Achilles' Verse Rechnen am Riegel-Regal

Vor dem Training kann man sich ruhig mal was gönnen, denkt sich Achim Achilles. Doch nach einem Boxenstopp mit Eis, Limo und Schokoriegel hilft alle Schönrechnerei nicht mehr. Unerbittlich und heimtückisch schlagen die Kalorien zurück.

Regal im Supermarkt: Selbstbetrug bei der Kalorienaufnahme
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Regal im Supermarkt: Selbstbetrug bei der Kalorienaufnahme


Als guter Ökologe fahre ich natürlich mit dem Auto zum Training. Ich will die Umwelt ja nicht mit übermäßig viel ausgeatmeter Läuferluft verpesten. Mona stellt unser Auto gern mit nahezu leerem Tank ab - eine Art Stresstest. Wer hat die besseren Nerven? Wer fährt länger mit der blinkenden gelben Tanklampe an den Zapfsäulen vorbei?

An Trainingstagen freue ich mich unbändig über das Blinklicht. Denn das Warngelb gibt mir einen guten Grund für den Boxenstopp. Früher wurde hier mal Benzin verkauft, inzwischen ist die Tankstelle eine exzellent sortierte Läuferverpflegungsstation.

Hätte mein Körper eine gelbe Lampe, sie würde ständig brennen. Das Auto hat Appetit auf Benzin, ich habe Appetit auf alles. Weil ja gleich Training ist, kann ich mir jetzt problemlos einen Schokoriegel, zwei Laugenbrezeln und ein Fläschchen Limo genehmigen, eventuell noch ein Eis dazu, aber nicht so ein kleines, das sofort wegschmilzt. Gewichtsprobleme? Ach was. Ich laufe mir den ganzen Kram ja gleich wieder runter.

Das Problem dabei: Der Läufer neigt dazu, fortwährend mathematisch heikle Berechnungen anzustellen. Das Grundgesetz lautet: Aufgenommene Kalorien werden prinzipiell gedrittelt, abzulaufende Kalorien dagegen locker verdreifacht. Laugenbrezeln, Eis, Limo und Schokoriegel zum Beispiel machen gefühlte, na ja, sagen wir mal 270 Kalorien, auch wenn es in Wirklichkeit wahrscheinlich an die 1000 Kalorien sind. Im Training wiederum verbrenne ich gefühlte 2000 Kalorien. Irgendwo habe ich gelesen, dass ein 100-Kilogramm-Mann über 1500 Kalorien vernichtet, wenn er eine Stunde lang mit 15 Kilometer pro Stunde läuft. Zwar stimmen die 100 Kilogramm nicht, jedenfalls nicht ganz, und 15 Kilometer würde ich in einer Stunde bestenfalls auf Rollschuhen zurücklegen. Aber die 1500 Kalorien nehme ich trotzdem, auch wenn das Training höchstens die Hälfte verbraucht.

Selbstbetrug beim Kalorienrechnen

So stehen am Ende zwei völlig unterschiedliche Ergebnisse, aber ein eindeutiger Tatbestand: Selbstbetrug. Wenn ich gefühlte 270 Kalorien tanke und 1500 Kalorien zu verbrauchen glaube, dann bleibt ein sattes Minus von 1200 Kalorien. Diese Gutschrift kann ich nach dem Training in Form eines prallen Käsetellers gleich wieder nachladen, plus Belohnungsbier natürlich.

Die böse Realität sieht leider ganz anders aus: 1000 Kalorien aufgenommen, aber nur 750 Kalorien verbrannt, das ergibt ein Hüftplus von 250 Kalorien, das sich zusammen mit dem Mitternachts-Käse auf über 1000 Kalorien addiert. Da ein Kilogramm Hüftspeck aus etwa 7000 bis 9000 Kalorien besteht, dauert es also maximal zwei Monate, bis trotz eisernen Tempotrainings ein ganzes Kilogramm mehr aus der Stretchhose lappt.

Kalorien sind für den Läufer eine Bedrohung wie sonst nur Fußpilz und Walker. Dabei heimtückisch wie Herpesviren: unsichtbar, überall und ziemlich zahlreich. Wenn man sie spürt, ist es längst zu spät. Dann haben sie sich längst ausgebreitet an Körperstellen, die man auch mit der stärksten Kompressionswäsche kaum verbergen kann.

Und hinderlich sind sie auch. Auf zehn Kilometer bremst ein Kilogramm Körpergewicht um ungefähr 25 Sekunden. Ein Jahr lang Tankenstopp ist also ziemlich genau zu beziffern: mit zwanzig Minuten mehr beim Marathon, trotz Trainings.

Bleibt die große Glaubensfrage: Rechnen wir uns das Leben falsch, aber schön? Oder lassen wir uns von brutalen Zahlen terrorisieren? Wollen wir das Glück an der Zeitnahme verspüren oder am Riegel-Regal? Schöner spachteln oder schneller laufen? Fakt ist: Beides geht nicht. Aber wir versuchen es trotzdem immer wieder. Spätestens morgen, beim nächsten Boxenstopp.



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