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08. Mai 2012, 10:05 Uhr

Achilles' Verse

Demut nach dem Schreck

Bei einem Radrennen im Spreewald ist Achim Achilles schwer gestürzt - zum Glück ohne Folgen. Trotzdem war es für ihn eine Lektion in Demut. Zu lange hatte er jegliche Risiken ignoriert, sich unverwundbar gefühlt. Jetzt hat er sogar den lästigen Kopfschutz zu schätzen gelernt.

Dies ist der zweite Teil der Kolumne über einen Sturz beim Radrennen. Lesen Sie im ersten Teil: So kam es zu dem Crash.

Ich komme mir vor wie Schlachthofabfall, als ich ins Ziel in Lübben rolle. Andere Rennradler schauen mich entsetzt an: Hose und Hemd zerrissen, Ellenbogen, Knie und Knöchel aufgeschürft, die rechte Hand ein Blutklumpen. Die Johanniter unterbrechen wortlos ihre Mittagspause. Geübt sprühen sie Desinfektionsmittel in auf die Wunden aus Hautfetzen, Körper, Sabber und Straßendreck. Ich jaule. Churchill wäre stolz auf mich gewesen: Blut, Schweiß und Tränen gleichzeitig. Die Sanitäter halten mich für ein Weichei. Wessi halt.

Was war passiert? Vor knapp zwei Stunden hatte ich mich während des Spreewald-Radmarathons so richtig hingelegt. Eigenes Verschulden: Hinterrad touchiert, Lenker verrissen, Abflug. Leider war da draußen niemand, kein Krankenwagen, kein Helfer, keiner hielt an. Zum Glück war das Rad okay. Und es tat mir tatsächlich gut, die restlichen 60 Kilometer bis ins Ziel zu fahren. Verdrängen und Verarbeiten durch stoisches Weiterbewegen. Alles brannte. Aber ich hatte zu tun, musste Ängste überwinden, Kälte und Übelkeit verscheuchen, durchhalten. Für den Kopf ist das selbstständig erreichte Ziel womöglich besser als einfach ab- und auszusteigen. Sachen zu Ende bringen kann helfen, wenn es anderen nicht schadet.

Faszinierend, was Adrenalin alles hinkriegt. Ich hatte in den vergangenen zwei Stunden auf dem Rad kaum etwas von meinen Abschürfungen gespürt. Jetzt, auf der schmalen Bank vorm Sanitäterzelt, kam alles auf einmal: Müdigkeit, Benommenheit, irrsinniges Brennen überall, stechender Schmerz in der Schulter, ein brutaler Druck in der unteren hinteren Rippengegend, dort wo ich auf meinen eigenen Ellenbogen geprallt war. Waren da ernsthafte Schäden, Brüche, Quetschungen, gar etwas Bleibendes? War mir schlecht, weil ich eine Gehirnerschütterung hatte oder weil ich meine eigenen blutigen Hautlappen nicht sehen konnte? Meine Sportkameraden holen unablässig frisches Radler, fragen, ob ich mit dem Auto allein heimfahren kann. Erste schlechte Witze. Gutes Zeichen.

Haltung zum Helm hat sich drastisch geändert

Das Schlimmste an diesem verdammten Sturz ist gleichzeitig das Beste: Mein Unverwundbarkeits-Mythos war zerstört. Die Vorsicht, die ich bei anderen oft verlachte, war plötzlich zurückgekehrt. Seit Jahren war ich mal mit, aber oft auch ohne Helm gefahren. Nach über 40 Jahren nahezu täglichen Radfahrens hielt ich mich für bombensicher. Doof waren die anderen. Leider arroganter Quatsch. Eine Sekunde kann das Leben verändern.

Dieses "Baff", als mein behelmter Schädel auf den Asphalt prallte, als die ganze Welt für einen Moment wackelte. In jeder ruhigen Minute kommt dieser Kurzfilm immer wieder, seltener zwar als in den Stunden nach dem Sturz, aber viel zu häufig, als dass ich diesen Moment einfach abschütteln könnte. Man muss ja nicht gleich dramatisieren, aber: Es gibt Sportfreunde genug, die mindestens so sicher auf dem Rad sitzen wie ich und üble Schäden behalten haben.

Abends bei Günther Jauch ist Samuel Koch zu Gast, der junge Mann, der seit seinem Sprung bei "Wetten, dass..." im Rollstuhl sitzt. Ich habe verdammtes Glück gehabt: ein entgegenkommendes Auto, eine Steinmauer, ein Bordstein, ein Straßenschild hätten mich kaputtmachen können. Meine Haltung zum Helm hat sich schlagartig verändert. Alle Schutzengel Brandenburgs standen über mir in diesem einen Moment. Das war kein Spaß, keine Mutprobe, kein lässlicher Ausrutscher, sondern einer jener Momente, die Leben verändern, bisweilen radikal.

Eine Woche später fallen die ersten Krusten ab. Meine Rippenprellung erlaubt erste vorsichtige Schwimmversuche. Aufmerksamkeit ist zurückgekehrt, Vorsicht, Konzentration. Demut lernt man halt nicht im Alltag, sondern immer nur in Stress-Situationen. Für dieses Jahr habe ich mein Pensum gehabt. Die neuen Klamotten stehen mir übrigens gut. Inklusive Helm.

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