Achilles' Verse: Power dank Pillen

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Wer als Läufer mithalten will, muss über pharmazeutische Kenntnisse verfügen. Sonst droht schnell der Amino-Enzym-GAU. Und das kann keiner wollen. Nur wohin mit dem Stoff? Soll ja nicht jeder ran an die Wundermittel. Die eigenen Laufschuhe sind auf Dauer nicht der richtige Platz. Es drohen ungewollte Reaktionen.

Läufernahrung: Kraft aus dem Labor
DPA

Läufernahrung: Kraft aus dem Labor

Gestern war ein Glückstag. Am Eingang bei Aldi lugten gleich neben dem WC-Schaumreiniger der Geschmacksrichtung "Tropic" Pillen vom Grabbeltisch: L-Carnitin&Vitamin E, zum halben Preis. Nuggets! Der typische Aldi-Kunde verschmähte diese wunderbaren Kapseln offenbar, er verdrückt beim Walking lieber fettige Muffins mit Negerküssen drauf.

L-Carnitin ist wie Koks für den ambitionierten Läufer. Noch an der Kasse habe ich eine Handvoll verputzt. Das Zeug kurbelt den Fettstoffwechsel an, natürlich nur, wenn man dazu reichlich Niacin und Biotin wirft. Da kann man dem Hüftgold beim Schmurgeln zuhören. Man muß das Zeug nur lange genug nehmen. Irgendwann ist es bestimmt auch bei mir so weit.

Den Radrennfahrer Rudi Altig nannten sie die "rollende Apotheke", weil zwischen 40 zweifelhaften Substanzen in seinen Adern kaum noch Platz für Blut gewesen sein soll. Rudi, alter Waisenknabe, das war harmlos! Wenn sich Läufer heute das Knie aufschlagen, müssen die Blutstropfen auf der Sondermülldeponie entsorgt werden. Denn neben Carnitin schwappen Kreatin (Muckis) und Guarana (Speed), verschiedenste Eiweiße sowie Eisen (rote Blutkörperchen) in einer Lake aus Calcium (Knochen) und Magnesium (Krämpfe), gewürzt mit Zink (Abwehr) sowie den Vitaminen A bis Z. Erst der Schuss Selen (Bindegewebe) aber rundet ein Bouquet ab, das allerdings ohne eine Spur Acetylcholin (Gefäßerweiterung, leider auch Darmtätigkeit) und einem Ideechen Glukosaminsulfat (Knorpel) nicht rund wäre.

Modedroge des Frühjahrs ist die Aminosäure. Ohne Alanin (Glukoseaufbau), Isoleucin (noch mehr Muckis), Tryptophan (Wachstum) und Valin (gutes Wetter) gehe ich gar nicht aus dem Haus. Damit das gute Gewissen nicht zu kurz kommt, pfeife ich noch ein paar Naturprodukte ein: Weinessigkapseln (Glykogenspeicher), Grünlippmuschelextrakt (Gelenke) und Weizenkeimessenz (weiß ich nicht mehr). Davon merke ich zwar genauso wenig wie von dem anderen Zeug. Aber wenn ich Öko-Krempel kaufe, dann habe ich Plus auf meinem Gutmenschenkonto und kann mir das Mülltrennen sparen.

Pulver und Pillen sind für den trainierenden Mann, was für Frauen die Kosmetik ist: Weil es teuer ist, spürt man sofort deutliche Verbesserungen. Mein Dealer ist ein 150-Kilo-Ungetüm im Pitbull-Sweatshirt mit abgeschnittenen Ärmeln. Oberarme wie Ottfried Fischer Oberschenkel, nur härter. Sein Laden liegt schräg gegenüber von "Bikeline" und ist immer leer. Dafür gibt er Kraftpulver in Farbeimergrößen ab. Allein der Einkauf hier gibt mir Kraft. Zum Glück nimmt er Kreditkarten.

Neulich habe ich versucht, den Hersteller des Kreatins zu googlen. "Site wird überarbeitet" - klingt ja superseriös. Da keimt der Verdacht, die kaufen einen Doppelzentner Kalk im Baumarkt, füllen das Pulver um, schreiben "Amino-Carbo-Power" und "39.99 Euro" drauf.

Guru Greif ist auch so einer: Der tut, als wäre er Trainer, dabei betreibt er eine Internet-Apotheke. Jede zweite Woche preist er einen Hinterhof-Forscher an, der bei Versuchen mit drei altersschwachen Hamstern einen Wunderstoff entdeckt hat. Und den gibt es rein zufällig vier Wochen vorm Marathon, wenn alle Panik schieben, zum Sonderpreis.

Am schlauesten stellt es die Firma Loges an. Die mischen etwas Vitamin E mit Magnesium, Kieselerde und dem Hausfrauen-Extasy Johanniskraut, nennen es "Anabol Loges" und schreiben einen Mondpreis drauf. Großartige Idee. Kaum hört der Ausdauer-Freak "anabol", bestellt er reflexartig, weil da ja ein winzigkleinesbisschen Illegales drin sein könnte. Ich sollte Früchtetee unter dem Namen "THCokespeedorade" auf Karls Schulhof verkaufen - das liefe bombig.

Aromasafe: Dann doch lieber im Werkzeugkasten
Achim Achilles

Aromasafe: Dann doch lieber im Werkzeugkasten

Läufer sind wie Techno-Teenies, die probieren jede Droge. Wenn morgen irgendwo steht, dass Gurgeln mit Klärschlamm gut fürs Tempo ist, lägen tags darauf Deutschlands Klärbecken trocken. Millionen Läufer hätten sie leer gesoffen. Und ich hätte jeden niedergeschlagen, der sich mir dabei in den Weg gestellt hätte.

Zwei Probleme haben die ganzen Wundermittel allerdings. Erstens: Wie versteckt man all die Dosen, Flaschen und Pillenpackungen vor Mona? In vier Paar Laufschuhen bekommt man nicht viel untergebracht. Und wirklich appetitfördernd sind die speckigen Aromasafes auch nicht. Im Auto unterm Reserverrad war viel Platz, aber nur, bis das Aldi-Carnitin kam. Ich überlege, Kunst zu kaufen, was großes hohles, eine Stoiber-Büste vielleicht.

Problem Nummer zwei ist gravierender: die Wechselwirkungen. Kalzium und Magnesium sollen sich aufheben, die Vitamine E und C bei zeitgleicher Einnahme sofort letal wirken. Eisen stopft, Aminosäuren und auch Magnesium führen dagegen zu unkontrollierter Darmentleerung. Kreatin lagert Wasser ein und Zink macht schlapp.

Eines habe ich in Selbstversuchsreihen immerhin herausgefunden: zwei, drei Eisenpillen, und die Schotten sind 48 Stunden zuverlässig dicht. Da kommt nicht mal Magnesium durch. Dazu passt Vitamin E. Am nächsten Tag gibt's dafür Kalzium mit Vitamin-C-Beilage. Am virtuosen Einsatz der restlichen zwei Dutzend Substanzen feile ich noch.

Neulich fragt mich mein Lauffreund Klaus Heinrich, ob bei mir denn molybdänmäßig alles im grünen Bereich sei. Berechtigte Frage: Spontan spürte ich Mangelschmerz. Wie konnte mir das passieren, wo Molybdän doch sogar in der Stahlindustrie verwendet wird und im Raketenbau? Das sollte jeder Läufer im System haben. Und Mona wird auch keinen Verdacht schöpfen. Ich pack das Zeug einfach in meinen Werkzeugkasten.

Achim Achilles

P.S.: Haben Sie auch Fragen, Anmerkungen, ein Lob für meine einfühlsame Art? Wollen Sie eine Beratung oder gibt es ein Lauf-Thema, das Sie umtreibt? Dann schicken Sie doch einfache eine Mail an meine Adresse.

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insgesamt 1475 Beiträge
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1. Thema gestorben?
Paulizei 11.04.2005
Hallo liebe Laufsportfanatiker, Walker-Hasser oder -Anwälte, Spiegelleser oder sonstige Ehrgeizlinge! Hat diese herrliche Thema den Umzug ins neue Forum nicht überlebt oder seid Ihr in Woche 2 vor dem Olympus Marathon alle so intensiv im Lauftraining, dass keine Zeit mehr für weltliche Angelegenheiten wie das Internet bliebt? Es grüsst Euch Eure Startnummer 16781
2. Pillen-Anleitung
seductive 12.04.2005
also, ich find ja den Beitrag von Achilles sehr lustig. Leider glauben echt viele Leute dran, dass das Zeug was hilft. Ich muss gestehen, einige Sachen muss ich auch nehmen, allerdings nach Anraten des Arztes. Dass Eisen stopft, hab ich selbst noch nie bemerkt. Magnesium gegen die Krämpfe - wenn ich das mal einige Wochen nicht nehme, weiß ich genau, dass ich beim Spitzentanz nach einigen Minuten wieder fiese Krämpfe in den Fußsohlen kriege, die mir schwerelose Drehungen und minutenlange Balance unmöglich machen. Vitamine etc. nehme ich mit der Nahrung genug auf, nur an Magnesium und Eisen fehlt es mir oft. dass die sich gegenseitig aufheben, ist klar. Zink gegen die Erkältung, das ist doch auch selbstverständlich. Man sollte nicht jedes Mittelchen verteufeln. Aber wahre Sportler greifen sowieso lieber zur altbekannten ACE-Mischung (Kenner wissen, was ich meine). Ob man dann evtl. weit vor der Zeit einen Herzkasperl kriegt und vielleicht mit 25 tot umfällt, ist ja egal - denn man trainiert ja effektiver...
3.
Carmen Cienfuegos 19.04.2005
---Zitat von sysop--- Jogging, obwohl eine fast schon archaische Form des Fitnesstrainings, bleibt nach wie vor angesagt. Unser Kolumnist Achim Achilles ist ein Durchschnittssportler, aber einer mit Ambitionen. Er läuft, weil er will und muss. Er kämpft um Kondition und gegen die Bequemlichkeitsverfettung. Sind Sie auch ein "heimlicher Achim"? Wie halten Sie es mit dem Training? Joggen wie Achilles? Oder was ist Ihr Rezept gegen Bauch und Trägheit? ---Zitatende--- Dem Marathon Achim rate ich: Creme alle Koerperteile die wundlaufen oder heisslaufen koennen mit Calendula Babycreme ein. Lass die billige Vaseline weg. Keine Chemie oder Drogen schlucken. Doping ist fuer loser. Mental stark antreten. Hoer dir volle Lautstaerke per Headset die Musik: We are the Champions oder Like a rock oder Against the Wind etc. an. Harte Sohlen fressen (wie beim Auto) weniger Energie. Alles andere ist Gummizelleneffekt. Das Abrollen der Sohlen macht den Lauf weich, elegant und elastisch. Das kann man sich antrainieren. Viel Glueck und Willenstaerke.
4.
robbatberlin 26.04.2005
Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :)
5. Herzlichen Glückwunsch
Paulizei 26.04.2005
---Zitat von robbatberlin--- Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :) ---Zitatende--- Ist doch normal, oder? Ich jedenfalls bin bisher zwar erst 2 Marathons gelaufen, falle danach aber offenbar immer in ein psychisches Loch. Spätestens bei Kilometer 30 kommt die Einsicht, wie schwachsinnig es ist, im dritten Jahrtausend noch 42km zu laufen. So schlimm sind die Benzinpreise nun auch wieder nicht. Nach Überschreiten der Ziellinie stand dann beide Male fest: Nie wieder! Wo ich letztes Mal noch in 48stündige Bewusstlosigkeit fiel, konnte ich diesmal nach einem langen heißen Bad wenigstens schon wieder ohne fremde Hilfe gehen, was mich zu dem Schluß wird, dass die körperlichen Konsequenzen von Mal zu Mal weniger schlimm ausfallen. Das psychische "Down" bleibt aber vermutlich. Sorgen würde ich mir an Achims Stelle nur machen, wenn er nicht von allein scharf drauf wird, seine eigene Bestzeit zu knacken, nachdem die Schmerzen erstmal verflogen sind... In dem Sinne :-)
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