Achilles' Verse: Rekord im Kühlschrank-Marathon

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Langsam wird es kälter und Achim immer langsamer. Unser Wunderläufer schafft nichts mehr, das Sofa ist sein bester Freund. Fast jedenfalls. Noch lieber hat er seinen neuen Mitbewohner - einen reinrassigen Schweinehund. Kluge Wahl: Dieses Haustier muss nie vor die Tür.

Das Sofa saugt mich ein. Eine eigenartige Starre hat sich meines Körpers bemächtigt. Das Heben der Fernbedienung erfordert übermenschliche Kräfte. Karl und Mona sind im Kino. "Ich geh laufen", hatte ich gesagt. Das war eine Lüge. Ich sollte laufen. Aber ich kann nicht aufstehen. Seit Wochen. Ich mag nicht. Es ist zu warm für den Herbst. Das ist verdächtig. Der Kälteeinbruch lauert garantiert schon an der deutschen Grenze. Er kommt genau dann, wenn ich losgelaufen bin. Und ich hole mir eine Zerrung oder Schlimmeres. Ein Japaner soll sich neulich beim Lauftraining das Gemächt abgefroren haben.

Dekoratives Ruhe-Utensil: Schnell auf dem Sofa
DPA

Dekoratives Ruhe-Utensil: Schnell auf dem Sofa

Es könnte auch regnen. Mit einer Lungenentzündung ist nicht zu spaßen. Ich müsste Antibiotika nehmen und dürfte nicht laufen. Ist doch viel gesünder, wenn man ohne Antibiotika nicht läuft. Auf nassem Laub kann man außerdem ausrutschen und sich alles brechen. Ich huste trocken. Vogelgrippe im Anflug. Mir tut alles weh. Laufen? Lebensgefährlich, in meinem Zustand. "Sie sind schneller als Sie denken", sagt der US-amerikanische Laufpapst James Fixx. Ja, schneller auf dem Sofa.

Seit September bin ich nicht mehr ordentlich gelaufen. Regeneration ist wichtig. Sagen alle Mediziner. Gerade in meinem Alter. Der Infarkt lauert hinter jedem Kilometerstein. Im linken oberen Brustbereich zieht es so merkwürdig. Ich regeneriere sicherheitshalber noch ein Weilchen. Laufen ist eh langweilig. Und anstrengend. Ich habe ohnehin nichts zum Anziehen. Meine im Internet gestalteten Trendtreter schauen mich vorwurfsvoll an. Sie sehen gut aus, so nagelneu. Wollen geschont werden, gerade in dieser schmutzigen Jahreszeit.

Ich habe die Laufbücher rausgekramt. Die Motivationstricks sind überall gleich schlecht. Tolle Idee: Laufschuhe vors Bett stellen, damit man sie beim Aufstehen gleich sieht. Mir doch egal. Ich gucke sie seit Wochen jeden Morgen mit Abscheu an. Man möchte ja wenigstens anspruchsvoll veräppelt werden. Besiegen Sie Ihren inneren Schweinehund, schreien Ulrich Strunz und Co. Warum soll ich ihm wehtun? Ich mag meinen Schweinehund. Er ist wie ich. Er will auch nicht laufen. Der einzige sympathische Hund auf der ganzen Welt. "Du brauchst ein Ziel", sagt Lauf-Guru Herbert Steffny. Welches Ziel? Der November ist der brutalste Monat des Läufers. Zeit ohne Ziele. Saison vorbei. Ich war schlecht wie immer. Das nächste Rennen ist noch weit. Und ich werde nicht besser sein. Also Sofa.

Mir ist schlecht. Vielleicht hätte ich die 1000-Gramm-Packung mit den puddinggefüllten italienischen Keksen als Betthupferl aufbewahren sollen. Auf die drei Kohlrouladen mit Rahmwirsing von heute Mittag kommen die Kekse gar nicht gut. Schon gar nicht mit der Lage dazwischen, einer Doppelportion Amaretto-Eis, das sich um die Bratkartoffeln schmiegt. Wer im Lauftraining steckt, kann essen, was er will und wird nicht dicker. Ich esse, was ich will. Aber ich laufe gerade nicht. Gestern habe ich ein neues Loch in den Gürtel gebohrt - es ist das letzte, danach hilft nur noch eine Büx mit Gummizug. Die passt (sich) immer (an).

Ich sollte mich mal wieder auf die Waage stellen. Lieber nicht. Das Ding zeigt sehr unsauber an. Der Schock wäre womöglich groß, und meine Motivation völlig dahin. Morgen gehe ich zum Arzt. Er wird mir eine Laktat-Allergie bescheinigen. Vielleicht darf ich in den Computertomografen. Jeder hat eine exotische Krankheit. Nur ich nicht.

Ich kann nicht so einfach wieder anfangen. Es wird wehtun. Ich werde mich hassen für meine Langsamkeit. Alle werden auf mich zeigen und grienen. Ich, der einsamste Mensch im Land des Hechelns. Quälende Sinnfragen: Warum soll ich laufen? Ich werde eh nicht schneller. Kenne jeden Feldweg. Habe panische Angst vor Kälte. Warum halten Tiere Winterschlaf? Mir reicht der Gedanke, dass ich wieder anfangen könnte, jetzt sofort, wenn es sein müsste. Aber es muss ja nicht sein.

Der Schlüssel klimpert in der Tür. Mona und Karl kommen zurück. Ich stelle mich schlafend. Karl springt mir auf den Bauch. "Schön weich", sagt er. Ich bin für die Wiedereinführung der Prügelstrafe. "Hast du etwa zweieinhalb Stunden auf dem Sofa gelegen?", fragt mich meine hyperaktive Gattin. "Natürlich nicht", sage ich, nahezu wahrheitsgemäß. Schließlich bin ich zweimal aufgestanden, um den Kühlschrank nach einer kleinen Zwischenmahlzeit zu durchsuchen. Der Hungerast ist ja das Schlimmste, was Läufern passieren kann.

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insgesamt 1475 Beiträge
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1. Thema gestorben?
Paulizei 11.04.2005
Hallo liebe Laufsportfanatiker, Walker-Hasser oder -Anwälte, Spiegelleser oder sonstige Ehrgeizlinge! Hat diese herrliche Thema den Umzug ins neue Forum nicht überlebt oder seid Ihr in Woche 2 vor dem Olympus Marathon alle so intensiv im Lauftraining, dass keine Zeit mehr für weltliche Angelegenheiten wie das Internet bliebt? Es grüsst Euch Eure Startnummer 16781
2. Pillen-Anleitung
seductive 12.04.2005
also, ich find ja den Beitrag von Achilles sehr lustig. Leider glauben echt viele Leute dran, dass das Zeug was hilft. Ich muss gestehen, einige Sachen muss ich auch nehmen, allerdings nach Anraten des Arztes. Dass Eisen stopft, hab ich selbst noch nie bemerkt. Magnesium gegen die Krämpfe - wenn ich das mal einige Wochen nicht nehme, weiß ich genau, dass ich beim Spitzentanz nach einigen Minuten wieder fiese Krämpfe in den Fußsohlen kriege, die mir schwerelose Drehungen und minutenlange Balance unmöglich machen. Vitamine etc. nehme ich mit der Nahrung genug auf, nur an Magnesium und Eisen fehlt es mir oft. dass die sich gegenseitig aufheben, ist klar. Zink gegen die Erkältung, das ist doch auch selbstverständlich. Man sollte nicht jedes Mittelchen verteufeln. Aber wahre Sportler greifen sowieso lieber zur altbekannten ACE-Mischung (Kenner wissen, was ich meine). Ob man dann evtl. weit vor der Zeit einen Herzkasperl kriegt und vielleicht mit 25 tot umfällt, ist ja egal - denn man trainiert ja effektiver...
3.
Carmen Cienfuegos 19.04.2005
Zitat von sysopJogging, obwohl eine fast schon archaische Form des Fitnesstrainings, bleibt nach wie vor angesagt. Unser Kolumnist Achim Achilles ist ein Durchschnittssportler, aber einer mit Ambitionen. Er läuft, weil er will und muss. Er kämpft um Kondition und gegen die Bequemlichkeitsverfettung. Sind Sie auch ein "heimlicher Achim"? Wie halten Sie es mit dem Training? Joggen wie Achilles? Oder was ist Ihr Rezept gegen Bauch und Trägheit?
Dem Marathon Achim rate ich: Creme alle Koerperteile die wundlaufen oder heisslaufen koennen mit Calendula Babycreme ein. Lass die billige Vaseline weg. Keine Chemie oder Drogen schlucken. Doping ist fuer loser. Mental stark antreten. Hoer dir volle Lautstaerke per Headset die Musik: We are the Champions oder Like a rock oder Against the Wind etc. an. Harte Sohlen fressen (wie beim Auto) weniger Energie. Alles andere ist Gummizelleneffekt. Das Abrollen der Sohlen macht den Lauf weich, elegant und elastisch. Das kann man sich antrainieren. Viel Glueck und Willenstaerke.
4.
robbatberlin 26.04.2005
Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :)
5. Herzlichen Glückwunsch
Paulizei 26.04.2005
Zitat von robbatberlinFind ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :)
Ist doch normal, oder? Ich jedenfalls bin bisher zwar erst 2 Marathons gelaufen, falle danach aber offenbar immer in ein psychisches Loch. Spätestens bei Kilometer 30 kommt die Einsicht, wie schwachsinnig es ist, im dritten Jahrtausend noch 42km zu laufen. So schlimm sind die Benzinpreise nun auch wieder nicht. Nach Überschreiten der Ziellinie stand dann beide Male fest: Nie wieder! Wo ich letztes Mal noch in 48stündige Bewusstlosigkeit fiel, konnte ich diesmal nach einem langen heißen Bad wenigstens schon wieder ohne fremde Hilfe gehen, was mich zu dem Schluß wird, dass die körperlichen Konsequenzen von Mal zu Mal weniger schlimm ausfallen. Das psychische "Down" bleibt aber vermutlich. Sorgen würde ich mir an Achims Stelle nur machen, wenn er nicht von allein scharf drauf wird, seine eigene Bestzeit zu knacken, nachdem die Schmerzen erstmal verflogen sind... In dem Sinne :-)
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