Tennisstar Andy Murray "Ich brauche ein Ende"

Er gehörte zu den großen vier im Männertennis neben Nadal, Federer und Djokovic: Andy Murray war Gentleman und Superstar des Sports. Der Karriereabschied fällt ihm sehr schwer.

Andy Murray
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Andy Murray


Rund ein Jahr ist es her, als Andy Murray einen tiefen Blick in sein Seelenleben gewährte. Am 2. Januar 2018 postete er ein Bild von sich aus Kindertagen und schrieb: "Ich habe dieses Foto gewählt, weil das kleine Kind in mir nur auf den Platz gehen und ein Match spielen will. Ich vermisse es so sehr - und würde alles dafür geben."

Seit Freitag ist klar: Murrays Wunsch hat sich nicht erfüllt - oder nur kurzzeitig. In einer bewegenden Pressekonferenz, die er mit brüchiger Stimme mehrfach unterbrechen musste, stellte Murray sein baldiges Karriereende in Aussicht. "Im Dezember habe ich mit meinem Team gesprochen und gesagt: Ich brauche ein Ende. Einfach weiterspielen, ohne zu wissen, dass sich etwas bessert, das bringt nichts", erklärte der 31-Jährige. "Ich kann vielleicht weitermachen bis Wimbledon, dort würde ich gern aufhören. Aber ich weiß nicht, ob ich das schaffe."

Ausgerechnet in Wimbledon, im Sommer 2017, war erstmals absehbar, dass Murray vor ernsthaften Problemen steht. Zwar hatte seine Hüfte schon vorm Turnierstart gezwickt, sodass die britische Klatschzeitung "The Sun" in Zusammenarbeit mit Magier Uri Geller ihre Leser dazu aufforderte, auf einem Foto von Murrays Hüfte herumzurubbeln, um diese zu heilen. Ohne Erfolg: Das Viertelfinale gegen Sam Querrey war nur schwerlich zu ertragen, Murray humpelte zwischen den Ballwechseln von einer Seite auf die andere, und als Zuschauer flehte man ihn fast an, doch bitte das Handtuch zu werfen und die dauerhafte Gesundheit nicht aufs Spiel zu setzen.

"Ich habe so viel probiert"

Eine konservative Behandlung im Anschluss half nicht, und trotz einer Operation vor einem Jahr seien die Schmerzen nach wie vor zu arg, erzählte Murray nun in Melbourne. "Ich habe so viel probiert, nichts hat geholfen." Eine zweite OP, ein Hüft-Resurfacing als Alternative zum vollständigen Hüftersatz, sei zwar ein Thema. Jedoch nicht für den Leistungssport, "sondern um ein schmerzfreies Leben danach zu haben".

Die Welle der Anteilnahme nach Murrays Auftritt war überwältigend. "Es bricht mir das Herz, Andy Murray bei der Pressekonferenz zu sehen. Ich hoffe, er schafft es nach Wimbledon und bekommt den Abschied, den er verdient", twitterte die Belgierin Kim Clijsters. "Tennis ist besser dran mit dir", schrieb der Südafrikaner Kevin Anderson, und die Begriffe "Idol", "Champion", "Vorbild" und "toller Mensch" fielen in allen Variationen.

Der Skandal-Australier Nick Kyrgios, dem Murray oft zur Seite sprang, sprach nicht nur von einem traurigen Tag für Murray, "sondern für den Sport und jeden, auf den du Einfluss hattest". Und Tennis-Pechvogel Juan Martin del Potro, der nach vier Handgelenksoperationen mehrfach vorm Karriereende stand, twitterte: "Gib bitte nicht auf. Kämpfe weiter. Ich kann deine Schmerzen und Trauer gut verstehen. Ich hoffe, du kommst darüber hinweg. Du verdienst es, nach deinen Bedingungen aufzuhören, wann immer das passiert."

In Melbourne will Murray spielen

Nach den eigenen Bedingungen aufhören: Es ist der große Wunsch fast aller Sportler, und wo, wenn nicht in Wimbledon, sollte Murrays Abschied stattfinden. Nach vier Niederlagen in Grand-Slam-Endspielen holte er dort im Jahr 2012 die Olympische Goldmedaille. 2013, ausgerechnet am 7.7., verrückte 77 Jahre nach dem letzten Sieg eines Engländers beim Heim-Grand-Slam, folgte der erste Wimbledon-Titel.

2016 gewann er erneut auf dem heiligen Tennisrasen, es war sein letzter großer Triumph und dabei "erst" der dritte Major-Titel - schlicht und einfach, weil Murray das Pech hatte, in einer Generation mit Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic zu spielen, mit denen er zwar die "Big Four" bildete, die ihn in den großen Finals jedoch meist besiegten.

Murray machte auf anderen Ebenen umso mehr von sich reden, er stand wie kein anderer für Gleichberechtigung ein, was ihm einen enormen Popularitätsschub bei den Tennisfrauen einbrachte. "Wann immer wir ihn in der Umkleide für uns einstehen gehört haben, jubelten wir: 'Auf geht's, Andy!'", verriet die Australierin Sam Stosur.

Murrays Entscheidung kommt für Szenebeobachter nicht überraschend, zu labil wirkte er seit seinem Comeback im Sommer 2018. Als er vor zwei Wochen in Brisbane sein Auftaktmatch gegen John Millman gewonnen hatte, erklärte er mit feuchten Augen: "Gehen ist schlimmer, als wenn ich mich auf dem Platz bewegen muss. Und wenn ich das auf Video sehe, zieht es mich ziemlich runter. Weil ich glaube, dass ich es als Athlet besser machen sollte."

Am Donnerstag in Melbourne spielte Murray ein Trainingsmatch gegen Novak Djokovic, das Beobachter mit Schrecken verfolgten: 6:1, 4:1 führte Djokovic, als die qualvolle Session endlich vorbei war. Einem Fan, der sich via Instagram bedankte, sein großes Idol endlich live erlebt zu haben, antwortete Murray: "Tut mir leid, dass ich heute nicht unterhaltsamer war. Aber wenn du am Montag oder Dienstag zu meinem Match kommen willst, besorge ich dir ein Ticket."

Auf den Platz gehen und ein Match spielen - es ist alles, was Andy Murray will.



insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
cat69 12.01.2019
1.
Mich bewegt mehr die Frage, kann er sich die kommenden Jahrzehnte schmerzfrei oder überhaupt bewegen?
karmi1001 12.01.2019
2. Top Tennis Spieler, aber kein Gentleman
Wer die vielen 'four letter' Ausrufe des Murray und sein unkontrollieres Benehmen über viele Jahre verfolgt hat, kann mit der Bezeichnung "gentleman" wenig anfangen.
andreasm.bn 12.01.2019
3. das sehe ich auch so,....
Zitat von cat69Mich bewegt mehr die Frage, kann er sich die kommenden Jahrzehnte schmerzfrei oder überhaupt bewegen?
ob er nun 1 oder 2 Majors mehr spielt, in denen er im Achtel- oder Viertelfinale ausscheidet, was spielt das noch für eine Rolle? Klar, ein Abschied in Wimbledon wäre ihm mehr als zu gönnen, aber um welchen Preis? Das Leben danach schmerzfrei absolvieren zu können, sollte wichtiger sein, zuallererst für seine Familie. Und wieder sieht man, dass Hochleistungssport auf Dauer alles Andere als gesund ist.
gabriel76 12.01.2019
4.
Dann mal schnell raus aus dem Tennis Zirkus! Er überlegt noch trotz Schmerzen eine Abschiedstour zu machen? Da sollten ihm Freude gut zureden und davon abbringen..
biglewbowski 12.01.2019
5. Idol, Vorbild? Habe ich all die Jahre
wohl verpasst. Der größte Unsympath auf der Tour ever. Seine Schimpftiraden auf dem Platz gegenüber seiner Box waren unterirdisch. Ein Typ aus der Gosse ohne jegliche Erziehung. Gut, dass er geht.
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