Darts-Finalist Lewis Die Zierde von Stoke

Der Engländer Adrian Lewis hat zum dritten Mal das Endspiel der Darts-WM erreicht. Sein Gegner Gary Anderson ist zwar der Titelverteidiger und große Favorit. Aber Lewis ist viel zu erfahren, um chancenlos zu sein.

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Man darf ohne schlechtes Gewissen behaupten, dass Stoke-on-Trent nicht das Schmuckstück Großbritanniens ist. Die Stadt in den englischen Midlands hat ein Arbeitergesicht, sie muss schon ihren Bahnhof zu den Sehenswürdigkeiten zählen. Die Blütezeit der Keramikindustrie, die Stoke groß gemacht hat, ist lange vorbei, und es ist vielleicht kein Zufall, dass einer der größten Söhne der Stadt Edward John Smith war, der Kapitän der "Titanic". Und Lemmy Kilmister, geboren 1945 in Stoke, ist jetzt auch tot.

Es ist das perfekte Milieu, um Weltklasse-Darter zu gebären.

Stoke-on-Trent mag nicht die Rose Englands sein, aber es ist die Zierde des Dartsports.

Rekordchampion Phil Taylor, 16-facher Weltmeister und die Darts-Legende schlechthin, kommt aus der Stadt. Und jetzt, da Taylors Zeit sich möglicherweise langsam dem Ende zuneigt, steht Adrian Lewis als nächster dartender Stoke-Botschafter bereit. Der 30-Jährige steht am Abend (Beginn 20 Uhr) im Endspiel der WM im Londoner Alexandra Palace. Und auch wenn sein Gegner, der schottische Titelverteidiger Gary Anderson, angesichts seiner bisherigen Überform als Favorit gilt, so ist Lewis doch alles zuzutrauen.

Anderson schon einmal im Finale besiegt

Schließlich hat er das geschafft, was Anderson am Abend erst gelingen muss. Er ist bereits zweifacher Weltmeister. Lewis gewann 2011 und 2012, bei seinem ersten WM-Triumph vor fünf Jahren schlug er Anderson im Endspiel. Die Erinnerung daran sollte ihn am Abend beflügeln: Es war einer der besten Tage in Lewis' Dartkarriere. Nicht nur, dass er Anderson 7:5 bezwang, ihm gelang im Finale auch noch das, wovon jeder Spieler träumt: Ein Nine-Darter, also eine perfekte Wurfserie von neun Treffern, quasi das Hole-in-One des Dartsports.

Bei dieser WM hat es erst einen Nine-Darter gegeben - den hat Anderson in seinem beeindruckenden Halbfinal-Durchmarsch gegen den Niederländer Jelle Klaasen geworfen. Diese Partie war eine einzige Machtdemonstration, ein Manifest des Titelanspruchs für den Schotten. Direkt nach diesem Match gab es wohl niemanden, der daran zweifelte, dass der neue Weltmeister nur der alte sein kann.

Aber im Dartsport sind auch perfekte Spiele oft nur Momentaufnahmen. Anderson hat mehrmals in seiner Karriere großartige Turniere hingelegt, dabei aber eine Partie gespielt, in der gar nichts lief. Und das reicht schon, um den Titel zu verpassen.

Nervenstärke hat er schon bewiesen

Darauf muss Lewis am Abend ein wenig hoffen. Dass er seine Nerven im Griff hat, hat er jedenfalls schon im Halbfinale bewiesen. Als es gegen den Publikumsliebling ging, den Routinier Raymond van Barneveld, den manche despektierlich den Dart-Opa nennen, weil er bereits 48 Jahre alt ist. Der Niederländer hatte die beiden Runden zuvor in zwei schwindelerregenden Aufholjagden überstanden, der ganze Saal drückte ihm gegen Lewis die Daumen, und um zu wissen, was das bedeutet, muss man die Atmosphäre bei der Darts-WM kennen.

Der Alexandra Palace, genannt Ally Pally, ist in diesen Tagen des Dartsports ein notdürftig als Sporthalle getarntes Bierzelt. Mit einem enthemmten Publikum, das Richtung Ballermann auf Mallorca tendiert und sich am liebsten selbst feiert. In dem die zahlreichen deutschen Event-Fans im Raum "Scheiß HSV"-Schals und "Der Club is a Depp"-Plakate hochhalten und der Promillegehalt in der Luft einem Nine-Darter entspricht. Oktoberfeststimmung.

Dieser Saal johlte bei jedem Barneveld-Treffer, aber Lewis ließ sich nicht beirren. Jahrelang hat er schließlich gemeinsam mit dem großen Vorbild Taylor in Stoke trainiert, seit fast 15 Jahren ist er in der Szene dabei, der Engländer ist keiner mehr, den das Gebrüll im Hintergrund großartig aus der Fassung bringt. Am Ende stand es relativ deutlich 6:3 für Lewis, es war die perfekte Revanche für die bittere Niederlage im Vorjahr. Als er als einer der Top-Favoriten anreiste und Barneveld ihn bereits im Achtelfinale rauskickte.

Glück wird er am Abend sicher auch brauchen, um gegen Anderson eine Chance zu haben und die 300.000 Britischen Pfund Preisgeld für den Sieger zu kassieren. Aber mit dem Thema Glück im Spiel hat Lewis ja seine Erfahrung. Wie alle Spitzenspieler hat auch er einen Spitznamen: "Jackpot" wird er genannt. Und das hat seine Geschichte: Lewis hat mal in einem Casino in Las Vegas 75.000 Dollar an einem Spielautomaten gezockt. Das Geld durfte er damals allerdings nicht behalten. Er war noch keine 21 und damit zu jung, um in den USA an Glücksspielen teilnehmen zu dürfen. Das hat Adrian Lewis zur Genüge nachgeholt.

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Beu65 03.01.2016
1. Großes Kino
Das wird ein Riesenmatch heute. Anderson ist dermassen sicher und eiskalt.Freue mich jetzt schon drauf.
P.T 03.01.2016
2. Lewis 9-Darter!
Letztes Match hat Lewis bewiesen, was für ein Tier er ist. Knallhart durchgezogen und zum Schluss noch ein 9-Darter geworfen. Er ist in Top Form, das wird ein sehr spannendes Match heute Abend!
Karbonator 03.01.2016
3.
Zitat von P.TLetztes Match hat Lewis bewiesen, was für ein Tier er ist. Knallhart durchgezogen und zum Schluss noch ein 9-Darter geworfen. Er ist in Top Form, das wird ein sehr spannendes Match heute Abend!
Anderson hat den 9-Darter geworfen, nicht Lewis. Zumindest bei dieser WM. Im Übrigen war Lewis gestern nicht ganz so überzeugend... zumindest gegen Ende, als er die eine oder andere Schwäche gezeigt hat, als Barney aufholte. Anderson würde ihn in seiner jetzigen Form vermutlich deutlich schlagen - wenn Lewis im Finale heute nicht eine Schippe drauf legt im Vergleich zu gestern.
werder11 03.01.2016
4. top-schotten
wie andy murray, steven hendry, john higgins und vor allem heute gary anderson beleben den britischen sport und begeistern nicht nur schotten, aber der "jackpot" hat genug klasse und nur, wenn er die heute abrufen kann, wird auch ein anderson probleme bekommen!
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