Angelique Kerber bei den Australian Open Die Selbstvertrauensspielerin

Nach einem Jahr zum Vergessen ist Angelique Kerber bei den Australian Open wieder in alte Form gekommen. Plötzlich ist sie die Turnierfavoritin.

Angelique Kerber
DPA

Angelique Kerber

Aus Melbourne berichtet Philipp Joubert


Selbst für eine erfahrene Spielerin wie Angelique Kerber bringen solche Grand-Slam-Turniere noch etwas Neues: Im Achtelfinale der Australian Open gegen Hsieh Su-Wei, so hat sie erzählt, ist es ihr erstmals in ihrer Karriere gelungen, einen Ball zum Punktgewinn um den Netzpfosten zu schieben.

Ohnehin gelingt der 30-Jährigen derzeit ziemlich viel.

Kerber hat den Glauben an sich selbst zurückgewonnen und strahlt die Entschlossenheit aus, die es braucht, um in engen Situationen die ganz großen Titel zu gewinnen. Gegen die Taiwanesin stand die Deutsche eigentlich schon vor dem Aus. Sie drehte die Partie und gilt vor dem Viertelfinale plötzlich als Turnierfavoritin. Gewinnen ist für Angelique Kerber wieder leichter geworden.

Schwer tut sich Kerber, Deutschlands Nummer eins, derzeit nur damit, die Frage zu beantworten, warum sie nach dem Absturz von 2017 wieder in dieser Form ist?

Kerber war nie eine, die ihre Karriere mit einem groß vorgetragenen Narrativ begleitete - weder, als es für sie im Jahr 2016 rasant noch oben ging, noch als ihr im Jahr darauf die Selbstsicherheit durch die Finger glitt. Während andere in solchen Situationen den großen Bogen spannen, ihre Erkenntnisse teilen, erzählen, wie sie gewachsen sind, welche Herausforderungen sie gemeistert, und was sie auf dem Weg zum Erfolg gelernt haben, blieb Kerber im Vagen. Die oberste Maxime der Deutschen - auch im Januar 2018 - scheint der Selbstschutz zu sein. Auf und neben dem Platz.

Angelique Kerber
Getty Images

Angelique Kerber

Kerber erzählt keine alles umfassende Geschichte, sie ist verschlossener als viele andere. Es sind nur Fragmente, die sie der Öffentlichkeit anbietet.

Was die Tennisspielerin Kerber wohl wirklich ausmacht. Sie ist eine Selbstvertrauensspielerin. Läuft der Motor erst einmal, ist Kerber in der Wohlfühlzone angekommen. Ist der spielerische Rahmen gesteckt, ist sie nur schwer zu stoppen.

Kerber ist keine, der das theoretische Wissen um ihre eigenen Fähigkeiten reicht, um auf den Platz zu treten und zu gewinnen. Sie muss sich das Selbstvertrauen ganz praktisch erarbeiten. Ein entscheidender Faktor bei dieser Arbeit scheint der neue Trainer Wim Fissette zu sein. Er hat mit Kerber am Aufschlag gearbeitet, die Körpersprache verbessert, den Fokus auf die Offensive gelegt.

Fotostrecke

9  Bilder
Kerber bei den Australian Open: Comeback der Freude

Doch fast noch interessanter als diese technische Arbeit ist etwas, das Kerber auf Nachfrage zu Beginn des Turniers berichtete: Vor ihr hatte Fisette mit der Weltranglistenzehnten Johanna Konta zusammengearbeitet. Die hatte die Methode des Belgiers als analytisch beschrieben. Kerber wählte für seinen Ansatz das Wort "konkret".

Zu Beginn der Zusammenarbeit hätten die beiden ihr Spiel ganz genau analysiert und eine neue Kerber entworfen. An der wird nun in jedem Training gearbeitet. Genau so läuft die Spielvorbereitung: "Er gibt mir konkrete Pläne, die ich in jedem Match auf dem Platz umsetzen kann."

Kerber, die auch neben dem Platz nach Routinen sucht, während der freien Tage in einer Halle abseits der Anlage trainiert, umschrieb das planvolle Vorgehen nach dem beeindruckend klaren Sieg gegen Maria Sharapova noch einmal - wenn auch fast im Vorbeigehen: "Diese Pläne sind der Unterschied zu 2017. Ich gehe auf den Platz und weiß, was ich will. Ich fühle mich nicht mehr so orientierungslos und komplett verloren wie zu Anfang der letzten Saison, wo das alles ein bisschen neu war für mich."

Mit dieser Orientierungshilfe scheint in den kommenden Tagen einiges möglich. Auch wenn im Viertelfinale mit Madison Keys eine Gegnerin wartet, die mit ungemeiner Wucht durch selbst die besten Defensiven schlägt. Aber eines weiß Kerber: Die Beine sind da, das Selbstvertrauen auch - und ein Plan.



insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Sibylle1969 23.01.2018
1.
Man muss noch erwähnen, dass sich 2017 die anderen Topspielerinnen nach Kerbers sehr erfolgreichem Jahr 2016 sehr gut auf ihr Spiel eingestellt hatten, so dass es klar war, dass Kerber ihr Spiel weiter entwickeln musste. An der Seite des neuen Trainers ist das ihr nun offensichtlich gelungen. Kerber hat m.E. nicht nur ihren Aufschlag verbessert, sondern auch ihr Offensivspiel. Letzteres hat im letzten Jahr nicht mehr gut funktioniert, so dass Kerber gegen Top-20-Spielerinnen kaum noch gewinnen konnte. Mit dem verbesserten Spiel ist dann auch das Selbstvertrauen zurückgekehrt. Ich drücke die Daumen für das Viertelfinale, das ich mir morgen auf jeden Fall in der Wiederholung bei Eurosport anschauen werde (live um 1 Uhr).
nofreemen 24.01.2018
2. jetzt die Turnierfavoritin
Wenn Kerber schon kein grosses Narrativ vorträgt, dann machen es halt die Medien. Im Artikel wird verschwiegen, dass Kerber genau an diesem medialen Druck 2017 gescheitert ist. Jetzt wird er wieder aufgebaut. Arme Kerber.
kloppskalli 24.01.2018
3. Wiederholung bei Eurosport ?
wiederholung? wer guckt denn SOWAS? ;-)) ... auf der Australian Open Webpage gibt es sehr schoene, mehrere minute lange Zusammenfassungen als Video-Link im Bereich "RESULTS" ... wann immer man bock hat nund nicht wenn EUROSPORT sendet
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.