Tennisfinale bei Olympia Einer hat Gold, gewonnen haben beide

Juan Martin del Potro kämpfte, keuchte - und wurde frenetisch bejubelt. Am Ende musste sich der Argentinier aber mit der Silbermedaille zufriedengeben. Gold holte wie 2012 Andy Murray - und stellte damit einen Rekord auf.

AFP

Aus Rio de Janeiro berichtet


Wer erst ein paar Minuten nach dem verwandelten Matchball des olympischen Tennisfinals den Fernseher eingeschaltet hatte, der konnte nicht sagen, wer denn nun der Goldmedaillengewinner von Rio de Janeiro war. Sowohl der Argentinier Juan Martin del Potro als auch der Brite Andy Murray saßen auf ihren Stühlen, die Gesichter in Handtücher vergraben. Freude? Jubel? Trauer? Tränen? Dafür war keine Kraft mehr.

Es war Andy Murray, der nach seinem Triumph 2012 in London als erster Tennisspieler zwei Einzel-Goldmedaillen hintereinander gewonnen hatte (7:5, 4:6, 6:2, 7:5). Und damit die Hoffnung von vielen Tausend Argentiniern in der Arena begrub, die so sehr auf einen Erfolg ihres Landsmanns del Potro gehofft hatten. Sie hatten ihn dabei in bester Fußall-Manier unterstützt: Sprechchöre, Gesänge, aber auch Buhrufe gegen den Schiedsrichter und Jubelstürme bei Fehlern von Murray. Ein besonders aufgekratzter Zuschauer mit Argentinien-Narrenmütze wurde gar von Soldaten aus der Arena geführt.

"Es war eine grandiose Atmosphäre. Die Zuschauer hier sind unglaublich. Es ist einfach völlig anders als bei den Grand Slams oder anderen Tennisturnieren", sagte Murray nach dem Finale: "Ich bin sehr glücklich, aber auch sehr müde. Es war eines der schwersten Spiele, die ich jemals gespielt habe. Ich bin sehr stolz, es geschafft zu haben."

"Ich bin so unglaublich müde"

Vier Stunden und zwei Minuten lang hatten sich del Potro und Murray eine Schlacht um den Olympiasieg geliefert. Besonders der Argentinier, der bereits einige kräftezehrende Auftritte hinter sich hatte, wirkte stets so, als ob er sich am liebsten auf den Boden legen und einfach einschlafen wollte. Nicht selten musste er sich nach Ballwechseln auf seinem Schläger abstützen oder hing keuchend über dem Netz. "Ich bin so unglaublich müde," sagte auch del Potro später: "Aber die Zuschauer haben mich dazu gebracht, zu rennen und niemals aufzugeben."

Del Potro hatte in Rio bis zum Finale ein grandioses Turnier gespielt. Immer unterstützt von seinen lautstarken Fans rang er den Weltranglistenersten Novak Djokovic nieder und warf im Halbfinale auch Rafael Nadal aus dem Wettbewerb. Für del Potro waren es zwei emotionale Siege, einmal weinte er, das andere Mal legte er sich ausgestreckt auf den Boden des Stadions und ließ die Jubelstürme regungslos auf sich wirken. "Ich hatte nicht gedacht, dass ich so ein Turnier spielen werde. Als ich die Auslosung gesehen habe, dachte ich, das wird ein kurzer Auftritt", sagte er. Das Publikum habe einen großen Anteil an seinem Lauf: "Sie haben mich jede Nacht zum Weinen gebracht."

Dass del Potro es überhaupt noch einmal bis ins Endspiel eines großen Tennis-Events geschafft hat, ist keine Selbstverständlichkeit. Schließlich hat der 1,98 Meter große "Turm von Tandil" eine Karriere mit vielen Aufs und Abs hinter sich. 2008 war er innerhalb weniger Monate vom Nobody zum Tennis-Star geworden, ein Jahr später feierte der damals 20-Jährige bei den US Open seinen ersten Grand-Slam-Sieg, er kletterte bis auf Weltranglistenplatz vier.

Comeback erst in Wimbledon

Doch dann kam der Bruch: Sein Handgelenk, das ihn schon seit längerer Zeit beschäftigte, musste 2010 operiert werden. Es folgte eine lange Leidenszeit, die sich nach einem kurzen Intermezzo zurück auf der Tour 2014 erneut verlängerte: Dreimal in Folge musste er sich unters Messer legen. Erst beim diesjährigen Wimbledon-Turnier feierte er sein erneutes Comeback, in der Weltrangliste rangiert er aber nur noch auf Platz 141. "Es ist erstaunlich, dass er sich so in die Spitze zurückgekämpft hat nach all seinen Rückschlägen. Er kann sehr stolz sein", lobte Murray.

Im Finale ging del Potro allerdings die Luft aus. Seine unvergleichliche Vorhand rettete ihn zwar immer mal wieder aus brenzligen Situationen, doch während er stets am Limit spielte, musste Murray selten Herausragendes leisten, um seine Punkte zu machen. Auffällig war, dass beide Spieler große Mühe hatten, ihre Aufschlagspiele durchzubringen. "Es gab so viele Breaks. Heute hätte alles passieren können", sagte Murray.

Del Potro war glücklich über seinen zweiten Platz: "Die Silbermedaille bedeutet mir die Welt. Ich bin so stolz. Das Turnier wird für den Rest meines Lebens bei mir bleiben." Als er dann irgendwann langsamen Schrittes vom Platz ging und ins Publikum winkte, standen die argentinischen Fans - und sogar einige brasilianische - auf, klatschten wild in ihre Hände und sangen immer wieder "Olé, olé, olé, olé - Del Po, Del Po". So als ob Juan Martin del Potro doch der Sieger dieses Endspiels war.

Aber ein bisschen war er das ja auch.



insgesamt 4 Beiträge
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danielgerke 15.08.2016
1. Ergebnis?
Wenn man jetzt auch noch das Ergebnis des Matches in Sätzen und Spielen wüsste, wäre der Artikel um eine entscheidene Information reicher...,) - - - - Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. K. Bonte/Redaktion
gigi76 15.08.2016
2. großes Tennis
und das alles ohne Preisgeld. Soll noch jemand sagen Olympia ist keine gute Sache. Der Geist lebt noch, wie dieses Spiel eindrucksvoll gezeigt hat.
axel h. 15.08.2016
3. Sensationelle Stimmung
Wie schon im Halbfinale haben die argentinischen Fans eine Stimmung reingebracht, die einfach Spaß macht. Dass Murray selten herausragendes leisten musste seh ich überhaupt nicht so. Er ist halt ein Konterspieler, grade gegen einen Hard Hitter wie Del Po. Leider musste ich nach zwei Sätzen dringend ins Bett, aber bis dahin war es ein großartiges Match.
spon-facebook-10000192849 15.08.2016
4. Warning to Mr. Knaack...
Mögliche Sprachverletzung! Ich ersetze "Aufs und Abs" durch "Höhen und Tiefen"... Ein großartiges Finale zweier Tennis-Giganten bei unfassbarer Stimmung. In Rio hat der Tennissport bei Damen und Herren begeistert.
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