Von Florian Schröder
Es waren nur noch 13 Runden auf dem Eurospeedway in der Lausitz zu absolvieren, als Alessandro Zanardi als Führender zum letzten Tankstop in die Boxengasse fuhr. Nur noch knapp 50 Kilometer bis zur Zielflagge. Doch die sollte der Italiener nicht mehr sehen, denn es folgte einer der schwersten Unfälle der Motorsportgeschichte: Als Zanardi bei der Boxenausfahrt die Kontrolle über seinen Wagen verlor, konnte Alex Tagliani nicht mehr ausweichen. Der Kanadier prallte mit 320 Kilometern pro Stunde in Zanardis Auto und riss dessen Rennwagen förmlich auseinander.
"Ich müsste tot sein", sagte Zanardi kürzlich der "Sächsischen Zeitung". Er weiß, wie viel Glück er damals hatte. Siebenmal musste er wiederbelebt werden. Im Klinikum Berlin-Marzahn gewann der damals 34-Jährige schließlich den Kampf gegen den Tod - verlor aber beide Beine.
Nur 20 Monate waren seit dem Unfall vergangen, als Zanardi an den Ort zurückkehrte, der sein Leben so grundlegend veränderte. Er wollte das tun, was er an jenem 15. September 2001 nicht konnte: Das Rennen auf dem Lausitzring beenden. So fuhr er unter tosendem Applaus der Zuschauer allein die letzten 13 Runden und zeigte der Welt sein Kämpferherz. Bei den Paralympischen Spielen in London kehrt Zanardi nun erneut auf die große Bühne des Sports zurück.
"Michael Schumacher der Paralympics"
Der Italiener gehört zu den besten Athleten auf dem von Hand beschleunigten Liegedreirad, dem Handbike, gewann 2011 sogar den New York Marathon. Bereits seit 2007 ist Zanardi auf dem Handbike aktiv. Er ist neben Leichtathlet Oscar Pistorius der prominenteste Teilnehmer der Paralympischen Spiele und tritt gleich bei drei verschiedenen Wettbewerben an: Das Zeitfahren findet am Nachmittag um 16.10 Uhr statt, das Einzelrennen am Freitag um 17.30 Uhr und das Teamrennen am Samstag um 18.45 Uhr (alles MESZ).
Der Mann, der sich des Alters wegen selbst als "Michael Schumacher der Paralympics" bezeichnet, fiebert seinem Start seit Monaten entgegen. "Mit jedem Tag, den es näher heranrückt, werde ich ein bisschen trauriger - weil es danach vorbei ist", sagte Zanardi der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung".
Test mit Sebastian Vettel
Der frühere Formel-1-Teamkollege von Ralf Schumacher hatte einige Zeit gebraucht, um sich an sein neues Leben zu gewöhnen. Nach schweren Depressionen und Momenten, in denen Zanardi zu verzweifeln schien, kam er zurück.
Zwischen 2005 und 2009 fuhr "Alex" für BMW in der Tourenwagen-WM und gewann vier Rennen. Möglich machte das ein exakt auf seine Bedürfnisse umgebauter Wagen, in dem er mit der Hand Gas geben und mit der Prothese des rechten Beines bremsen konnte. Der damals 39-Jährige fand sogar noch einmal den Weg zurück in die Formel 1: 2006 testete Zanardi für BMW-Williams in Valencia in einem erneut für ihn umgebauten Auto und fuhr ähnliche Zeiten wie der zweite Testpilot von BMW-Williams - der damals 18-jährige Sebastian Vettel. Die Formel 1 blieb für Zanardi aber ein kurzes Gastspiel.
In seiner letzten Saison bei der Tourenwagen-WM 2009 stieß der Italiener langsam an seine Grenzen, vor allem altersbedingt: "Es gibt bessere und jüngere Fahrer als mich", sagte der mittlerweile 42-Jährige. Ein Leben ohne den Rennsport und den Wettkampf kam für ihn allerdings nie in Frage.
Er strotzt vor Tatendrang und Lebensmut. Seine Behinderung nimmt er mittlerweile mit Humor. Aussagen wie "wenigstens kann ich mich jetzt nicht mehr erkälten, wenn ich Barfuß laufe", oder "wenn ich mir noch mal die Beine breche, brauche ich nur noch einen Inbusschlüssel", zeigen, wie gut sich Zanardi mit seiner Situation arrangiert hat. Das Handbike gibt dem mittlerweile 45-Jährigen genau das, was er immer schon in seinem Leben brauchte: sportlichen Wettkampf und die Möglichkeit, an die eigenen Leistungsgrenzen zu gehen.
Denn das konnte er schon immer.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Sport | Twitter | RSS |
| alles zum Thema Paralympische Sommerspiele 2012 | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH