Achilles' Verse: Lauft um Euer Liebesleben

Achim Achilles hätte gerne Frühlingsgefühle - doch für einen stahlharten Läufer gilt: Enthaltsamkeit statt amouröser Ekstase. Dabei haben die Rackerei auf Asphalt und Matratze mehr miteinander zu tun, als sich Männer gern eingestehen. Eine Enthüllung.

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Corbis

Läufer, Läuferin: Wenn die Glückshormone im Körpertresor verschlossen bleiben

Neulich wollte Mona auf eine Fisch-sucht-Fahrrad-Party. Ihre Freundin Sybille hatte davon geschwärmt, wie irre lustig ein Abend inmitten Horden schwer vermittelbarer Balzhungriger doch für zwei mittelalte Damen sei. Mona war skeptisch. Ein schwer erziehbarer Läufer wie ich deckt ihren Bedarf an tätiger Sozialarbeit eigentlich. Außerdem erotisierte meine Gattin die Aussicht auf welkes Fleisch aus der Güteklasse Ü40 nicht sonderlich. Schließlich ist sie einen stählernen Läuferleib gewohnt, auch wenn das Innenleben selten nach Plan funktioniert. Am Ende begaben sich die beiden Frauen ins Kino, um gemeinschaftlich Johnny Depp anzuschmachten.

Ich mixte mir derweil einen wohlschmeckenden Amino-Cocktail, ignorierte erstens die albernen Stabilisationsübungen, die für heute auf dem Trainingsplan standen, und zweitens mein schlechtes Gewissen, weil ich mal wieder den Hamburg-Marathon schwänzte. Allerdings war es nur gerecht: Wenn Mona eine Fisch-sucht-Fahrrad-Party ausließ, konnte ich kaum zum Massenbalzen zwischen Reeperbahn und Rothenbaum antreten. Denn beim Marathon geht es ja weniger ums Laufen als vielmehr darum, seine überschüssigen Frühlingsgefühle loszuwerden. Zwei von drei Läufern denken unterwegs angeblich an Sex, besagt eine dieser superseriösen Studien. Außer mir denkt aber wahrscheinlich kaum jemand beim Sex ans Laufen.

Die Rackerei auf Asphalt und Matratze haben ja viel gemeinsam: Stöhnen, Tiernamen, Pillen, Duschen, weiße Socken, komisch riechen. Die Rennerei erschwert die Anbandelei allerdings gewaltig. Hübsche Frauen sind meistens zu schnell, die Damen in meiner Tempoklasse vorwiegend würfelförmig. Generell entspricht die Läuferin nur selten dem Beuteschema "Vollweib", sondern eher dem furchteinflößenden Typus der knöchernen Domina.

Und wie soll man sich mit Blutleere im Hirn die Startnummer von der süßen Maus merken, die bei Kilometer 33 so anmutig im Rinnstein lag? Ich könnte die Zahlen mit meinem Schweiß in den Straßenstaub tropfen. Eine sofortige Beatmung wäre auch möglich, mit Bananen-, Speichel- und Magnesiumresten in den Mundwinkeln vermutlich aber nicht so dringend erwünscht.

Kompressionswäsche steigert das Elend

Egal. Liegenlassen. Nach drei Stunden Rennerei ist der Mann ohnehin kaum noch als solcher zu erkennen, auch dort, wo zuvor so was wie maskuliner Stolz baumelte. Das Blut wird überall gebraucht, aber nicht im Zentralorgan. Kompressionswäsche, derzeit schwer im Trend, steigert das Elend noch. Da werden nicht nur die Problemzonen des Läufers mit Gummigewalt weggeschnürt.

Außerdem gerät auch das stärkste Kompressionshemd an seine Grenzen, wenn es mehr als 20 überflüssige Kilogramm in Bestform quetschen soll. Wie beim Luftballon-Dackel flutscht das Gammelfleisch irgendwann dann doch aus der Zwangswäsche, natürlich immer dort, wo die meisten Zuschauer stehen. Und es gibt keine Chance, die Leibesfülle elegant zurück ins Korsett zu zwängen. Für den Rest der Strecke wird der Kniehub nun auch noch von der Speckschürze behindert.

Sport, gerade im Frühling, soll die Lust ja gewaltig steigern: die Sonne, die Wärme, der Verzicht auf lästiges Textil. Mag sein. Aber spontane Krämpfe und das Knarzen in der Lendenwirbelsäule sind hinderlich, sollte es tatsächlich so weit kommen. In der Nacht vor Wettkämpfen verbietet sich die Paarerei ohnehin. Denn bei Männern verringert sich die Kontraktionsfähigkeit der Muskeln, was bei mäßig Trainierten wie mir wahrscheinlich zu vorübergehender Volllähmung führt.

Bei Frauen wiederum wird die Testosteron-Produktion angeheizt, was Bestleistungen möglich macht. So entstehen Krisen bei Lauftreff-Reisen zum Marathon: Die Läuferinnen hätten gern etwas Naturdoping vor dem Rennen, die Männer aber wollen, können, dürfen nicht. Wieder mal bleiben die Glückshormone im Körpertresor verschlossen. Kein Wunder, dass fast alle Teilnehmer beim Start morgens überwiegend muffelig aus ihren Plastikleibchen gucken.

Nur im Ziel ist es noch schlimmer. Mit blutig geschubberten Oberschenkeln denkt der Läufer nur mehr an Sauerstoffzelt, Schmerzmittel-Infusionen und einen Freiflug im Rettungshubschrauber. Sexualhormone? In einem Läuferkörper schon seit längerer Zeit nicht mehr anzutreffen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
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1. Naja
danduin 22.04.2010
Hab mir etwas mehr versprochen von dem Artikel. Nicht so platt und nicht so Sex fixiert. Laufen macht bei mir auch den Kopf frei und ich fühle ein Stück Freiheit, wenn ich ein paar Kilometer durch die Botanik laufe. Außerdem steigert es das Selbstbewußtsein und das Aktivitätsbedürfnis, Kondition. Also ich geh nicht laufen um Frauen kennen zu lernen, auch wenn es einige symphatische gibt.
2. selber Schuld
reflexxion 22.04.2010
ich habe noch nie verstanden, warum Menschen sinnlos in komischen Klamotten kilometerweit laufen, wo es doch Busse, U-Bhnen und nicht zuletzt Autos gibt. Ich lasse Fahrräder absichtlich weg, denn da kann man sich ja auch sinnlos verausgaben. Ich gehe auch nicht zu Ü30 Parties, was soll man mit den ganzen übriggebliebenen Menschen anfangen, die in ihrer Jugend lieber Karriere gemacht haben als "Bockspringen". Ab einem gewissen Alter, das jeder/jede selbst bemerken muss, sollte man seine Energie für schönere Dinge wie Sex aufbewahren.
3. Ich hab in die Rubrik noch NIE reingesehen,
frank_lloyd_right 22.04.2010
aber heute hat mir doch, verdammt, der rechte Teil der des Fotos einen Streich gespielt. BILD funktioniert !
4. Liebesverbot!
wolfgangl 22.04.2010
Also ich hatte vor dem Marathon genialen Sex und das war sicher nicht negativ. ich kann die armen sich selbst kasteienden Läuferkollegen nur bemitleiden. Ein bisschen Spaß am Leben sollte man schon zu lassen... :-)
5. Jogger auf dem Radweg
johndoe2 22.04.2010
Wer das Bild zum Artikel genauer angesehen hat, stellt fest, dass eine recht lebensechte Situation abgebildet wird ... Joggerin und Jogger halten den rot gepflasterten Streifen für einen roten Teppich, auf dem es sich zu präsentieren gilt. Wer Fahrrad fährt, erlebt diese ärgerliche Situation täglich.
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