Achilles' Verse Kampf dem Krampf

Wochenlang hat sich Wunderläufer Achim Achilles geschunden, um den Berlin-Marathon unter vier Stunden zu schaffen. Noch kurz vor dem Ziel schien es, als würde sein Traum endlich in Erfüllung gehen - doch dann kamen die Krämpfe.

Soldaten beim Training: Schwedentabletten gegen Krämpfe
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Soldaten beim Training: Schwedentabletten gegen Krämpfe


Marathon ist wie der Heilige Abend - für den Weihnachtsmann: Alle haben Spaß, nur der alte Mann nicht. Der hat nichts als Arbeit. So wie ich. Juli, August, September außergewöhnlich stracks nach dem Klemmbrett-Plan gerackert. Tatsächlich erstmals so etwas wie Formfreude und Streckenlust am Start verspürt. Manni, das alte Westfalenpferd, wollte mir zur Seite laufen. Neunmal unter vier Stunden gefinisht, genau mein Mann.

Selbstbewusst stellten wir uns hinter dem 3:45-Stunden-Zugläufer auf. 3:59,59 Stunden war das offizielle Ziel, 3:49,49 Stunden das wirkliche. Wann, wenn nicht heute? Biologisch gesehen sterbe ich bereits seit 22 Jahren. Wenn ich meinen Kadaver nicht bald unter die magischen 240 Minuten prügelte, dann würde es nichts mehr mit diesem Lebensziel. Also auf zum großen Marsch in der Hauptstadt: Heimspiel auf schneller Strecke, die besten Zuschauer der Welt und Mona bei Kilometer 35. Bis genau dorthin lief's auch prächtig. Die angepeilte Traumzeit war nur noch eine gute halbe Stunde entfernt.

Bei Kilometer 40 dann das verfluchte Drama. Noch über 15 Minuten Zeit, um wenigstens unter 4 Stunden zu bleiben. Aber die Krämpfe schossen nur so durch die Beine. 25 Minuten für zwei Kilometer. Ziel wieder verpasst. Aber dafür jede Menge hilfreichster Anfeuerungen von den überholenden Sportsfreunden. "Lauf weiter!", brüllte jeder Zweite 500 Meter vor dem Ziel. Super, ja, danke, weiß ich selber. Geht nur gerade nicht. Verdammte Axt, was hat dieser blöde Marathon denn nur gegen mich? Offenbar die Prüfung meines Lebens. Vor allem die Kommentare danach.

Tolle Leistung für einen älteren Herrn

Mona sagte: "Hör einfach auf mit dem Quatsch und mach Halbmarathon." Kommt überhaupt nicht in Frage. Stell du dich nächstes Mal lieber bei Kilometer 42 auf.

Lauffreund Milo sagt, ich hätte mehr 35-Kilometer-Läufe trainieren sollen. Das stimmt eigentlich immer.

Frau Doktor sagt, es sei zu heiß gewesen, weswegen die Mineralisierung suboptimal gewesen sei. Eine Erklärung, die mir gefällt.

Sohn Karl sagt, das sei doch eine tolle Leistung für einen älteren Herrn. Enterbung liegt in der Luft.

Tim sagt, ich sei zu schnell angegangen. Hinterher bin ich auch immer der Klügste.

Der Coach sagt, ich hätte zu viel gearbeitet vorher. Ist halt immer so.

Gerhard sagt, immerhin hätte ich besser abgeschnitten als Haile. Mit Legenden treibt man keine Scherze.

Robert sagt, ich solle Schwedentabletten kaufen, die jeden Krampf in Sekunden lösen. Werde ich beim nächsten Mal bollerwagenweise mitführen.

Matze sagt, ich hätte zu wenig geschlafen vorher. Dafür habe ich nicht getrunken.

Anke sagt, vier Kilometer vor dem Ziel hätte ich noch phantastisch ausgesehen. Da hat sie recht. 1000 Meter später leider nicht mehr.

Der große Lauf-Buddha sagt, Demut kann man nie genug lernen.

Ich sage: Verdammter Marathon, dich kriege ich auch noch.

Berlin-Marathon gelaufen? Jetzt Ergebnis eintragen auf der Achilles Läufer Liste.

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