Altstar gegen Newcomer: Lewis zweifelt an Bolts Weltrekorden

Eine Legende meldet sich zu Wort: Der ehemalige Weltrekordler über 100 Meter, Carl Lewis, hinterfragt die überragenden Leistungen des neuen Sprint-Superstars Usain Bolt aus Jamaika. Leichtathletik-Multitalent Lewis vermeidet Vorwürfe, verweist aber auf die Doping-Historie des Sports.

Hamburg - "Er könnte der größte Athlet aller Zeiten sein. Aber man müsste ein Dummkopf sein, wenn man nicht fragen würde: Wie kann jemand in einem Jahr 10,03 Sekunden rennen und im nächsten Jahr 9,69 - und das in einer Sportart mit diesem Ruf", sagte Lewis aus den USA in einem Interview der Online-Ausgabe von "Sports Illustrated".

Supersprinter Bolt: Weltrekord in Peking 2008
AFP

Supersprinter Bolt: Weltrekord in Peking 2008

Bolt "soll mir nicht erzählen, dass er ein Großer ist - und zwei Jahre später wird er erwischt", so der neunmalige Olympiasieger Lewis, der auf das Schicksal der schnellsten Männer der Welt, derzeit die Jamaikaner Bolt und Asafa Powell, verwies. "Lasst uns realistisch sein und gehen wir mal die Liste durch: Ben Johnson, Justin Gatlin, Tim Montgomery, Tyson Gay und die zwei Jamaikaner. Sechs Leute sind legal unter 9,80 gelaufen, drei sind positiv getestet worden, einer war für ein Jahr gesperrt", sagte der 47-Jährige Lewis, der 1999 vom Weltverband IAAF zum "Leichtathleten des Jahrhunderts" gekürt wurde. Lewis selbst war nach seinem Karriereende positiv getestet worden. "Ich bin auf drei verbotene Substanzen positiv getestet worden, aber das Olympische Komitee der USA hat mich freigesprochen", sagte der neunmalige Olympiasieger 2003 in einem Interview mit der kalifornischen Zeitung "Orange County Register".

"Bei mir wurde genauso verfahren wie bei hundert anderen Sportlern auch, die positiv getestet wurden", so Lewis, dem während der Olympia-Qualifikation 1988, den sogenannten US-Trials, die Stimulanzien Pseudoephedrin, Ephedrin und Phenylpropanolamin nachgewiesen wurden. Das Internationale Olympischen Komitees (IOC) führt alle drei Substanzen auf seiner Verbotsliste.

Drei Wochen nach den Olympischen Spielen in Peking staunt Lewis immer noch über die Superzeiten von Bolt, der über 100 (9,69 Sekunden) und 200 Meter (19,30) sowie mit der Sprintstaffel über 4 x 100 Meter (37,10) Gold in Weltrekordzeit erobert hatte.

"Ich denke, das wirft einige Fragen auf. Ich bin stolz auf Amerika, weil wir derzeit die besten Zufallskontrollen und das umfangreichste Dopingtestprogramm haben. Länder wie Jamaika haben kein Programm für unangemeldete Trainingskontrollen, deshalb können sie monatelang von Tests verschont bleiben", so Lewis. Trotz der großen Dominanz der Jamaikaner wolle er niemanden beschuldigen. Lewis: "Aber du darfst nicht nach unterschiedlichen Regeln leben und das gleiche Maß an Respekt erwarten."

Auch über IAAF-Präsident Lamine Diack regte sich Lewis auf. Der Senegalese hatte die Leistung von Bolt in Peking höher eingeschätzt als die Gala-Vorstellung des Amerikaners bei den Olympischen Boykott-Spielen 1984 in Los Angeles. Lewis hatte damals seine ersten vier Goldmedaillen erkämpft, aber nur eine mit einem Weltrekord gekrönt. Dass er bei IAAF-Chef Diack schlechter wegkommt als Bolt, konnte er nicht auf sich sitzen lassen. "Ich habe ihm eine E-Mail geschickt. Mit dieser Einschätzung liegt er falsch. Eines der Probleme in unserer Sportart ist, dass so viel Gewicht auf Rekorde gelegt wird. Und dann kommt der Präsident des Weltverbandes und spricht über Rekorde. Der Sport sollte doch ein Wettkampf sein."

luk/dpa

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