Anands Sieg beim Kandidatenturnier Der Altmeister kann es noch

Viele hatten schon mit dem Rückzug von Viswanathan Anand gerechnet, dann trat er doch beim Kandidatenturnier an - und gewann souverän. Der Inder zeigte seine beste Leistung seit Jahren. Nun kommt es zur Neuauflage des WM-Duells mit Jungstar Magnus Carlsen.

Von Bernd Schroller

Kandidatenturnier-Sieger Anand (Archivbild): Beste Leistung seit Jahren
AFP

Kandidatenturnier-Sieger Anand (Archivbild): Beste Leistung seit Jahren


Respektvoll war der Applaus für Viswanathan Anand, als der Inder am Samstag vorzeitig und verdient den Sieg beim Kandidatenturnier im russischen Chanty-Mansijsk klarmachte. Doch in den Beifall mischte sich auch Skepsis. Die klare WM-Niederlage gegen Magnus Carlsen ist noch im Gedächtnis, zu deutlich war damals sichtbar, dass der mittlerweile 44 Jahre alte vierfache Weltmeister an seine körperlichen Grenzen gestoßen war. Doch auf die Fragen der Journalisten reagierte Anand cool. Er fühle sich fit und freue sich auf das erneute Duell mit dem 21 Jahre jüngeren Norweger.

Nach dem Verlust des WM-Titels im vorigen Jahr hatten nicht wenige Beobachter mit einem Rückzug Anands aus dem Spitzenschach gerechnet. Die Zusage zum Kandidatenturnier war da schon eine kleine Überraschung. Doch gleich der überzeugende Sieg zum Auftakt gegen Top-Favorit Lewon Aronjan deutete an, dass trotz vieler schwacher Auftritte zuvor noch mit Anand zu rechnen ist.

Der Ex-Weltmeister spielte in Chanty-Mansijsk sein bestes Turnier seit Jahren und blieb als einziger Spieler im Feld ohne Niederlage. Nur in der vorletzten Runde gegen Sergej Karjakin, der am Ende des Turniers hinter Anand auf Platz zwei landete, musste der Inder etwas zittern, verteidigte aber das Endspiel mit einem Turm gegen zwei Leichtfiguren über 50 Züge sehr geschickt bis zur Punkteteilung. Im Gegensatz zum WM-Kampf gegen Carlsen konnte Anand hier auch wieder mit seinem breiten Eröffnungswissen glänzen.

WM-Austragungsort noch unklar

Seine Stärken zeigte Anand vor allem in der neunten Runde gegen Weselin Topalow. Er nutzte eine kleine Unachtsamkeit des Bulgaren, um aus der sehr komplizierten Najdorf-Variante der Sizilianischen Eröffnung in eine Stellung zu kommen, die ihm sehr viele taktische Möglichkeiten bot. Mit positionell brillanter Technik verwertete er schließlich in einem Damenendspiel einen Mehrbauern zum Sieg.

Aber nicht nur schachlich scheint Anand die Niederlage gegen Carlsen gut verarbeitet zu haben. Er wirkte körperlich fitter als als vor vier Monaten und teilte sich seine Kräfte gut ein. Nach den Siegen gegen Aronjan und Schakrijar Mamedjarow in den Runden eins und drei folgten drei recht einfache Remis gegen Wladimir Kramnik, Dmitri Andreikin und Karjakin.

In der abschließenden Partie der 14. Runde boten der kommende Herausforderer und Pjotr Swidler in den ersten 13 Zügen ein nettes schachhistorisches Zitat. Sie folgten der Anand-Partie gegen Peter Leko aus dem Jahr 2007, mit der der Inder in Mexiko-City seinen ersten WM-Titel einfuhr. Die weitere Zugfolge am Sonntag brachte dann ein eher einfallsloses Remis, was aus Sicht von Anand jedoch verständlich ist.

Die kommende Weltmeisterschaft wird voraussichtlich vom 6. bis 25. November ausgetragen. Der Ort steht noch nicht fest, mögliche Interessenten können noch bis zum 30. April eine Bewerbung einreichen. Eine Austragung in Carlsens Heimat Norwegen gilt als eher unwahrscheinlich, da dort im August schon die Schacholympiade stattfindet. Immer wieder wird stattdessen Paris ins Gespräch gebracht, auch Kirsan Iljumschinow, Präsident des internationalen Schachverbands Fide, weiß von der Bewerbung einer "schönen und großen europäischen Stadt".

Im Jahr 1995 trat Anand in der 107. Etage des Südturms des World Trade Centers in New York gegen Garri Kasparow zu seinem ersten WM-Kampf an und verlor. 19 Jahre später noch einmal um den Titel zu kämpfen, ist bislang noch keinem anderen Spieler gelungen. Bei Anands erstem WM-Duell war Carlsen gerade einmal vier Jahre alt. Das Schachspielen lernte er mit fünf.

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insgesamt 18 Beiträge
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Mondaugen 30.03.2014
1. Verdient
Anand hat den Revanchekampf verdient, ein Hoch auf alle Ü-40-Sportler!
THINK 30.03.2014
2.
Zitat von MondaugenAnand hat den Revanchekampf verdient, ein Hoch auf alle Ü-40-Sportler!
Schach ist kein Sport, sondern ein anachronistisches Spiel, dass nur mehr bei technophoben Sonderlingen Interesse findet. Warum veranstaltet man keine Weltmeisterschaft im Kopfrechnen, für die Leute, die keinen Taschenrechner bedienen können oder wollen?
angularm 30.03.2014
3. Der Mensch und seine Grenzen
Zitat von THINKSchach ist kein Sport, sondern ein anachronistisches Spiel, dass nur mehr bei technophoben Sonderlingen Interesse findet. Warum veranstaltet man keine Weltmeisterschaft im Kopfrechnen, für die Leute, die keinen Taschenrechner bedienen können oder wollen?
Genau, und 100m-Lauf und Marathon sind auch nur anachronistische Wettbewerbe für "technophobe Sonderlinge", die kein Kraftfahrzeug bedienen können oder wollen ...
mr.zynisch 30.03.2014
4. Stimme teilweise zu
Schach ist kein Sport im eigentlichen Sinn, da gehört eine eigene Kategorie angeschafft... Aber koennen sie uns erklaeren, wieso Schachspieler "technophob"sein wollen ? Bei den Kopfrechnern muss ich ihnen recht geben. Wer glaubt dass dies so wichtig sei, hat was nicht ganz verstanden..
tytan65 30.03.2014
5. ahja?
"zu deutlich war damals sichtbar, dass der mittlerweile 44 Jahre alte vierfache Weltmeister an seine körperlichen Grenzen gestoßen war." Das ist ja interessant. Ich habe fast jede Minute der Liveübertragung verfolgt, aber das habe ich nicht gesehen. Gut das wir Journalisten haben, die einem die Augen öffnen.
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