Achilles' Verse Gefasel statt Training

Früher hieß es immer: Wer nach einem Lauf noch reden kann, hat nicht genug getan. Heute ist das anders: Dampfplauderer regieren die Welt. Dank moderner Kommunikationstechnologien findet sich irgendwo immer einer, mit dem man ordentlich palavern kann.

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Erschöpfte Läufer nach Marathon in New York: "Tolle Zeit, du"
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Erschöpfte Läufer nach Marathon in New York: "Tolle Zeit, du"


Läufer sind wie Sportangler. Sie verbringen nur wenige Stunden die Woche mit ihrem Hobby. Aber dann quatschen sie endlos darüber. Beim Alleinsein in der Natur denkt sich der Läufer gern Monologe aus. Und die vielen Endorphine drücken aufs Sprechzentrum. Jeder Unsinn muss raus. Früher gab es noch natürliche Bremsen. Den Partner zum Beispiel, der irgendwann ansatzlos zuschlug, nur um für einige Minuten mal nicht das Gefasel über Trainingskilometer, asymmetrischen Sohlenabrieb oder eingewachsene Zehennägel zu hören. Jetzt gibt es leider das Internet. Da erzählt jeder Athlet seine total persönliche Laufgeschichte, die immer biblische Ausmaße annimmt, auch wenn die Halbmarathon-Zeit knapp über vier Stunden liegt.

Das Läufer-Latein wäre nicht weiter schlimm, wenn es nicht Trottel wie mich gäbe, die sich den Krempel auch noch angucken. Wahrscheinlich, weil es eine Form gefühlten Trainings ist. Man zieht sich die Luftgepolsterten an, taillierten Schießer-Ripp, die bequeme Jogginghose, dann ab vor den Rechner und mitgelesen bei www.laufen-aktuell.de. 300.000 Beiträge zu 16.000 Themen von 8400 Benutzern. Hinterher ist man ganz kaputt. Das ist feinstes Passivlaufen, garantiert gelenkschonend und tempotrainingsfrei.

Zwischen all den Smiley-Streuern und Volkslauf-Poeten ("Ich hatte solche Angst beim Start") ist u_d_o mein liebster Schwachstrom-Esoteriker. Sein Motto: "Höre nie auf, anzufangen und fange nie an, aufzuhören". u_d_o ist Soldat, Hundebesitzer und fühlt sich als Berufener, seit er einen Marathon mal knapp über drei Stunden gelaufen ist. u_d_o ist total gegen die "Neidgesellschaft" und beantwortet Fragen, die keiner gestellt hat. Seine Frau Ines kann toll malen und einfühlsam mit Filz arbeiten. Die beiden warten auf den Workshop "Harnverhalten bei Vollmond". Danach will u_d_o übers Wasser laufen.

Sie bewegen sich fort, wie es der Mensch seit Jahrmillionen nun einmal tut: Aber sie machen Religion daraus. "Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern zu erschaffen", predigt etwa Momo. Mag sein, aber wozu braucht man tanzende Sterne? Oder die Rothaarige unter dem beängstigend zutreffenden Nickname "Schnatterinchen" aus Kobbeln, das zwischen Treppeln und Möbiskruge liegt. Sie springt uns mit Reinhard Mey an: "Weißt Du, es zählt im Leben nur, dass Du, wie es auch mit Dir umspringt, vor Dir selbst gerade stehen kannst". Hätte von u_d_o sein können. Hemmungslos breitet Schnatterinchen auch den Rest ihres Läuferlebens aus. Höhepunkt: Isst gern "Fisch mit Pampe".

"Laufen aktuell" ist wie "GZSZ" gucken. Man fühlt sich wie zu Hause. Dafür sorgt unsere liebe Uschi aus Germering. Sie hat alle Bildchen von den Laufkameraden im Forum an eine virtuelle Korkwand gepinnt. Leider ist nicht alles sexy, was sich in kurze Hosen zwängt. Uschi hat bald 2000 Beiträge verfasst, was etwa ebenso viele verplapperte Trainingskilometer macht.

"Digga" ist lustig. Sein Wahlspruch heißt "Ein Corolla hat keine Panne", Besser ist noch "Sisu" mit "fit happens" und "relax, it's just mobbing". Sehr mutig auch unser Sportskamerad "Hajott". Warum nennt er sich nicht gleich "flinker Windhund" oder "zäher Stahl", mit dem Wahlspruch: Unsere Ehre heißt Wade. Saisonhöhepunkt: Im Stechschritt auf den Obersalzberg.

Anregungen für die sportgerechte Ernährung gibt's natürlich auch: "Greenhörnchen" schwört auf Nudeln mit Ketchup und Zimthörnchen. "Bucki" kontert: zwei Semmeln mit Nutella fingerdick. Ein Knüller ist das selbst angerührte Power-Gel. Letztendlich, lieber Tüftler, geht es aber doch weniger um den Inhalt als um die Verpackung, oder? Wie also willst Du das Schmierzeug transportieren? Tuppertopf mit Strohhalm? "Steiff" bevorzugt ehrliche "Schmutkartoffeln", satt mit Käse überbacken. Bei mir geht der Trend zu frittierten Snickers in Bierteig mit Schlagsahne. Am Ende hat "Feuerstein" Recht: "Vitamintablette, dauert nur zwei Sekunden". So bleibt mehr Zeit zum Unsinnverzapfen auf "Laufen aktuell".

Am gemeinsten sind die Einfühlsamen. Die suchen Anschluss und sondern zu jeder Allerweltsleistung ihren "Ey, total tolle Zeit, Du"-Schleim ab. Neulich traf der Verständnisterror die Novizin Arameah, die sich offenbar ins Forum verlaufen hatte. Die Gute schafft es tatsächlich, für zehn Kilometer 90 Minuten zu brauchen. Nun wollte sie wissen, wann sie denn den ersten Marathon laufen könne. Die Sportsfreunde gaben ihr viele liebe Tipps, auch mental. Aber keiner sagte ihr die Wahrheit: Vergiss es einfach, Herzi, das ist für dich nicht gesund.

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Paulizei, 11.04.2005
1. Thema gestorben?
Hallo liebe Laufsportfanatiker, Walker-Hasser oder -Anwälte, Spiegelleser oder sonstige Ehrgeizlinge! Hat diese herrliche Thema den Umzug ins neue Forum nicht überlebt oder seid Ihr in Woche 2 vor dem Olympus Marathon alle so intensiv im Lauftraining, dass keine Zeit mehr für weltliche Angelegenheiten wie das Internet bliebt? Es grüsst Euch Eure Startnummer 16781
seductive, 12.04.2005
2. Pillen-Anleitung
also, ich find ja den Beitrag von Achilles sehr lustig. Leider glauben echt viele Leute dran, dass das Zeug was hilft. Ich muss gestehen, einige Sachen muss ich auch nehmen, allerdings nach Anraten des Arztes. Dass Eisen stopft, hab ich selbst noch nie bemerkt. Magnesium gegen die Krämpfe - wenn ich das mal einige Wochen nicht nehme, weiß ich genau, dass ich beim Spitzentanz nach einigen Minuten wieder fiese Krämpfe in den Fußsohlen kriege, die mir schwerelose Drehungen und minutenlange Balance unmöglich machen. Vitamine etc. nehme ich mit der Nahrung genug auf, nur an Magnesium und Eisen fehlt es mir oft. dass die sich gegenseitig aufheben, ist klar. Zink gegen die Erkältung, das ist doch auch selbstverständlich. Man sollte nicht jedes Mittelchen verteufeln. Aber wahre Sportler greifen sowieso lieber zur altbekannten ACE-Mischung (Kenner wissen, was ich meine). Ob man dann evtl. weit vor der Zeit einen Herzkasperl kriegt und vielleicht mit 25 tot umfällt, ist ja egal - denn man trainiert ja effektiver...
Carmen Cienfuegos, 19.04.2005
3.
---Zitat von sysop--- Jogging, obwohl eine fast schon archaische Form des Fitnesstrainings, bleibt nach wie vor angesagt. Unser Kolumnist Achim Achilles ist ein Durchschnittssportler, aber einer mit Ambitionen. Er läuft, weil er will und muss. Er kämpft um Kondition und gegen die Bequemlichkeitsverfettung. Sind Sie auch ein "heimlicher Achim"? Wie halten Sie es mit dem Training? Joggen wie Achilles? Oder was ist Ihr Rezept gegen Bauch und Trägheit? ---Zitatende--- Dem Marathon Achim rate ich: Creme alle Koerperteile die wundlaufen oder heisslaufen koennen mit Calendula Babycreme ein. Lass die billige Vaseline weg. Keine Chemie oder Drogen schlucken. Doping ist fuer loser. Mental stark antreten. Hoer dir volle Lautstaerke per Headset die Musik: We are the Champions oder Like a rock oder Against the Wind etc. an. Harte Sohlen fressen (wie beim Auto) weniger Energie. Alles andere ist Gummizelleneffekt. Das Abrollen der Sohlen macht den Lauf weich, elegant und elastisch. Das kann man sich antrainieren. Viel Glueck und Willenstaerke.
robbatberlin 26.04.2005
4.
Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :)
Paulizei, 26.04.2005
5. Herzlichen Glückwunsch
---Zitat von robbatberlin--- Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :) ---Zitatende--- Ist doch normal, oder? Ich jedenfalls bin bisher zwar erst 2 Marathons gelaufen, falle danach aber offenbar immer in ein psychisches Loch. Spätestens bei Kilometer 30 kommt die Einsicht, wie schwachsinnig es ist, im dritten Jahrtausend noch 42km zu laufen. So schlimm sind die Benzinpreise nun auch wieder nicht. Nach Überschreiten der Ziellinie stand dann beide Male fest: Nie wieder! Wo ich letztes Mal noch in 48stündige Bewusstlosigkeit fiel, konnte ich diesmal nach einem langen heißen Bad wenigstens schon wieder ohne fremde Hilfe gehen, was mich zu dem Schluß wird, dass die körperlichen Konsequenzen von Mal zu Mal weniger schlimm ausfallen. Das psychische "Down" bleibt aber vermutlich. Sorgen würde ich mir an Achims Stelle nur machen, wenn er nicht von allein scharf drauf wird, seine eigene Bestzeit zu knacken, nachdem die Schmerzen erstmal verflogen sind... In dem Sinne :-)
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