Angelique Kerber bei Australian Open Mehr Finesse dank Fissette

Nach einem beispiellosen Absturz in der Weltrangliste hat Angelique Kerber zu alter Stärke zurückgefunden. In Melbourne zählt sie zu den Favoritinnen - dank ihres neuen Trainers und ein paar kleinen Änderungen.

AFP

Von


Im Tennis sind es oft Kleinigkeiten, die den Unterschied machen. Das weiß auch Angelique Kerber. Angesprochen auf ihren Aufschlag, gab die 29-Jährige kürzlich zu, dass sie etwas verändert habe: "Ich versuche mehr abzuspringen - und das linke Bein in der Bewegung nicht mehr mit nach vorne zu nehmen."

Kleinigkeiten scheinen in den ersten Januarwochen Großes zu bewirken. Nach einer Horrorsaison und einem beispiellosen Absturz in der Weltrangliste spielt die zweimalige Grand-Slam-Siegerin wieder erfolgreich. Ihre Bilanz im neuen Jahr? Zehn Spiele, zehn Siege - nur zwei Sätze musste Kerber bislang abgeben. Mit Venus Williams, Dominika Cibulkova und Belinda Bencic bezwang sie aktuelle oder ehemalige Top-Ten-Spielerinnen. Der Triumph in Sydney am Samstag war ihr erster Turniererfolg seit über 15 Monaten.

"Ich bin dankbar für die zwei Extrem-Jahre. Die letzten 24 Monate waren wichtig für meine Weiterentwicklung. Ich bin gewachsen als Mensch, auf und außerhalb des Platzes", sagte Kerber. Das wichtigste sei aber, dass "ich wieder Freude auf dem Platz habe".

Änderungen waren nötig, neue Impulse und womöglich auch ein neues Umfeld. Kerber trennte sich im November von ihrem Langzeit-Trainer Torben Beltz und präsentierte umgehend den neuen Coach an ihrer Seite: Wim Fissette. Ein 39-jähriger Belgier, der die Herausforderung liebt. Dass er Kerber innerhalb kürzester Zeit wieder zu einer Mitfavoritin auf einen Grand-Slam-Titel gemacht hat, dürfte nicht verwundern.

Clijsters, Lisicki, Asarenka - sie alle profitierten von Fissette

Fissette ist Experte darin, ehemalige Top-Stars an ihre alte Leistungsgrenze heranzuführen. Ab 2009 betreute er Kim Clijsters, nachdem diese ihr Comeback verkündet hatte. Zwei Jahre hatte die Belgierin ausgesetzt, ehe sie unter Fissette nochmal an alte Glanzzeiten anknüpfen konnte. Die Bilanz: zwei Titel bei den US Open, einer bei den Australian Open.

Fotostrecke

10  Bilder
Kerber bei den Australian Open: Comeback der Freude

Anschließend führte er Sabine Lisicki (2013) und Simona Halep (2014) in die Endspiele von Grand-Slam-Turnieren. Wiktoryja Asarenka gelang unter Fissette nach einer zweijährigen Titelabstinenz die Rückkehr in die Top Ten der Weltrangliste. Auch anhand von Zahlen lässt sich seine Handschrift erkennen. Asarenka, Halep und Johanna Konta, die er 2017 trainierte, gewannen mit dem Belgier prozentual mehr Aufschlagspiele als unter ihren Vorgängern. Auch die Werte bei Punktgewinnen nach ersten Aufschlägen verbesserten sich.

Kerber deutete in ihrem Erstrundenspiel bei den Australian Open an, dass mit ihr zu rechnen ist. Gegen Anna-Lena Friedsam benötigte sie für den Gewinn des ersten Satzes gerade einmal 17 Minuten, im zweiten hielt ihre Gegnerin immerhin phasenweise mit. Fissette hat seine Vorstellungen von der Zusammenarbeit mit Kerber bereits formuliert: "Das Ziel ist, die WM in Singapur zu erreichen. Das heißt, in die Top Acht der Welt zu kommen." Gleichzeitig kündigte er an, sein Augenmerk auf Kerbers Offensivspiel legen zu wollen. Ihre Defensivqualitäten, so der Belgier, seien schließlich schon sehr gut.

Wenn der Ex-Coach zum Gegner wird

Fissette und Kerber - das scheint zu passen. Eine Rückkehr in die Weltspitze ist nicht auszuschließen - auch, weil es keiner Spielerin gelungen ist, das Fehlen von Serena Williams zu ihren Gunsten zu nutzen. Die US-Amerikanerin hatte die Weltrangliste über Jahre mit teils großem Vorsprung angeführt, seit ihrer Babypause kann sich aber niemand an der Spitze absetzen, im vergangenen Jahr gab es vier verschiedene Grand-Slam-Siegerinnen.

Das Feld im Frauen-Tennis ist so offen wie lange nicht - Kerber müsste auf dem Weg ins Finale unter anderem Marija Scharapowa und Garbiñe Muguruza bezwingen. Zunächst trifft sie in der zweiten Runde aber auf Donna Vekic. Für Kerber ist es kein Spiel wie jedes andere. Die Kroatin wird seit dieser Saison von Beltz trainiert, Kerbers Ex-Coach. Dem Mann, dem sie zwei Grand-Slam-Siege und Olympisches Silber zu verdanken hat.

Kerber betont immer wieder, dass die Trennung friedlich abgelaufen sei. Dass die Linkshänderin nun ausgerechnet an ihrem 30. Geburtstag auf ihn trifft, stört sie nicht. "Ich stelle mich auf Donna ein und denke nicht daran, dass Torben sie coacht." Wie friedlich es zwischen beiden auf dem Court tatsächlich ablaufen wird, ist fraglich. Auf dem Weg zum nächsten Sieg ist nicht auszuschließen, dass die Freundschaft kurzzeitig ruht.



insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
jean-baptiste-perrier 17.01.2018
1. Nochmal Nachzählen!
Es sind anders als im Artikel behauptet nicht 9 Siege aus 9 Spielen sondern bereits 10 Siege aus 10 Spielen (Stand 17.01.2018 vor der zweiten Runde für Kerber).
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.