Kerbers Wimbledon-Sieg Traum der Träume

Schon als kleines Mädchen hat Angelique Kerber vom Wimbledon-Triumph geträumt. Nun ist er Realität geworden. Ob ihr Steffi Graf gratuliert habe, konnte sie nicht beantworten: Ihr Handy sei vor Nachrichten fast explodiert.

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Aus Wimbledon berichtet Philipp Joubert


Als Angelique Kerber begann, die Treppe hochzusteigen, da trug sie den Arbeitsnachweis dieses Tages immer noch auf dem Rücken. Eine braune Staubschicht hatte sich auf das weiße Kleid der neuen Wimbledonsiegerin gelegt. Die Jubel-Rolle auf dem gar nicht mehr so grünen Rasen von Wimbledon hatte Spuren hinterlassen.

Das konnte Kerber egal sein. Denn in den nächsten Minuten beschritt sie einen besonderen Tennis-Weg: Kerber wurde in den Innenraum des Centre Courts des prestigeträchtigen Tennisturniers in London geführt, dort begegnete sie den königlichen Besucherinnen Herzogin Kate und Herzogin Meghan, und schließlich präsentierte sie Hunderten Zuschauern die Siegerinnentrophäe vom Balkon des imposanten Gebäudes. Die neunmalige Titelträgerin Martina Navratilova kommentierte das Zeremoniell im Fernsehsender BBC so: "Kein Turnier lässt dich spezieller fühlen als Wimbledon. Es gibt dir wirklich das Gefühl dazuzugehören."

Kerber war vor diesem Tag schon zweifache Grand-Slam-Siegerin, doch mit dem Sieg in Wimbledon ist sie endgültig in der Tennismonarchie angekommen. "Ich kann jetzt immer sagen, dass ich Wimbledon-Champion bin. Das war der Traum meiner Träume," sagte Kerber. Und die sonst eher zurückhaltende Deutsche lachte, scherzte, berichtete begeistert vom Treffen mit den Herzoginnen. Hätte der Moderator die Pressekonferenz nicht irgendwann beendet, Kerber würde wohl immer noch sprechen.

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Kerbers Sieg in Wimbledon: Tränen und Trophäe

Auch wenn die 30-Jährige im Finale nicht wackelte, berichtete sie hinterher von der Anspannung im Vorfeld: "Ich habe von Anfang an versucht, die Nervosität loszulassen. Ich wollte gar nicht erst drüber nachdenken, dass das hier das Wimbledon-Finale ist."

Die unterlegene Gegnerin Serena Williams würdigte Kerber im Anschluss für ihre enorme Variabilität. Die Deutsche war tatsächlich überall gewesen - und hatte ihr ganzes Können gezeigt: Rettungsschläge, Stoppbälle, geblockte Rückhände. Wo immer die Zuschauenden hinblickten, Kerber war da gewesen und schon wieder auf dem Weg woanders hin.

Der Aufschlag war der Schlüssel zum Sieg

Aber trotz aller Einlagen als Balancekünstlerin, wuchtigen Sprintbeschleunigungen und durchdachten Ballentschleunigungen - am Ende waren es die zwei wichtigsten Schläge des Tennis, die den Unterschied machten. Denn auch im Finale brachte Kerber wie während des gesamten Turniers eine hohe Anzahl an Returns zurück ins Feld. Vor allem aber variierte sie ihren stark verbesserten Aufschlag. Nicht nur die ehemalige Wimbledon-Siegerin Billie Jean King nickte voller Anerkennung, auch Kerber selbst bezeichnete den Service als Schlüssel zum Sieg: "In den wichtigen Momenten habe ich einfach gut serviert."

Diese Entschiedenheit brauchte Kerber vor allem zum Schluss. Als die Deutsche zum Match aufschlug, beim Stand von 15:0 über den Platz getrieben wurde, begleiteten die "Uhs" und "Ahs" der fast 15.000 Anwesenden jeden Schlag. Als der entscheidende Ball in einem Vorhandfehler von Williams resultierte, die Amerikanerin aus Enttäuschung auf den Boden fiel, sackte auch das Publikum in sich zusammen. Nur um zwei Minuten später Kerber mit Gejauchze und Applaus zu feiern.

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Deutsche Grand-Slam-Sieger: In einer Reihe mit Becker und Graf

Zwei Stunden später konnte sich Kerber nicht mehr im Detail an die entscheidenden Momente erinnern. Der Bedeutung des Sieges war sie sich allemal bewusst. Kerber berichtete von ihrem Handy, dass unter der Last der Gratulationen vermutlich schon explodiert sei. Ob eine Nachricht von Steffi Graf darunter war, der letzten deutschen Siegerin in Wimbledon (1996), konnte Kerber deshalb nicht beantworten.

Sie freue sich zwar sehr auf den Rummel, der nun kommen werde, sagte Kerber. Aber bevor die Tour auf den nächsten Saisonhöhepunkt, die US Open, zusteuert, will sie auf jeden Fall Urlaub machen: "Das habe ich gelernt." Kerber braucht den Rückzug, das Durchatmen. Diese Erfahrung hat sie spätestens 2017 gemacht, dem Jahr, in dem sie oft etwas überwältigt schien. Das soll nicht noch einmal passieren.

Schließlich hat Kerber noch viel vor.

insgesamt 6 Beiträge
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pv51 15.07.2018
1. herzlichen Glückwunsch Angie!!!
spannendes finale, auch wenn serena nicht ihren besten Tag hatte. Grosse Freude rund um den Fernseher.
ihawk 15.07.2018
2. Bei aller Freude
Gratulation zu einem wohl verdienten Sieg. Angelique Kerber hat auch bewiesen, dass Fleiß und Zielstrebigkeit zum Ziel führt und ist damit meines Erachtens ein gutes Vorbild für die Tennisjugend.
spiegelneuronen 15.07.2018
3. Herzlichen Glückwunsch zum Wimbledon Turnier-Sieg
Besser kann man das Wimbledon - Turnier, den Edel Grand - Slam, nicht beenden. Gratulation und allerhöchste Anerkennung für diese Leistung und das eigene Spiel. Danke, dass sich das Tennis wieder auf dem Platz abspielt und nicht in den Abseitskategorien Show und Boulevard. Respekt und weiterhin viel Erfolg. Schönes Spiel und toller Vorhand-Longline Passierschlag.
CancunMM 15.07.2018
4.
Zitat von pv51spannendes finale, auch wenn serena nicht ihren besten Tag hatte. Grosse Freude rund um den Fernseher.
spannendes Finale ? Das war von der Qualität her mit das schlechteste Wimbledonfinale, dass ich jemals gesehen habe. Kerber brauchte nur auf Fehler von Williams zu warten ohne selbst hervorragend zu spielen.
paul.baumann 15.07.2018
5.
Zitat von CancunMMspannendes Finale ? Das war von der Qualität her mit das schlechteste Wimbledonfinale, dass ich jemals gesehen habe. Kerber brauchte nur auf Fehler von Williams zu warten ohne selbst hervorragend zu spielen.
Es ist nicht das erste Finale, dass am Ende eher enttäuschend ist. Aber a) man muss ja nur so gut spielen, wie der Gegner/die Gegnerin es erfordert und b) ist das Finale nur eines von mehreren Spielen, die auf dem Weg zum Sieg gewonnen werden müssen. Denn besonders da zeigt sich, wer ein wirklicher Champion ist - und da hat Angelique Kerber auch ihre wahren Qualitäten bewiesen! Chapeau, Angelique!
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