Fed Cup gegen die Schweiz Kerberland

Angelique Kerbers Triumph bei den Australian Open hat die Lage im deutschen Damen-Tennis verändert. Aus dem Fed-Cup-Team ragt nun eine Spielerin heraus - der Erfolg ist damit aber nicht garantiert.

Von Philipp Joubert

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Es dauerte fast zehn Minuten, bis jemand Andrea Petkovic eine Frage stellte. Petkovic, so etwas wie die inoffizielle Pressesprecherin des deutschen Tennis, saß zwar in der Mitte des Podiums. Doch in Leipzig gilt die Aufmerksamkeit natürlich nicht ihr, sondern der Frau zwei Stühle rechts von ihr - Angelique Kerber.

Die Australian-Open-Siegerin ist zwar schon seit Jahren die deutsche Spielerin, die konstant gut spielt. Sie blieb in der Vergangenheit jedoch eher im Hintergrund. Doch diesmal brauchte es eine konkrete Frage, um den Rest des Fed-Cup-Teams einzubinden. "Wir haben uns alle für Angie gefreut und gebannt am Fernsehen gesessen," sagte Petkovic dann also über ihre Freundin Kerber. "Sie hat von uns wahnsinnigen Respekt bekommen, dass sie zwei Tage nach dem größten Erfolg ihres Lebens hierher kommt und dem Team beisteht." Man habe sie "aber auch schon vorher gemocht", schiebt Petkovic noch zum Amüsement der Journalisten und des Teams ein, auch wenn bei ihr durchaus ein bisschen Ernst in der Stimme mitschwingt.

Es ist eine kuriose Situation vor dem Fed-Cup-Viertelfinale am Wochenende. Tennis ist ein Einzelsport - doch das deutsche Damentennis lebte in den vergangenen Jahren eher von geschlossener Mannschaftsstärke. Kerber, Petkovic und Sabine Lisicki, die in Leipzig nach längerer Verletzungspause fehlt, waren bis zur vergangenen Woche ungefähr auf Augenhöhe. Zusammen wäre ihnen 2014 fast der größte Erfolg des deutschen Tennis seit Steffi Grafs French-Open-Sieg 1999 gelungen. Damals erreichten sie das Finale des Fed Cups, unterlagen dann aber Tschechien.

Kerber wirkt befreit

Anfang Februar 2016 ist das deutsche Tennis jedoch Kerberland. Die Frau, um die alles geht, wirkt entspannt und auch vier Tage nach dem Sieg in Melbourne bei sich angekommen. Sie selber sagt, dass sie in der Vergangenheit nicht immer mit Drucksituationen umgehen konnte. Kerber spricht die Gruppenphase der letztjährigen WM an, als ihr ein Satz zum Halbfinaleinzug gereicht hätte, sie aber an den Nerven scheiterte.

Beobachter mögen auch an das Fed-Cup-Viertelfinale vor einem Jahr gegen Australien in Stuttgart gedacht haben. Schon damals war Kerber zur Führungsspielerin ausgerufen worden. Doch gleich zum Auftakt verlor sie gegen Außenseiterin Jarmila Gajdosova. Es war Petkovic, die den Einzug ins Halbfinale retten musste.

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Australian Open: Kerbers Triumph in Melbourne
Wer Kerber jetzt sieht, mit durchgedrücktem Rücken und breitem Lachen, glaubt ihr, dass der große Erfolg eher befreiend als erdrückend wirkt. "Ich wollte unbedingt meinen Traum von einem Grand-Slam-Sieg erreichen. Jetzt habe ich es geschafft," sagt sie. Die neue Weltranglistenzweite spricht wie schon in Australien davon, dass sie endlich vollkommen an die eigenen Fähigkeiten glaubt: "Mittlerweile habe ich allen bewiesen, dass ich da oben hingehöre. Ich habe allen, auch mir selber, gezeigt, was ich kann und was in mir steckt." Ein langfristiges Ziel hat sich auch schon formuliert. "Ich will die Nummer eins der Weltrangliste werden", sagte Kerber in der RTL-Sendung "Stern TV".

Ein zusätzlicher Triumph im Fed Cup wäre gerade für den gebeutelten Deutschen Tennis Bund ein massiver Erfolg. Die von allen gewünschte Aufmerksamkeit wäre garantiert. Die Chancen stehen erneut sehr gut. Ein mögliches Halbfinale gegen den Dauersieger Tschechien oder das Team aus Rumänien würde genauso in Deutschland stattfinden wie auch ein eventuelles Finale im November.

Kerber hat noch nie gegen Bencic gewonnen

Doch erst mal muss vor solchen Träumen am Wochenende ein Sieg gegen die Schweiz her. Teamchefin Barbara Rittner warnt seit Tagen vor dem Gegner: "Sie haben alles, was sie brauchen, um erfolgreich zu sein. Jedes einzelne Match ist offen."

Das Schweizer Damentennis durchlebt im Moment eine Phase des anhaltenden Erfolges. Immer noch bekanntester Name ist die Weltranglistenerste im Doppel, Martina Hingis, die aber wohl nur zum Einsatz käme, falls das Duell am Sonntag im Doppel entschieden würde.

Beste Einzelspielerin ist Belinda Bencic, Nummer elf der Weltrangliste. Die 18-Jährige ist das vielleicht größte Talent im ganzen Damentennis. Sie hat bisher beide Matches gegen Kerber gewonnen. Auch die zweite Einzelspielerin Timea Bacsinszky hat schon gegen Kerber gesiegt.

Es kann also gut sein, dass Kerber am Wochenende Unterstützung brauchen wird von ihren Teamkolleginnen Petkovic, Annika Beck und Anna-Lena Grönefeld, damit der Auftaktschritt zum ersten Fed-Cup-Sieg seit 1992 genommen wird.

Im Vorfeld des Fed Cups ist es dann aber doch Petkovic, die spricht, lacht und philosophiert - und noch einen Wunsch für Kerber äußert: "Es ist natürlich schwierig, Angie kommt hier gleich in eine Hektik zurück. Aber ich hoffe, dass sie nicht vergisst, diesen Erfolg zu genießen, den sie verdient und für den sie so hart gearbeitet hat."

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insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
themistokles 04.02.2016
1. Alle mal wieder runterkommen....
Angelique Kerber hat jetzt mal EIN großes Turnier gewonnen. Herzlichen Glückwunsch, tolle Leistung! Den Sieg wird ihr keiner mehr nehmen. Aber trotzdem sollte man mal die Kirche im Dorf lassen. Sollte sich der Erfolg dauerhaft einstellen, kann man von mir aus von einer Graf 2.0 schreiben. Aber bis dahin....
TomTheViking 04.02.2016
2. wieso deutsches Tennis
Die Dame ist Polin und bezahlt in Polen ihre Steuern. Das muss ein Versehen sein - die Dame gehört nicht in ein deutsches Team-
waswuerdeflassbecksagen 04.02.2016
3. @themistokles
So siehts aus, verliert Frau Kerber in den nächsten Monaten alle Erstrundenspiele, wird man wieder von Krise sprechen, es ist schön, dass sie ein Turnier gewonnen hat und jetzt bitte wieder auf Normalmodus stellen ... eine gute Klausur macht noch kein gutes Zeugnis ...
waswuerdeflassbecksagen 04.02.2016
4. @TomTheViking
Michael Schuhmacher zahlt(e) Steuern in der Schweiz, ist der deswegen auch kein deutscher Rennfahrer - was soll denn das? Vettel ebenso, Nowitzki zahlt in den USA, ist er deswegen kein deutscher Basketballer - ????
TS_Alien 04.02.2016
5.
Und beim nächsten Turnier läuft dann wieder wenig zusammen. Oder ist anders "trainiert" worden. Die Stimme kommt mir ziemlich dunkel vor.
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