Anabolika-Forscher Kistler: "Irgendwann macht es halt bumm"

Muskelmassen und Medikamente - ohne Doping geht im Bodybuilding nichts. Der Arzt Luitpold Kistler hat die Nebenwirkungen von Anabolika erforscht. Seine Ergebnisse sind erschreckend. Mit SPIEGEL ONLINE spricht er über lebensgefährliche Schädigungen und krankhaften Wahn.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kistler, Sie haben Leichen auf Schädigungen durch Anabolika-Missbrauch hin untersucht. Was haben Sie herausgefunden?

Kistler: Wer Anabolika zur Muskelzunahme einnimmt, kann durchaus innerhalb des ersten Jahres massive, lebensbedrohliche Probleme mit dem Herz-Kreislauf- und Organsystem bekommen: Vergrößerung des Herzens, Verkalkung der Gefäße, Schlaganfälle, Leber- oder Nierenversagen.

Bodybuilder im Wettbewerb: "Ohne Spritzen nicht machbar"
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Bodybuilder im Wettbewerb: "Ohne Spritzen nicht machbar"

SPIEGEL ONLINE: Wie schnell geht das?

Kistler: Sicher nicht von heute auf morgen. Fest steht aber: Viele der Personen aus meiner Studie hatten vor ihrem Tod multiple Herzinfarkte. Im Gespräch mit Angehörigen fanden wir heraus, dass einige Personen die Infarkte nie bemerkt hatten. Irgendwann macht es halt bumm. Wenn dann jemand seinen großen Herzinfarkt oder eine lebensgefährliche Einblutung hat, ist es auf einen Schlag vorbei.

SPIEGEL ONLINE: Wirken Anabolika bei allen Patienten gleich schädlich?

Kistler: Nein. Ich kenne jemanden, der seit zehn Jahren Anabolika nimmt und keine Probleme hat. Es gibt aber Sportler, die nach sechs Monaten schon massiv Bluthochdruck, Schwindel, Kreislaufbeschwerden und Erektionsschwierigkeiten hatten - teilweise irreparabel.

SPIEGEL ONLINE: Je mehr Anabolika, desto schädlicher - gilt das?

Kistler: Die Zahl der Wirkstoffe und vor allem die Kombination sind entscheidend. Wenn ich mehrere Präparate kombiniere, potenzieren sich die schlimmen Nebenwirkungen ins Unendliche. Je mehr und je mehr verschiedene Präparate ich nehme, desto heftiger werden die Nebenwirkungen. Am Ende muss sich jeder Konsument darüber klar sein, dass das in jeder Sekunde zum Tod führen kann.

SPIEGEL ONLINE: Wie hoch ist Ihrer Meinung nach der Anteil von Anabolika-Konsumenten im leistungsorientierten Bodybuildung?

Kistler: 100 Prozent.

SPIEGEL ONLINE: Wie bitte? Alle spritzen, ohne Ausnahme?

Kistler: Im Hochleistungs-Bodybuilding absolut. Schauen Sie sich die Muskelpakete bei "Mister Olympia" an: Das ist anders nicht machbar. Zu den anabolen Steroiden kommen noch die Wachstumshormone. Und wenn sich jetzt noch Gendoping einschleicht, dann wird alles viel, viel schlimmer - es wird katastrophal.

SPIEGEL ONLINE: Was macht Gendoping so besonders?

Kistler: Das ist eine ganz andere Liga. Doping ist dann nur noch schwer nachweisbar. Durch Genmodifikation produziert der Körper unkontrolliert von selbst die gewünschten Doping-Wirkstoffe. Allerdings schmälert das nicht deren Nebenwirkungen. Im Gegenteil. So kann es bei EPO zum Beispiel vermehrt zu Thrombosen kommen; zuviel Testosteron - ausgelöst durch Genmanipulation - kann zu einer massiven Verkalkung der Gefäße und Herzverdickungen führen.

SPIEGEL ONLINE: Ist diese Art des Dopings jetzt schon möglich?

Kistler: Nach Betrachten einiger Einträge in einschlägigen Chatrooms bin ich mir eigentlich sicher, dass es solche Arten des Dopings schon gibt.

SPIEGEL ONLINE: Woran machen Sie das fest?

Kistler: Manche Athleten schrecken vor nichts zurück - auch wenn die Praktiken bisher nur an Fröschen und Rindern getestet wurden. Die Beweggründe sind unerklärlich. Hochleistungs-Bodybuilder geben bis zu 5000 Euro pro Monat für Mittel aus, die den Muskelaufbau unterstützen.

SPIEGEL ONLINE: Dabei gibt es im Bodybuilding-Sport doch gar keine großen Summen zu verdienen.

Kistler: Es ist der Wahn, der diese Menschen treibt. Sie leben in einer ganz eigenen Welt, aus der sie nicht mehr herauskommen. Im Profi-Bodybuilding verdienen gerade mal eine Handvoll Athleten gut. Das heißt: Sie können sich damit gerade so über Wasser halten. Zum Teil verhökern Bodybuilder ihre ganze Einrichtung, leben in ärmlichsten Verhältnissen ...

SPIEGEL ONLINE: ... ist das krankhaftes Verhalten?

Kistler: Sicher. Wir sprechen von Dysmorphophobie. Diese Menschen haben ein gestörtes Selbstbild. Wenn ein 140 Kilogramm schwerer, muskelbepackter Mann, der zehn Kilogramm abnimmt, nicht mehr aus dem Haus heraus geht, weil er denkt, er wäre zu dünn - dann ist er krank.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Situation bei den Freizeitsportlern ähnlich schlimm?

Kistler: In meinem Studio trainieren 14-, 15-Jährige, die wissen, dass ich mich mit dem Thema befasse - und fragen, ob ich ein Mittel habe, durch das sie so aussehen wie Brad Pitt in Fight Club.

SPIEGEL ONLINE: Ist Aussehen der alleinige Antrieb?

Kistler: Ja. Deshalb erwarte ich auch, dass der Missbrauch noch zunnimmt. In den Medien herrscht ein Schönheitsideal vor, das die Jugendlichen unter Druck setzt. Sie glauben, es ohne unterstützende Mittel nicht schaffen zu können. Gerade Jugendliche in der Pubertät sind beeinflussbar und orientieren sich an retuschierten Hochglanz-Bildern. In einer verbreiteten Verdrängungs-Mentalität werden die Gefahren heruntergespielt, nach dem Motto: Mich wird es schon nicht treffen. Dazu kommt, dass die Wirkstoffe einfach im Internet bestellt werden können.

SPIEGEL ONLINE: Sind Anabolika eine Einstiegsdroge für mehr?

Kistler: Definitiv. Viele wollen es nur mal ausprobieren. Wenn ich das aber tue und die Mittel rasch wieder absetze, bildet sich die Muskulatur schnell wieder zurück. Damit kommen gerade die labilen Persönlichkeiten, die sich auf Anabolika einlassen, nicht zurecht. Wenn dann auch noch Freunde sagen: Mensch, Du siehst aber wieder dünn aus, dann hören sie nicht auf. Sondern nehmen immer mehr. Irgendwann machen sich dann die Nebenwirkungen und die Schmerzen bemerkbar. Man wird depressiv, schluckt auch noch Anti-Depressiva. Irgendwann geht es mit Kokain und Heroin weiter - bis hin zu Amphetaminen gegen die Schmerzen. Und mit Anabolika hat alles angefangen.

Interview: Frieder Pfeiffer

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