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10. Januar 2012, 10:56 Uhr

Achilles' Verse

Die volle Schlammpackung

Was waren das für Zeiten, in denen "Querfeldein" noch ein Thema für die Sportschau war. Mit Wehmut erinnert sich Achim Achilles an krummbeinige Hobbits, die sich im Schlamm bis zur Besinnungslosigkeit verausgabten. Der Wunderläufer weiß: Nirgendwo geht man schöner ein als hier. 

Früher, als Fußball-Bundesliga komplett am Samstag lief und der Restsport tags darauf, da spendierte die Sportschau manch merkwürdiger Leibesübung gern ein Viertelstündchen. Damals, in der Prä-Biathlon-Zeit, galt eine Disziplin namens "Querfeldein" als fernsehtauglicher Wintersport. Klaus-Peter Thaler, Rolf Wolfshohl und Mike Kluge waren die Helden.

Gebannt blickte die Nation auf krummbeinige Hobbits, die grob bestollte Rennräder durch tiefen Schlamm steil bergauf trugen und sich auf der Abfahrt überschlugen, weil das Vorderrad im Schlamm stecken geblieben war. Im Ziel starrten alle sauerstoffmangeldebil unter einer festen Dreckkruste hervor.

Mit dem Mountainbike erlebte das ehrliche Querfeldein jedenfalls seinen Niedergang. Gefönte Styler rollten auf sündteuren Maschinen in exhibitionistischer Absicht durch Parkanlagen, Schmutzpartikel wurden umgehend mit Trikotpflegespray entfernt. Die stramme Hanka Kupfernagel allein verteidigte den teutonischen Ruf in einem Sport, der plötzlich "Cyclo-Cross" hieß. In der Sportschau war Schlamm-Radeln kaum noch zu sehen. Eine ehemals stolze Disziplin siechte vor sich hin.

Ein Fest des Ausdauersports

Doch zum Glück gibt es Kleinmachnow, das Großburgwedel Berlins. Hier leben überwiegend anständige Menschen in Klinkerhäusern mittelhübscher Bauart. Das ganze Dorf ist rings um die Kiebitzberge angelegt, ein Park mit Schwimmbad und Hügel, aufgeschüttet aus dem Aushub des Teltow-Kanals, einer der Höhepunkte hier. In Kleinmachnow ist wenig los, aber es liegt viel Gegend drumherum.

Und weil Brandenburg tendenziell sandig ist und die Kiebitzberge steil, stammt Philipp Walsleben, der U23-Weltmeister im Schlammradfahren, aus... na? Kleinmachnow. Und Christoph Pfingsten, der Vize-Weltmeister von 2009, auch. Klar, dass die Deutschen Meisterschaften in den Kiebitzbergen ausgetragen wurden - kurze Wege für Athleten und Fans des Cyclo-Cross, die eh alle in der Gegend wohnen.

Es war ein Fest des Ausdauersports: Jugend, Senioren, Jedermänner und -frauen, Profis - alle schleppten sich und ihr kostbares Material tapfer durch den Sand, übten Überschlag auf der Abfahrt und sahen hinterher aus wie die Erdferkel. Pünktlich zum Start jeden Rennens setzte der Niesel ein. Höhepunkt war das Flutlichtrennen, auch wenn die Veranstalter fürchteten, das manche Teilnehmer im Dunkeln verloren gehen und erst am nächsten Morgen gefunden würden, hoffentlich noch röchelnd.

Und was sagt der Jogger zum Cyclo-Cross? Prima. Bei nächster Gelegenheit unbedingt mitmachen. Denn eigentlich ist es Laufsport. Die Räder sind auf den zur Unbefahrbarkeit neigenden Kursen weitgehend überflüssig; das bisschen, was man rollt, kann man auch gleich schieben. Zugleich bietet Cyclo-Cross aber die Chance, endlich wieder viel neues Sportgerät anzuschaffen. Mit einem Rahmen allein ist es ja nicht getan. Laufräder und robuste Schaltung werden gebraucht und natürlich viele Klamotten, Stichwort: Verschleiß.

Kurze Runden sind zudem deutlich zuschauerfreundlicher, weil man den Athleten beim Eingehen besser zuschauen kann. Und weil nicht viele mitmachen, besteht auch für die hinterletzte Flachgurke die Chance, an einer Deutschen Meisterschaft teilzunehmen und unter die ersten 100 zu kommen. Das schafft der Normalrenner nicht mal beim Volkslauf rund ums Wilmersdorfer Stadion.

Kostenlos als E-Book: "Hör nicht auf Schatz - die besten Läuferwitze aller Zeiten", präsentiert von Achim Achilles .

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