Frage: Herr Fehr, warum laufen Afrikaner so viel schneller als der Rest der Welt?
Fehr: Ein wichtiger Aspekt sind die körperlichen Voraussetzungen. Mein Trainer und ich haben noch nie so viele große und nach unseren Maßstäben fast untergewichtige Menschen gesehen wie in Kenia. Die sind fürs Laufen geboren. Kein Gramm Fett und den ganzen Tag auf den Beinen. Ich durfte vier Wochen lang mittrainieren und habe alles gemacht, was die kenianischen Läufer auch machen. Das waren tolle Erfahrungen.
Frage: Haben Sie das Geheimnis der Kenianer gelüftet?
Fehr: Die Höhe macht einen großen Unterschied, da bin ich mir sicher. Die Kenianer wachsen in 2000 Metern Höhe auf und sind an die geringen Sauerstoffwerte gewöhnt. Und: Die Läufer haben keine Ablenkung. Kein Kino, keine Discos. Die stehen morgens auf und laufen.
Frage: Wie kamen Sie mit der Höhenluft zurecht?
Fehr: Bei meinen ersten Laufeinheiten habe ich geschnauft wie ein Walross, obwohl ich sehr langsam gelaufen bin. Erst nach zehn Tagen hatte ich mich an die dünne Luft gewöhnt.
Frage: Trainieren die Kenianer denn auch anders?
Fehr: Ja, das tun sie. In Deutschland ist es so: Da steht man im Stadion, der Trainer mit der Stoppuhr, dann heißt es: fünf Mal 1000 Meter in 3:20 Minuten. Alles wird gestoppt und protokolliert. In Kenia sagt der Trainer: fünf Mal eine Meile, mittleres Tempo. Zwei Hütchen markieren Start und Ziel. Keiner weiß, ob die Strecke wirklich eine Meile lang ist, das ist auch egal. Die Zeit und die Strecke interessieren den Trainer überhaupt nicht. Er schaut nur, ob das Tempo für alle okay ist und dass der Laufstil locker und ökonomisch aussieht. Das Lustige ist: Die Pausen zwischen den Läufen werden gestoppt, die Läufe aber nicht.
Frage: Kamen Sie mit dieser Trainingsweise zurecht?
Fehr: Es war schwer, dieses europäische, zahlengetriebene Denken aus dem Kopf zu kriegen. Ich will immer wissen, wie schnell ich bin. Aber das schafft auch Druck. Wenn man bestimmte Zeiten nicht erreicht hat, ist man enttäuscht. Die Kenianer haken das Training immer als gut ab. Die machen sich keinen Stress mit Zeitvorgaben.
Frage: Trainieren Europäer falsch?
Fehr: Ich dachte immer, die Kenianer haben sicher tolle Trainingsgeräte, dass sie so schnell rennen. Das Desillusionierende ist, dass es genau andersherum ist. Alles, was wir haben, haben die nicht. Und deswegen laufen sie so gut. Einmal haben wir im Stadion Asbel Kiprop trainieren sehen. Der ist Olympiasieger auf 1500 Meter. Und was macht der? Er läuft im Kreis und zieht einen alten Autoreifen am Seil hinter sich her. Unglaublich.
Frage: Fehlt Europäern die richtige Einstellung?
Fehr: Es gibt überall solche und solche. Aber vor allem die jüngeren Kenianer, die noch nichts erreicht haben, sind sehr fokussiert und tun alles für ihren Traum. Die wollen alle nach Europa und arbeiten hart dafür.
Frage: Das Konkurrenzdenken muss ziemlich ausgeprägt sein.
Fehr: Was beeindruckend war und Spaß gemacht hat: Die Kenianer laufen fast immer in der Gruppe. Da wird geguckt, dass man gemeinsam läuft und jeder mitkommt. Da gibt es nicht so einen Konkurrenzkampf wie in Deutschland. Niemand versucht beim Training, die schnellsten Runden zu laufen. Mich haben die sofort integriert. Während des Laufens hatte ich ständig mehrere Finger im Gesicht, die mir den Weg gezeigt haben, damit ich nicht stürze. Das war lustig, wie ein Navigationslauf. Im Wettkampf sieht es dann anders aus. Da geht's voll zur Sache.
Frage: Konnten Sie mithalten?
Fehr: Die wussten, dass ich bei der U-20-WM dabei war und hatten Respekt vor mir. Aber mir ist auch bewusst, dass ich im Wettkampf gegen keinen von denen eine Chance gehabt hätte.
Frage: Sie sind eines der größten deutschen Nachwuchstalente - und waren der Langsamste?
Fehr: Ich habe das Gefühl, dass die Kenianer im Training nicht ansatzweise gezeigt haben, was sie können. Wenn man das weiß, wird man demütiger und sagt sich: Noch bist du gar nichts.
Frage: Gibt's auch irgendetwas, was die Kenianer nicht können?
Fehr: Ja, koordinativ sind sie nicht die Besten. Beim Seilspringen haben sie mich nicht überzeugt (lacht). Auch Kräftigungs- und Haltungsübungen machen die kaum. Das ist eigentlich erschreckend. Wenn die das auch noch machen würden, was passiert dann?
Das Interview führte Frank Joung
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