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Achilles' Verse: Der Sonntag der lebenden Leichen

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Eigentlich wollte sich unser Achim beim Marathon in Berlin ein wenig entspannen. Als Zuschauer. Doch was sich da so alles unter den Augen unseres Lauf-Asses über die Straßen der Hauptstadt geschleppt hat, war für ihn nur schwer zu ertragen. Seine Forderung: knallharte Neuregelungen für diese Sportart.

Sonntag war S/M-Tag. Zehntausende Masos auf Berlins Straßen. Und ich, der grienende Sado, direkt am KaDeWe, mit der großen gelben Winkehand aus Pappe. Da, wo grundlos euphorisierte Klatschköppe eigentlich "Go, Papa", oder "Super, Elfriede" hinkritzeln, da stand bei mir: "Heul doch!" Und auf der Rückseite: "Tut's weh?" Einige der traurigen Gestalten hätten mir gern eine gescheuert. Wenn sie nicht so entkräftet gewesen wären.

Erschöpfte Teilnehmer: Trottende Verkehrsblockaden
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Erschöpfte Teilnehmer: Trottende Verkehrsblockaden

Eigentlich wollte ich Klaus Heinrich sehen, aber der war wohl schon durch. Was nach ihm angeschlurft kam, war das Grauen. Von Laufen keine Spur. Nur humpelnde, schleichende, keuchende, strauchelnde Gestalten. Stierer Blick. Rote Rübe. Irres Grinsen. Schlabbernde Unterlippen. Wann kommt der erste, der die Schneidezähne in den Asphalt schlägt, um sich ein paar Zentimeter vorwärts zu ziehen?

Ich will, dass ihr aufgebt, direkt vor meinen Füßen. Ich verachte euch, wenn ihr nicht gerade über 60 seid. So wie Erhard Zipplies, der bei den Männern über 75 Jahre Zehnter wurde, und nebenbei 24.495., also Letzter, mit sieben Stunden und sechs Minuten. Zehn Minuten vorher kam Egon Bethge (M80) ins Ziel, als Dritter seiner Altersklasse. Das ist großer Sport und gut für uns alle. Wenn Deutschlands Rentner laufen, dann verstopfen sie nicht dauernd die Apotheken, wo wir für unser Carnitin anstehen.

Aber all ihr anderen, ihr 20-, 30-, 40-jährigen Funrunner, ihr habt zu wenig trainiert. Seid maximal die ersten zwölf Kilometer gelaufen und bewegt euch seitdem als trottende Verkehrsblockade durch die Hauptstadt. Schämt euch, dass ihr ein so erbärmliches Bild abgebt. Geht walken. Und zieht das New-York-Marathon-T-Shirt aus. Das ist von eBay, aber nicht von euch errungen. Und hört auf, zuhause zu erzählen, ihr wäret den Berlin-Marathon gelaufen.

Ihr habt euch 42 Kilometer notdürftig und unästhetisch vorwärts bewegt. Ihr seid die Schande der Evolution, das Gegenteil von Vertretern einer stolzen, hoch entwickelten Kulturnation. Allein die laufende Sebamed-Flasche nötigt mir Respekt ab: Bei der Hitze 42 Kilometer in einer Plastikverpackung zu laufen, das verdient eine eigene, die Werbeflaschen-Wertung.

Wer nachmittags um halb zwei bei Kilometer 34 am Straßenrand steht, der erschrickt angesichts dieser Heerscharen von Zombies, die fünf Stunden und länger brauchen. Es ist die B-Veranstaltung, die hässliche Schwester des stolzen Marathons, die mit Sport nichts mehr zu tun hat. Sie sehen aus, als seien sie auf dem Weg zum Wolfgang-Petry-Konzert. Höllehöllehölle.

Manche haben das Handy am Ohr, die anderen ihre halbe Wohnungseinrichtung dabei: Trinkgürtel mit drei, vier Literbuddeln, dazu MP3-Player, ein GPS-Ortungsgerät, weil man rund um die Gedächtniskirche ja leicht mal verloren geht, dazu alberne Mützen, schwere Jacken, lange Hosen.

Die Stunde der Kasper schlägt

Zwei Stunden vorher kamen hier echte Sportler durch, jetzt schlägt die Stunde der Kasper. Wann wird der erste seine Picknickdecke ausbreiten, um auf dem Grünstreifen in Ruhe seine Käsestullen zu verzehren? Ist es Zufall, oder stimmt es tatsächlich, dass besonders stark Tätowierte extra langsam am Rand entlang wanken? Eigentlich klar. Wer sich Arme und Beine so aufwendig bekritzeln lässt, tut das ja nicht für sich, sondern für den Rest der Welt. Er will gesehen werden. Und welche Veranstaltung bietet mehr Zuschauer als der Marathon: eine Million an den Straßen. Also langsam gehen.

Ähnlich kalkulieren die muskelbepackten Sportstudio-Heinze, die mit ihren getigerten Strippen-Leibchen die Brustbeulen wirkungsvoll in den Blick rücken. Acht Kilometer vor dem Ziel staksen sie auffällig breitbeinig. Zuviel Muckis am Oberschenkel erzeugen zuviel Reibung. Jetzt sind die Stählernen einfach wund gelaufen. Ich halte jedem mein Heul-doch-Schild vor die sonnenbankbraune Nase. Ich habe keine Angst vor Dir, Fleischwurst. Heute nicht.

Früher, als Marathon noch Sport war, wurde die Zeitnahme im Ziel nach vier Stunden geschlossen, fünf wären auch okay, dann hätte ich auch eine Chance. Für Bethge und Zipplies und ihre Altersgenossen kann man sie ja noch etwas länger offen halten. Für alle anderen nicht. Die Zuschauer würden von der GSG 9 verjagt, die Streckensperrung aufgehoben. Die Schlappschwänze müssten auf den Bürgersteig: Der ist schließlich für Spaziergänger da.

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insgesamt 1475 Beiträge
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1. Thema gestorben?
Paulizei, 11.04.2005
Hallo liebe Laufsportfanatiker, Walker-Hasser oder -Anwälte, Spiegelleser oder sonstige Ehrgeizlinge! Hat diese herrliche Thema den Umzug ins neue Forum nicht überlebt oder seid Ihr in Woche 2 vor dem Olympus Marathon alle so intensiv im Lauftraining, dass keine Zeit mehr für weltliche Angelegenheiten wie das Internet bliebt? Es grüsst Euch Eure Startnummer 16781
2. Pillen-Anleitung
seductive, 12.04.2005
also, ich find ja den Beitrag von Achilles sehr lustig. Leider glauben echt viele Leute dran, dass das Zeug was hilft. Ich muss gestehen, einige Sachen muss ich auch nehmen, allerdings nach Anraten des Arztes. Dass Eisen stopft, hab ich selbst noch nie bemerkt. Magnesium gegen die Krämpfe - wenn ich das mal einige Wochen nicht nehme, weiß ich genau, dass ich beim Spitzentanz nach einigen Minuten wieder fiese Krämpfe in den Fußsohlen kriege, die mir schwerelose Drehungen und minutenlange Balance unmöglich machen. Vitamine etc. nehme ich mit der Nahrung genug auf, nur an Magnesium und Eisen fehlt es mir oft. dass die sich gegenseitig aufheben, ist klar. Zink gegen die Erkältung, das ist doch auch selbstverständlich. Man sollte nicht jedes Mittelchen verteufeln. Aber wahre Sportler greifen sowieso lieber zur altbekannten ACE-Mischung (Kenner wissen, was ich meine). Ob man dann evtl. weit vor der Zeit einen Herzkasperl kriegt und vielleicht mit 25 tot umfällt, ist ja egal - denn man trainiert ja effektiver...
3.
Carmen Cienfuegos, 19.04.2005
---Zitat von sysop--- Jogging, obwohl eine fast schon archaische Form des Fitnesstrainings, bleibt nach wie vor angesagt. Unser Kolumnist Achim Achilles ist ein Durchschnittssportler, aber einer mit Ambitionen. Er läuft, weil er will und muss. Er kämpft um Kondition und gegen die Bequemlichkeitsverfettung. Sind Sie auch ein "heimlicher Achim"? Wie halten Sie es mit dem Training? Joggen wie Achilles? Oder was ist Ihr Rezept gegen Bauch und Trägheit? ---Zitatende--- Dem Marathon Achim rate ich: Creme alle Koerperteile die wundlaufen oder heisslaufen koennen mit Calendula Babycreme ein. Lass die billige Vaseline weg. Keine Chemie oder Drogen schlucken. Doping ist fuer loser. Mental stark antreten. Hoer dir volle Lautstaerke per Headset die Musik: We are the Champions oder Like a rock oder Against the Wind etc. an. Harte Sohlen fressen (wie beim Auto) weniger Energie. Alles andere ist Gummizelleneffekt. Das Abrollen der Sohlen macht den Lauf weich, elegant und elastisch. Das kann man sich antrainieren. Viel Glueck und Willenstaerke.
4.
robbatberlin 26.04.2005
Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :)
5. Herzlichen Glückwunsch
Paulizei, 26.04.2005
---Zitat von robbatberlin--- Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :) ---Zitatende--- Ist doch normal, oder? Ich jedenfalls bin bisher zwar erst 2 Marathons gelaufen, falle danach aber offenbar immer in ein psychisches Loch. Spätestens bei Kilometer 30 kommt die Einsicht, wie schwachsinnig es ist, im dritten Jahrtausend noch 42km zu laufen. So schlimm sind die Benzinpreise nun auch wieder nicht. Nach Überschreiten der Ziellinie stand dann beide Male fest: Nie wieder! Wo ich letztes Mal noch in 48stündige Bewusstlosigkeit fiel, konnte ich diesmal nach einem langen heißen Bad wenigstens schon wieder ohne fremde Hilfe gehen, was mich zu dem Schluß wird, dass die körperlichen Konsequenzen von Mal zu Mal weniger schlimm ausfallen. Das psychische "Down" bleibt aber vermutlich. Sorgen würde ich mir an Achims Stelle nur machen, wenn er nicht von allein scharf drauf wird, seine eigene Bestzeit zu knacken, nachdem die Schmerzen erstmal verflogen sind... In dem Sinne :-)
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