Andrea Petkovic "Wut ist wichtig"

Sie war Deutschlands beste Tennisspielerin, doch derzeit steckt Andrea Petkovic in der Krise. Im Interview erzählt die 29-Jährige, wie sie wieder nach oben kommen will - und warum sie sich über Barbara Rittner ärgert.

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SPIEGEL ONLINE: Die besten deutschen Tennisspielerinnen sind in diesen Tagen in Stuttgart - am Wochenende gewann das deutsche Fed-Cup-Team in der Relegation gegen die Ukraine, nun beginnt mit dem Porsche Grand Prix das größte Damen-Turnier des Landes. Aber Sie sind in der Türkei, warum?

Zur Person
  • Andrea Petkovic, geboren am 9. September 1987 in Tuzla (Bosnien-Herzegowina), spielt seit ihrem sechsten Lebensjahr Tennis - ihr Vater Zoran war selbst Profi und Davis-Cup-Spieler für Jugoslawien. 2007 spielte Petkovic zum ersten Mal im deutschen Fed-Cup-Team. Insgesamt konnte die Darmstädterin bisher sechs Turniere gewinnen, in ihrer Freizeit liest sie viel, besucht Museen und schreibt unter anderem für das US-Tennismagazin "Racquet".

Petkovic: Ich habe relativ früh das Signal erhalten, dass ich keine Wildcard für das Turnier bekomme. Deshalb habe ich mich für den Start in Istanbul entschieden. Und um im Fed Cup zu spielen, sind meine Leistungen derzeit nicht gut genug.

SPIEGEL ONLINE: Sie stehen in der Weltrangliste aktuell auf Platz 78, Barbara Rittner hat in einem Interview der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" gesagt, Sie könnten "Ihrer Rolle als Sprecherin des Teams und Einzelspielerin, die einen Punkt holen will, nicht gerecht werden. Sie verzweifelt gerade an sich selbst, aber alle, die ihr helfen wollen, verzweifeln auch an der Situation. Ich bin da mit meinem Latein im Moment am Ende."

Petkovic: Ich war überrascht, als ich das gelesen habe. In vielen Dingen hat sie ja recht. Ich bin aktuell einfach nicht bereit für den Fed Cup. Aber ich hätte mir gewünscht, sie hätte mir das direkt gesagt.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie ihr das gesagt?

Petkovic: Nein, wir hatten seitdem keinen Kontakt mehr.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie sauer?

Petkovic: Ich bin da nicht so empfindlich, Kritik kann ich ganz gut aushalten. Aber die Art und Weise fand ich unangebracht, zumal ich so lange eine wichtige Stütze im Team war.

Andrea Petkovic, Barbara Rittner
Getty Images

Andrea Petkovic, Barbara Rittner

SPIEGEL ONLINE: Beim Duell mit den USA auf Hawaii haben Sie beide Matches verloren, Rittner sagte dazu: "Im Match verkrampft sie völlig, das habe ich hautnah in Hawaii erlebt. Das war schlimm, für mich und für sie."

Petkovic: Ich hatte um die Freistellung gebeten, aber Barbara wollte gerne, dass ich mitspiele. Also bin ich hingeflogen und habe auf die Verteidigung meiner Weltranglistenpunkte in Doha und Dubai aus dem Vorjahr verzichtet. Das entschuldigt die Niederlagen nicht, ich will nur verdeutlichen, dass ich immer alles für den Fed Cup gegeben habe. Außerdem hat Barbara mit ihren Aussagen für eine Aufmerksamkeit gesorgt, die ich gerade gar nicht so gut gebrauchen kann.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie?

Petkovic: Ich bin bei einem Neuanfang, da ist es normal, dass noch nicht alles ganz rund läuft. Durch dieses Interview wurde ein zusätzlicher Schauplatz aufgemacht, der Energie kostet und ablenkt. Ich wollte kleinere Turniere spielen wie jetzt in Istanbul, mir langsam wieder Selbstvertrauen und Routine holen, ohne dass es bei jeder Niederlage heißt: "Oh, die Petkovic spielt ja tatsächlich scheiße."

SPIEGEL ONLINE: Sie sind in den sozialen Netzwerken sehr aktiv, posten viel bei Twitter und Instagram. Man hat nicht den Eindruck, dass Sie die Öffentlichkeit meiden.

Petkovic: Das macht mir großen Spaß, dort geht es aber auch eher um die Person hinter der Tennisspielerin. Was mein Spiel angeht, wäre es mir lieber, wenn es jetzt, wo die Resultate noch nicht so stimmen, etwas ruhiger um mich ist.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben seit Ende vergangenen Jahres einen neuen Trainer, Sascha Nensel. Kann er Ihnen helfen, nicht mehr so zu verkrampfen, wie Barbara Rittner es genannt hat?

Petkovic: Ich glaube schon. Ich bin wirklich hoffnungsvoll, dass es wieder bergauf geht. Ich habe vorher mit Jan De Witt gearbeitet, der ein super Trainer ist. Aber er war einfach nicht der Richtige für mich. Seine Methode ist sehr verkopft, es geht viel um Statistiken und Videoanalysen. Das hat mir im Training sehr geholfen, aber wenn ich auf dem Platz stand, hatte ich diese ganzen Zahlen im Kopf: Okay, bei diesem Spielstand schlägt sie zu 53 Prozent nach außen auf. Ich habe im Match an tausend Sachen gleichzeitig gedacht.

SPIEGEL ONLINE: Beim neuen Trainer geht es einfacher zu?

Petkovic: Saschas Training gleicht der spanischen Schule: Ich mache Übungen mit einfachen Vorgaben und endlosen Wiederholungen. Das klingt langweilig, und das ist es auch - zum Glück. Für mich ist das die größte Herausforderung, weil ich eigentlich ganz anders bin. Ich brauche dauernde Abwechslung. Diese Wiederholungen sacken ins Unterbewusstsein und helfen mir, mich im Match an kleine Muster zu halten, auch wenn ich wieder an zig Dinge gleichzeitig denke. Sascha hilft mir, meinen Kopf auszuschalten.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Kopf bei Ihnen das größere Problem als der Körper?

Petkovic: Ich war auch schon oft verletzt, vor ein paar Jahren hatte ich drei schwere Verletzungen direkt nacheinander, mein ganzer Körper ist aus der Balance geraten. Ich mache viele Kräftigungsübungen und Präventivarbeit, damit mein Körper wieder ins Gleichgewicht kommt. Aber eigentlich war meine Fitness immer meine große Stärke, das ist auch immer noch so: Wenn ich merke, dass ich zu viel nachdenke auf dem Platz, versuche ich einfach, alles zu vergessen, den Ball irgendwie reinzuspielen und die Punkte übers Rennen zu gewinnen.

SPIEGEL ONLINE: Also doch der Kopf?

Petkovic: Ich hatte in meinen Spielen oft Probleme mit Stress und Nervosität. Inzwischen arbeite ich mit verschiedenen Mentaltrainern und meditiere. Das hilft mir, und ich glaube, ich bin auf einem sehr guten Weg. Außerdem habe ich Vlade Kaplarevic als Fitnesstrainer und Physiotherapeuten ins Team geholt. Der ist Serbe. Ich glaube, ich habe meine serbische Seite in den vergangenen Jahren vernachlässigt.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihre serbische Seite?

Petkovic: Das ist dieses Feuer. Es ist noch in mir, aber ich glaube, ich habe es etwas vernachlässigt.

SPIEGEL ONLINE: Das müssen Sie genauer erklären.

Petkovic: Ich bin in Deutschland, aber mit serbischen Eltern aufgewachsen, ich habe beides in mir. Am Anfang meiner Tenniskarriere habe ich mich unmöglich benommen, habe Wutanfälle bekommen und ständig Verwarnungen vom Schiedsrichter kassiert. Das hat mich ein Heidengeld gekostet. Ich wollte das ändern, weil ich die besten Spieler und Spielerinnen der Welt beobachtet habe und die immer so ruhig waren. Ich habe den Fehler gemacht, nicht auf meine Eigenheiten zu schauen, sondern so werden zu wollen wie andere und bloß keine Regungen zu zeigen.

SPIEGEL ONLINE: Die deutsche Seite?

Petkovic: Genau. Dieses Deutsche, Geordnete, Disziplinierte, finde ich toll. Es hilft mir sehr in meinem Leben, macht die Dinge einfacher. Ich brauche Regeln und Struktur, die mich in meinem Wahnsinn ein bisschen bremsen. Aber auf dem Tennisplatz ist ein bisschen Wut, ein bisschen mehr Feuer wichtig, um Matches noch zu drehen. Das haben viele Serben in sich, zum Beispiel Novak Djokovic oder früher Ana Ivanovic. Bei beiden konnte ich in engen Spielen in ihren Augen den Moment erkennen, wenn sie sich dachten: "Ich bin hier, und ich mach dich fertig." Das will ich auch wieder haben, und ich bin hoffnungsvoll, dass das auch klappt. Denn ich glaube weiterhin an mich.



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