Luft wie im Western, trocken und staubig. Die beiden mageren Geher wackeln bestimmt schon seit vorgestern ihre Runden. Gehen ist sinnlos wie Kleinkaliber liegend. Auch nach 100 Medaillen noch garantierte Ruhmlosigkeit.
Da haben es Erotik-Athleten besser. Schwimmer und Läufer etwa, die ihren Sport vorwiegend in Dessous betreiben, um ihre Leiber zur Schau zu stellen. So wie diese Hochspringer, die keine 20 Meter entfernt seit Ewigkeiten immer wieder ihre elf Schritte Anlauf üben. Oder der Sprinter, der in Einbein-Sätzen über die Bahn hopst und penibel darauf achtet, dass das Plaste-Hemd überm Sixpack stretcht.
Knallharte Bodyshow hier, im Olympiastützpunkt Potsdam. Und mittendrin ich, mit Februar-Figur. Ich stretche lieber erstmal submaximal, bevor ich koordinative Experimente wage. Die appetitliche Hochspringerin schenkt mir einen jener Blicke, die Männer in den besten Jahren überhaupt nicht ausstehen können: zu alt, zu dick, peinlich langsam und auch noch mies angezogen, sagt ihr strenges Auge. Blöde Pute.
Wer zahlt denn den Spaß hier? Oh, Entschuldigung, böser Gedanke.
Jetzt, da Gauck den Ostdeutschen zur Krone der Schöpfung hochsingen wird, sollte ich meine Kontakte nach "drüben" vielleicht optimieren. Immerhin: Ich bin freiwillig schon mal bis Potsdam gekommen, ein relativ bedeutungsloser Vorort von Berlin, wenn es nicht zufällig die Landeshauptstadt von Brandenburg wäre.
Dies liegt auf der Hitliste der Bundesländer nicht ganz im oberen Drittel. Hier leben ja nur noch Goldsucher und Opossumjäger. Dafür gibt es keine Maschsee-Connection oder Dialog-Partys. Wie auch, redet ja kaum einer.
Dafür leisten sich unsere Freunde im nahen Osten aus dem Länderfinanzausgleich einen Olympiastützpunkt. Eigentlich dürfen hier nur richtige Athleten hin. Und Menschen mit Verbindungen. Ich habe mich also in die Halle gemogelt, die auch bei drei Grad Außenminus konsequent auf mediterrane Temperatur hochgeheizt wird wie früher die Plattenbauwohnung mit dem Vierkantschlüssel.
"Jetzt nochmal eine Runde Feuer!"
Meister Yoda sagt, ich möge so langsam mal all die geschwänzten Tempotrainings der letzten sieben Jahre nachholen. Jetzt also Profi-Training unter Profi-Bedingungen. Fehlt nur der Profi-Sportler. Ein verhängnisvoller Plan. Denn in Hallen gibt es noch viel weniger Ausreden als sonst. Auf den Millimeter exakt ausgemessene 200-Meter-Bahn. Kein Regen, kein Gegenwind, keine Schlaglöcher. Ein sensationell sauberer Waschraum in Gehweite.
Dafür lungert Yoda mit Stoppuhr an der Bahn und sagt Aufmunterndes wie: "Bisschen langsam!" Weiß ich selbst. Oder nach 800 Metern: "Jetzt noch mal eine Runde Feuer!" Sehr witzig.
Dreimal 1000 Meter sind geschafft - und ich auch. Massiver Laktatüberschuss vernebelt den Blick. Gut so. Dann merke ich nicht, dass die Schnellen mich zweimal überholen. Ich gehe meinen Verletzungskatalog durch: Mit welchen eindeutigen Gesten mache ich der blöden Hochspringerin klar, dass ich noch Chancen für die London-Quali habe, was ich aber leider ausgerechnet heute nicht so zeigen kann?
Schluss mit Grübeln. Yoda pfeift zur nächsten Runde. Mörderisches Ziehen im Knöchel. Ein nahender Ermüdungsbruch, garantiert. Die ersten 100 Meter gehen noch. Bei 200 wieder mein Lieblingsspruch: "Bisschen langsam!" Soll sich freuen, wenn ich überhaupt noch mal vorbeikomme und nicht auf der Gegengeraden verrecke.
Ich versuche, der Hochspringerin einen entspannten Blick zuzuwerfen und gleichzeitig unheimlich schnell auszusehen. Sie guckt nicht mal. Ich hoffe auf die erste Fundamentalansprache von Joachim Gauck, Thema: "Wessis haben zwar nichts drauf, bemühen sich aber manchmal."
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