolles Ding aus ein bisschen Plastikschaum. Ich inspiziere das Rad. Keine Ahnung, ob Gabel, Vorbau, Rahmen angeschlagen sind. Die Räder drehen sich, als sei nichts geschehen. Die Schaltung funktioniert. Es mögen 20, 30 Rennradler an mir vorbeigeprescht sein seit dem Sturz. Ich steige auf. Klicke in die Pedalen. Blut tropft von der Hand über den Lenker in die Speichen. Langsames Antreten. Zurück auf die Straße. Hier ist keiner, der hilft.

Noch 60 Kilometer bis ins Ziel nach Lübben. Ich muss da jetzt durch. Therapeutisches Kurbeln. Den Schreck aus den Knochen strampeln. Die monotone Bewegung tut weh, aber gut. Adrenalin ist stärker als jeder Schmerz, eine Wunderdroge. Und wieder der Film: Reifen, Baff, Asphalt, alles wackelt. Ich hänge mich an eine Gruppe, die vorbeischießt, aber in gemessenem Abstand zum Hinterrad des Vordermannes.

Ich würde gern irgendwen verfluchen, jemanden, der schuld ist am Crash. Aber da gibt es nur einen - mich.

Lesen Sie in der kommenden Woche im zweiten Teil: Warum ein Sturz ein Sportlerleben verändert.

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insgesamt 14 Beiträge
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1. Lächerlicher "Deutscher Michel"
helmutderschmidt 01.05.2012
Oh... sie lächerlicher "Deutscher Michel" :-(
2. Eckel Alfred
leonito2 01.05.2012
Warum machst Du Dir dann eigentlich die Mühe es zu lesen, Geschweige denn eine Antwort zu schreiben. Langeweile ? Aber dem Rest nach doch eher ein frustrieter Spießer. Radwege sind leider von Amateur Ulles oft nicht mehr zu benutzen weil, schlechter Zustand/ wir zu gut und zu schnell/zuviele Kinder auf der Strecke/ und all zu oft parken auch noch zu blöde und faule Autofahrer darauf. Fallen Pfefferminzbonbons auch unter Doping ? Radrennen ist Hochleistungssport für Denker und verlangt Männer, die bereit sind, ihre Schmerzen zu überwinden. Greg LeMond, dreimaliger Sieger der Tour de France
3. danke
slava grof 01.05.2012
danke, endlich sprichts mal jemand aus. der herr achilles hat wohl einen persönlichen draht in die spon redaktion, anders kann man sich diese "sport" nachrichten nicht erklären.
4.
montyagrippa 01.05.2012
Lebensmüde ist, wer als Rennradfahrer auf dem Radweg fährt. Denn das Gross der Autofahrer stoppt - aus einer Ausfahrt kommend- das Auto erst da, wo es für das eigene Wohlergehen gefährlich wird. Und das ist nicht am Radweg, sondern an der Strasse. Für den Radler, der mit 30 km/h angeflogen kommt, ist es dann oft zu spät. Aber das wollen viele Autofahrer ja gar nicht verstehen, wenn sie sich mal wieder darüber aufregen, dass sie fünf Sekunden später an der nächsten roten Ampel ankommen.
5.
sailor0404 01.05.2012
Ich muss das in diesem Zusammenhang loswerden: Ich bin nahezu jeden Abend beruflich mit dem PKW unterwegs. Seit Wochen jeden Abend das gleiche Bild - immer begegnen mir mindestens 2-3 Rennradfahrer in der Dämmerung oder im Dunkeln auf der Strasse ohne Licht. Seid ihr bekloppt?? Wie kann man sich selbst so gefährden nur um 10 Gramm für so eine LED-Funzel zu sparen. Mich regt das unsagbar auf. Ãœberfährt man so einen Trottel bekommt man dann noch die Hauptschuld...Die Polizei sollte viel riguroser durchgreifen aber scheint in dieser Sache überfordert.
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