Ex-Diskuswerfer Wagner über Doping "Dreimal täglich Anabolika"

Alwin Wagner sprach schon als Aktiver über Doping in der Leichtathletik. Dafür wurde der damalige Deutsche Meister im Diskuswurf abgestraft. Im Interview spricht er über Anabolika, Kaviar und das Schweigekartell im Sport.

Diskuswerfer Alwin Wagner bei einem Wettkampf 1986
imago

Diskuswerfer Alwin Wagner bei einem Wettkampf 1986

Von


Zur Person
    Alwin Wagner, 66, gehörte in den Achtzigerjahren zu den weltbesten Diskuswerfern. Von 1981 bis 1985 war er fünfmal Deutscher Meister in dieser Disziplin. Bei den Olympischen Spielen in Los Angeles 1984 belegte er Platz sechs. Wagner hat schon 1981 erstmals Dopinggebrauch angesprochen. Heute ist er als Leichtathletiktrainer bei seinem Heimatverein in Melsungen tätig. Zudem hält er in Schulen Vorträge zum Thema Doping.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben bereits 1981 noch als aktiver Athlet das Thema Doping in der westdeutschen Leichtathletik angesprochen. Wie kam es dazu, und wie waren die Reaktionen?

Wagner: Ich habe damals in einer Sitzung in Frankfurt mit den Spitzen des Deutschen Leichtathletik-Verbands angemerkt, dass es nicht so weitergehen könne. Ich habe beklagt, dass wir immer mehr Pillen schlucken müssen, um die Leistungsnormen erfüllen zu können. Der damalige DLV-Chef August Kirsch hat mir daraufhin das Wort entzogen. Als ich es dann noch einmal ansprechen wollte, hätte er mich fast aus dem Raum geworfen.

Daraufhin habe ich einen Brief geschrieben an den damaligen NOK-Chef Willi Daume und den Chef der Sporthilfe Joseph Neckermann, eine Antwort habe ich nie bekommen. Allerdings hatte die "Bild"-Zeitung damals davon Wind bekommen und darüber berichtet. Und obwohl es dadurch groß in der Zeitung stand - ich weiß noch, es hieß: "Diskuswerfer Alwin Wagner klagt an" - gab es keine öffentlichen Reaktionen, kein Echo, nichts aus der Politik. Das hat einfach niemanden interessiert.

SPIEGEL ONLINE: Und intern?

Wagner: Da habe ich schon gemerkt, dass sich der Wind drehte. Vorher war ich sogar mal für die EM nominiert worden, obwohl ich bei den Deutschen Meisterschaften, die als EM-Qualifikation galten, drei ungültige Versuche hingelegt hatte. Das ist eigentlich die Höchststrafe. Aber ich wurde durchgewinkt. Nachdem ich aber das Thema Doping angesprochen hatte, wurde ich plötzlich nicht mehr auf attraktive Reisen mitgenommen. Andere durften nach Südamerika, der Wagner blieb schön zu Hause. Ich fiel nach und nach in Ungnade.

SPIEGEL ONLINE: Wie äußerte sich das sonst?

Wagner: Ich bekam keinen Fuß mehr auf die Erde. Wenn ich bei einem Wettkampf Dritter wurde, dann nominierte der DLV für die Großveranstaltungen lieber den Vierten und Fünften als mich. Später, das war schon nach der Wende, wurde ich von einem Diskus-Meeting in Bad Homburg wieder ausgeladen, weil dort andere Athleten wie der damalige Topwerfer Lars Riedel angedroht hatten, dass sie nicht an den Start gehen, wenn der Alwin Wagner dabei ist. Da fürchtete der Veranstalter natürlich um seine Stars. Der hat mir das doppelte Geld geboten, wenn ich nicht antrete.

SPIEGEL ONLINE: Wie kamen Sie überhaupt dazu, selbst Anabolika zu sich zu nehmen?

Wagner: Als ich 1973 in die Szene kam, war ich noch vollkommen unbeleckt. Ich wusste nicht mal, dass es sowas wie Anabolika gibt, ganz ehrlich. Ich merkte dann schnell, dass ich von der Leistung her nicht mithalten konnte und wollte schon aufhören. Doch dann überredete mich der Trainer Karl-Heinz Steinmetz, der später auch Bundestrainer wurde, weiterzumachen. Ich sei doch ein großes Talent, und ich müsse nur ein bisschen was einnehmen, dann würde ich schnell über 65, 66 Meter werfen können. Das war die damalige Weltspitze. Da habe ich zwei Monate überlegt und mich dann drauf eingelassen.

SPIEGEL ONLINE: Und wie lief das ab?

Wagner: Ich bekam so ein Gläschen, da waren 100 Tabletten drin, ohne Beipackzettel. Die habe ich brav eingenommen, dreimal täglich, und ich habe schon nach wenigen Wochen gemerkt, wie ich viel kräftiger wurde. Es ging erst auf 64 Meter, dann auf 65, schließlich über 67. Ich gehörte plötzlich zu den Top Ten der Welt.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie glauben, alle waren damals verseucht?

Wagner: Es saßen zumindest alle in einem Boot. Ich erinnere mich, bei einem Länderkampf hatten die Trainer kurzfristig einen Wink bekommen, dass wohl kontrolliert werden würde. Daraufhin mussten wir Kraftsportler uns allesamt verletzt abmelden, und fürs Kugelstoßen hatte der DLV dann den Hochspringer Dietmar Mögenburg aufgestellt, weil der sauber war. Der schmächtige Kerl hatte natürlich noch nie bei einem Wettkampf auf diesem Niveau eine Kugel in der Hand gehabt.

SPIEGEL ONLINE: Aber da müsste die Öffentlichkeit doch hellhörig geworden sein?

Wagner: Nein. Es wurde offiziell so dargestellt, Mögenburg plane demnächst den Wechsel in den Zehnkampf und wolle das Kugelstoßen daher unter Wettkampfbedingungen testen. Und alle haben diese Geschichte offiziell abgekauft. Es hat keiner jemals nachgefragt.

SPIEGEL ONLINE: Weil alle Bescheid wussten und es lieber totschwiegen?

Wagner: Es war in jedem Fall die hohe Zeit des Dopings. Ich kannte mal einen russischen Werfer, den habe ich gebeten, mir mal Kaviar aus seiner Heimat mitzubringen. Das hatte er wohl falsch verstanden und brachte mir beim nächsten Mal Anabolika mit. Ganz selbstverständlich.

SPIEGEL ONLINE: Wann fing es denn für Sie an, mulmig zu werden?

Wagner: Na ja, nach und nach sickerte natürlich immer mehr durch, welche Schäden Doping anrichtet. Und ich habe in den Jahren danach auch zu viele Tote erlebt, ehemalige Kollegen. Die bekamen Leberkrebs oder Lymphdrüsenkrebs oder fielen einfach tot um.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind für Ihre offenen Aussagen mehrfach verklagt worden, unter anderem von Karl-Heinz Steinmetz, der ja auch Lars Riedel trainiert hat.

Wagner: Ja, und ich habe diese Prozesse letztlich fast alle gewonnen. Aber es ist bis heute noch so, dass ich bei vielen im DLV als Nestbeschmutzer gelte.

SPIEGEL ONLINE: Am gestrigen Montag wurde eine wissenschaftliche Arbeit veröffentlicht, die das Westdoping in der Leichtathletik analysiert. Es gab deswegen in den Medien großes Aufsehen.

Wagner: Die Aufregung wundert mich schon. Im Grunde wird damit nur das bestätigt, was ich seit 35 Jahren sage. Aber das liegt wohl auch daran, dass selbst nach all den Jahren viele Athleten von damals auch heute noch dazu schweigen.

SPIEGEL ONLINE: Trauen Sie dem Spitzensport heute noch?

Wagner: Bei Leistungssprüngen bin ich jedenfalls extrem misstrauisch, bis heute. Ansonsten wird heute mehr geahndet und kontrolliert. Wenn Sie sich anschauen, dass viele Spitzenleistungen der Leichtathletik heute nicht über das hinausgehen, was die Athleten in den späten Sechzigerjahren schon erbracht haben.

SPIEGEL ONLINE: Man kann angesichts Ihrer Erfahrungen eigentlich nicht glauben, dass Sie heute noch Spaß am Sport empfinden.

Wagner: Doch. Ich bin nach wie vor Trainer in meinem Heimatverein, und gleichzeitig halte ich Vorträge in Schulen und Vereinen, in denen ich über Doping spreche. Das sehe ich jetzt als meine Aufgabe an.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 64 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
steingärtner 04.04.2017
1. Abgemeldet
"Verletzt" abgemeldet, das gibt es heute noch.
suplesse 04.04.2017
2. Schweigen und handeln!
Und zwar alles hinter den Kulissen. Der Sportler ist das erste Opfer. Immer und auch bei anderen schlimmen Taten, wie z.B. dem willkürlichen vereinsinterne und verbandinternen Ausschluss von Wettkämpfen, Trainingslagern trotz vorhandener Qualifikation, bei offener berechtigter Kritik gegen Trainer und Aparatschicks. War in diversen "Sport"vereinen, nicht nur ich, sondern auch meine Kinder. Früher dachte ich, Leistungssport hat einen positven Einfluss auf die Entwicklung des Nachwuchses. Heute weis ich, es ist genau das Gegenteil der Fall. Unerwähnt sollen hierbei aber nicht durchaus rümliche Ausnahmen bleiben. Die gibt es auch. DIese haben aber meistens nicht die Macht (Position) und sind absolut in der Minderheit.
The Restless 04.04.2017
3. Danke
für diesen Artikel, und ich wünsche Herrn Wagner alles Gute, denn es gibt zu wenige, die dazu bereit sind, gegen den Strom zu schwimmen. Diese einzelne Geschichte zeigt ja sehr gut, dass der Sport vollkommen verseucht war (heute muss man sich nur mal unter den Triathleten umhören, dort ist es noch genauso). An die Geschichte mit Mögenburg als Kugelstosser erinnere ich mich noch. Ich hoffe nur, Harald Schmid hat damals nichts genommen, er war mein persönlicher Held ...
zappa99 04.04.2017
4. Sehr bemerkenswert
und sagt auch einiges über die Medien aus. Es sind eben nicht nur die Sportler und Funktionäre, die dieses System am Laufen halten. Letztlich ist es das Geld. Man kann nicht für Höchstleistungen enorme Summen ausloben (auch als Werbeverträge) und dann glauben, dass die Leute nur Mineralwasser trinken.
2623 04.04.2017
5. Respekt
"man liebt der Verrat, jedoch nicht den Verräter" frei nach Napleon und dieser frei nach cicero. Leute wie Herr Wagner sind die waren Helden des Sports. Es wäre eine faire Geste, wenn die Sortverbände Herrn Wagner und seinen Anhang eine lange, wunderschöne Weltreise und entsprehend schöne Dinge schenken würde, dass hat er einfach verdient. Es ist einfach widerlich, wie seit Jahrzehnten die Funktionäre des Sports agieren und ein erschreckend, dass wir das wissend zulassen. Gucken wir aktuell auf unseren sauberen deutschen (Westdeutschen) Herrn Olympia-Chef Beck und den Fall Yuliya Stepanova, da hat sich nichts geändert, nur das Wagner sich ganz klar westdeutsch anhört, da ist der böse Osten plötzlich doch ganz nah - und war eigentlich nie weit weg. Danke, Herr Wagner, für Ihre Courage.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.