Achilles' Verse: Windschatten-Lutscher und Shampoo-Champs

Achim Achilles hat die Sportart gewechselt und beim Jedermann-Radrennen in Berlin teilgenommen. Dabei musste er erfahren, dass kein Swinger-Club mit einem Velothon mithalten kann. Überhaupt bringt der Wunderläufer nur wenig Sympathie für die Oberschicht des Ausdauersports auf.

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Velothon-Teilnehmer in Berlin: Es riecht nach Kreuzberger Hundefrisur

Läufer gelten zu Recht als die Borderliner unter den Öffentlichkeitssportlern. Wer sonst rennt in viel zu eng anliegender Unterwäsche durch belebte Innenstädte, bis der Scheuerbrandschmerz den Schritt verwüstet. Gibt es was Bekloppteres? Aber ja: Radfahrer. Wer den Marathon für eine Show masochistischer Selbstdarsteller hält, hat noch keinen Velothon erlebt; jenes Großstadt-Rennen, das zuverlässig jeden Sonntagsautofahrer auf die Palme bringt.

Ist der Läufer der Kleinbürger des Ausdauersports, so steht der Radler für die deutsche Oberschicht. Selbst konsumkranke Jogger kommen auf maximal 500 Euro Equipment, der Velophile dagegen rollt unter 5000 gar nicht erst an den Kreidestrich. 13.000 Starter in Berlin fahren locker 50 Millionen in Speichen, Zahnrädern und Ledersätteln spazieren. Was an Gewicht zuviel über das Rahmenrohr lappt, wird mit ultraleichten Karbonteilen ausgeglichen. Er wolle sich demnächst Hoden aus Kohlefaser implantieren lassen, erklärt beim Start ein drahtiger Mittfünfziger, das bringe noch mal zwölf bis vierzehn Gramm. Und wehe, einer fasst den Hightech-Hobel ungefragt an - Rad-Freaks neigen schon aus geringeren Anlässen zum Ehrenmord. Zudem bringen Radstürze viel repräsentativere Blessuren: Was ist ein gestauchter Joggerknöchel gegen einen Quadratmeter Schürfwunde mit Straßendreckeinbrand?

In meinem Startblock riecht es nach Kreuzberger Hundefriseur. Aha, ein Leser-Team, zusammengestellt von einer der 600 deutschen Bike-Zeitschriften und gesponsert von einem Koffeinshampoo-Hersteller. Nach Abschaffung des Zivildienstes muss nun jeder Deutsche einmal im Leben in einer Medien-Mannschaft Alpen, Sahara oder die Hauptstadt durchquert haben. Viele kleine Entzündungsherde an den Schenkeln weisen auf unkonzentrierte Last-Minute-Rasuren hin.

Das duftende Dutzend wurde komplett ausgestattet, inklusive Rennmaschine, für die man zwei nagelneue Logans bekäme. Sehen schnell aus, die Shampoo-Champs. Meine Chance auf Windschatten, aber auch Risiko einer Erblindung durch Koffein-Abwind. Nach zehn Kilometern klebt ein knappes Pfund fremden Naseninhalts auf mir. Im engen Feld landet jeder Schneuzer beim Hintermann. Gemessen an der Menge ausgetauschter Körperflüssigkeit kann kein Swinger-Club mit Velothons mithalten.

Grußlos in die Leitplanke

Anders als Laufen bedeutet Radsport einen Intelligenztest. Bereits auf der Kuppe des einzigen kleinen Hügels warnen die Streckenkundigen, das unten eine scharfe Rechtskurve lauert. 400 Meter vor der Kurve große Schilder mit Pfeilen. 200 Meter vorher Helfer mit Trillerpfeifen, die "Rechtskurve, Rechtskurve" brüllen. 100 Meter vorher hebt jeder zweite Athlet warnend den rechten Arm. Und dennoch finden sich stets Hirnis, die grußlos in die Leitplanke donnern. Die Sanitäter haben mit der Mülltrennung gut zu tun: Körperteile in den Krankenwagen, Karbonsplitter in die Restmülltonne.

Spätestens auf der zweiten Hälfte der 120 Kilometer hat fortgesetzter Sauerstoffmangel das Denken abgeschaltet. Goldene Regel: ununterbrochene Kalorienzufuhr. Power-Riegel-Reste auf dem Lenker. Der Jubel in den Brandenburger Dörfern klingt unwirklich. Wohnt hier wirklich noch jemand? Oder gaukelt das Radler-Delirium im Hirn? Nur das Aroma von Koffeinshampoo weist den Weg. Nicht locker lassen. Ich bin zwar völlig am Ende, aber die Kaffeefahrer sehen auch nicht mehr taufrisch aus.

Mit letzter Kraft über das Flugfeld Tempelhof. Garstige Böen. Kleines Problem: Wenn alle im Windschatten lutschen, fährt niemand mehr vorn. Beuger, Strecker und all die anderen Malocher im Oberschenkel verrichten ihre Dienste nur noch unter Protest. Verdammt: Auf dem letzten Kilometer treten die Überfrisierten plötzlich an wie Rennleiter Erik Zabel zu seinen besten Zeiten. Egal. Dafür habe ich mehr vom orgiastischen Jubel der Millionen. Jetzt erstmal ein paar Kilometer laufen, um die Beine zu entspannen.

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