Achilles' Verse: Rundkurs des Grauens

Wunderläufer Achim Achilles schindet sich beim Winterrennen eines Berliner Sportvereins. Kein Wellness-Jogging, keine Rotwein-Verkostung wie beim Merlot-Marathon - dafür ehrliche Plackerei von der Autobahn bis zum Heizkraftwerk. Wer hier durchhält, den kann nichts mehr erschüttern.

Jogger im verschneiten Berlin: Nichts für Weicheier Zur Großansicht
dpa

Jogger im verschneiten Berlin: Nichts für Weicheier

Berlin hat großartige Sportereignisse zu bieten: Basketball-Albatrosse, Handball-Füchse, Eishockey-Eisbären und bisweilen Fußball-Frösche, wenn ein sehenswerter Gegner kommt. Für Volksathleten gibt es Marathon und Velothon. Der Walkathon dagegen wurde wieder abgeschafft, mit Rücksicht auf die Touristen, die ja nicht in die Hauptstadt reisen, um Elend zu sehen.

Wahre Sportdramen finden eben im Verborgenen statt, ohne Zuschauer und Getränke, dafür zwischen Spätheimkehrern und Frühschrippenholern, die sich wundern, warum Hunderte Bonbonfarbene an frühen Januarsonntagen eine Prozession absolvieren: Ist schon wieder Karneval? Freilaufende Hare Krishnas? Oder eine Off-Modenschau von total flippigen Jung-Designern aus Berlin-Mitte?

Nichts davon. Es ist Winterlaufserie des BSV 1892. An drei Sonntagen im ersten Monat des Jahres treffen sich die Härtesten der Läuferschar zu einer brutalen Prüfung für Körper und Seele, über zehn und 15 Kilometer sowie die Halbmarathon-Distanz, die alljährliche Seepferdchen-Prüfung des ambitionierten Ausdauersportlers.

Übermotivierter Jungsportler mit perfekt sitzendem Fön-Scheitel

Die landschaftlich einzigartige Strecke führt entlang der Stadtautobahn direkt aufs Heizkraftwerk zu, an Parkplätzen, Büroklötzen und malerischen Altglascontainern vorbei bis zum sechsspurigen Hohenzollerndamm. Und dann wieder von vorn, neun elende Runden lang. Der Friedhof liegt Luftlinie keine 300 Meter entfernt. Manchmal weht von der Eisbahn Musik herüber.

Spätestens auf der dritten Schleife rast ein übermotivierter Jungsportler mit perfekt sitzendem Fön-Scheitel vorbei. Überrunden ist eine feine Sache, solange man nicht der Überrundete ist. Gewinnen ist wiederum nicht so wichtig, weil es eh keine Siegprämie gibt. Sonst hätte ich mich natürlich drangehängt. Aber ohne Aussicht auf richtig Kohle mach' ich mich nicht kaputt. Die Chance auf neue Bestzeit ist hier trotzdem groß: einfach eine Runde weniger laufen. Merkt kein Mensch.

Erfrorene findet man spätestens am nächsten Sonntag

Auf dem Rundkurs des Grauens winken reichlich Chancen auf die erste hässliche Verletzung des Jahres: Bordsteine für die Knöchel, Dornengebüsch für schicke Ratscher im Gesicht und hüfthohe Poller für die satte Sofortquetschung für zwischendurch. Die 14 Grad minus vom letzten Jahr immerhin toppen jedes Kühlpack. Etwaige Erfrorene findet man übrigens spätestens am nächsten Sonntag, wenn wieder gelaufen wird.

Zu den großen Missverständnissen in der 15 Millionen starken deutschen Lauf-Familie gehört ja der Wellness-Mythos, Sport müsse Spaß machen, in ansprechender Umgebung stattfinden und am besten noch die Bildungslücken schließen. Also wird in Rom gelaufen, in Barcelona oder Jerusalem: Stadt besichtigen im Jogging-Tempo, am besten noch die Kamera dabei und den Reiseführer. Oder Rotwein-Verkosten beim Merlot-Marathon, Riesling-Schwämme an der Weinstraße oder eine Wurst beim Ahrensburger Lümmellauf. Vegetariern winkt der gelbe Lümmel, der in anderen Kulturkreisen auch "Banane" genannt wird.

Beim BSV gibt's gar nichts. Wenn Schnee liegt, kann man unterwegs mal eine Handvoll nehmen, aber nicht den gelben - die Wahrscheinlichkeit, dass ein mitfühlender Sportsfreund wirklich ein Elektrolytgetränk an den Laternenpfahl gekippt hat, ist eher gering. Lauf-Kollege René meutert über 14 Euro Startgebühr. Warum? Immerhin gibt es dafür zwei Sicherheitsnadeln, um die Nummer zu befestigen.

Der Start selbst gerät zu einem feinen Intelligenztest. Wo könnte diesmal die magische Linie sein? Je nach Wetter und Laune der Veranstalter wird die Streckenführung ebenso spontan geändert wie die Startzeit. Und einen Schuss zum Auftakt gibt es auch nicht, weil sich Anwohner beschwert haben sollen. Ist ja auch eine Zumutung, so ein Knall, der plötzlich durch das monotone Autobahn-Röhren peitscht.

Aber wir wollen nicht meckern. Die aufrechte Läuferseele ist dankbar für jede Prüfung. Konfuzius sagt: "An einem edlen Pferd schätzt man nicht seine Kraft, sondern seinen Charakter." Wer diese Winterlaufserie durchsteht, der braucht nicht nur Kraft und Charakter, sondern auch Geduld. Denn die Ergebnisse erscheinen zwar im Internet, wären mit der Post aber schneller gewesen. Egal. Winterlaufen macht hart. Wer hier durchhält, ist in der kommenden Saison durch nichts mehr zu erschüttern.

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Seit einigen Jahren schreibt er seine Kolumnen, jetzt geht Kultläufer Achim Achilles online - mit seiner Web-Seite www.Achim-Achilles.de. Das Portal bietet den Millionen Läufern hierzulande Infos, Tipps und Spaß - für Einsteiger wie Laufprofis. Die lebendige Läufer-Community tauscht letzte Weisheiten aus, ein halbes Dutzend Experten berät kostenlos. Immer nach dem Motto des Bestseller-Autors Achilles: "Laufen, leiden, lachen, leben".

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