Anti-Doping-Kampf im Wintersport "Wir brauchen Beweise"

Der McLaren-Report hat das russische Staatsdoping offengelegt - trotzdem können russische Sportler weiterhin von den Winterspielen 2018 träumen. Das IOC weigert sich, eine Kollektivstrafe auszusprechen.

Skiläufer
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Knapp sieben Monate sind vergangen, seitdem der erste McLaren-Report die Tragweite des russischen Staatsdopings offengelegt hat, doch die Aufarbeitung der Vorgänge rund um die Olympischen Winterspiele von Sotschi geht nur schleppend voran. Am Beispiel der Skilangläufer lassen sich die Probleme bestens illustrieren: Jüngst erklärte der deutsche Anwalt des unter Dopingverdacht stehenden russischen Skilanglauf-Olympiasiegers Alexander Legkow, sein Mandant ziehe gegen seine Suspendierung vor den Welt-Sportgerichtshof Cas.

Legkow, der 2014 in Sotschi das Rennen über 50 Kilometer gewonnen hatte, ist einer von sechs russischen Langläufern, die im Dezember 2016 nach Veröffentlichung des zweiten McLaren-Untersuchungsberichts vom Ski-Weltverband Fis suspendiert wurden. Die Doping-Kommission der Fis hat Einsprüche Russlands kürzlich abgelehnt.

Legkows Anwalt Christof Wieschemann spricht von einem "Mangel an Rechtsstaatlichkeit des Verfahrens". "Es scheint so, als würden die Athleten zu Sündenböcken gemacht, die tatsächlichen Probleme aber an anderer Stelle liegen", schreibt Wieschemann auf seiner Webseite. "Aus Sicht des einzelnen Athleten spielt es keine Rolle, ob die Beschreibung des Manipulationssystems in Sotschi durch den McLaren-Bericht richtig ist oder nicht." Es gebe "keinen überzeugenden Beweis für eine unmittelbare oder aktive Beteiligung eines einzelnen Sportlers daran".

Negative Tests sagen nicht viel aus

Das gehört zu den Säulen eines ausgeklügelten Betrugssystems: Der individuelle Nachweis in Form einer positiven Probe fällt schwer. Wieschemann argumentiert, dass bei seinem Mandanten in den fünf Wochen vor Beginn der Sotschi-Spiele dreizehn Dopingproben genommen wurden. Diese seien nicht nur in Moskau, sondern auch in Lausanne, Kreischa und Köln negativ analysiert worden. Dass Hunderte negative Tests gar nichts aussagen müssen, weiß man allerdings spätestens seit den spektakulären US-Dopingfällen rund um das Balco-Labor und den Radsportler Lance Armstrong.

Es ist nicht einfach: Sonderermittler McLaren hatte in seinen Berichten nicht den Nachweis des Dopings einzelner Sportler geführt, sondern das staatlich orchestrierte Dopingsystem belegt, in dem mehr als 1.000 Sportler, das Sportministerium, Sportverbände, Trainer, der Geheimdienst FSB und die sogenannte Antidopingbehörde Rusada einbezogen waren.

Doch das IOC weigerte sich, Kollektivstrafen wie einen kompletten Olympiabann Russlands auszusprechen, und delegierte die Verantwortung an die olympischen Weltverbände. Diese sollen den individuellen Schuldnachweis führen und sind damit überfordert. In diesem Winterwald aus Nebelkerzen haben Anwälte und die russische Propaganda relativ leichtes Spiel.

Bachs "innere Wut"

In einem Jahr, am 9. Februar 2018, werden die Olympischen Winterspiele in Pyeongchang (Südkorea) eröffnet. 19 nationale Anti-Doping-Agenturen, darunter die deutsche Nada, zahlreiche Funktionäre aus der zweiten Ebene und immer mehr Spitzensportler fordern mittlerweile einen Ausschluss Russlands.

Das IOC, das bereits bei den Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro den Ausschluss Russlands erfolgreich verhindert hatte, will auch diesmal nichts davon wissen. IOC-Präsident Thomas Bach verneint die Mitverantwortung des russischen NOK im staatlichen Dopingsystem, wozu ihm erstaunlicher Weise McLaren Argumente geliefert hat. Zugleich spricht Bach aber von einer Doping-Verschwörung in Russland, die ihn erschrecke und "innere Wut" auslöse - und fabuliert über härteste Strafen gegen beteiligte Sportler inklusive eines Olympia-Banns.

Ein Ausschluss Russlands wäre mit der Olympischen Charta leicht zu begründen. Bach aber wehrt sich vehement, stattdessen hat er zwei Kommissionen gegründet: Eine beschäftigt sich mit der Manipulation der Dopingproben bei den Sotschi-Spielen, eine zweite mit der "institutionellen Verschwörung" in russischen Sportverbänden, dem Sportministerium, der Rusada und vielleicht sogar im NOK. Doch kann man solchen internen Untersuchungen überhaupt noch trauen?

31 Fälle im Biathlon

Zudem verspricht das IOC seit Mai 2016, damals auch unter Druck von Athletensprechern wie Claudia Bokel (IOC) und Beckie Scott (Wada), die Nachtests der eingefrorenen Dopingproben von Sotschi. Mehr als die Angaben aus dem McLaren-Bericht kennt man bisher nicht. Ende Dezember kündigte Bachs Administration die Analyse aller eingefrorenen russischen Dopingproben der Winterspiele 2010 in Vancouver an und leitete 28 Disziplinarverfahren wegen manipulierter Dopingproben 2014 in Sotschi ein.

Die Erfahrung zeigt: Es geht immer dann vorwärts, wenn der Druck von Öffentlichkeit und Sportlern aufrechterhalten wird. Bestes Beispiel sind jene 170 Biathleten, die ihren Weltverband Ibu im Januar schriftlich aufgefordert haben, die Doping-Regularien zu verschärfen, das individuelle Strafmaß auf bis zu acht Jahre zu erweitern, die Geldstrafen für Nationalverbände auf bis zu eine Million Euro zu erhöhen und Doper-Nationen Quotenplätze zu streichen.

Im McLaren-Report werden 31 Fälle aus dem Biathlon erwähnt. Angeblich, so heißt es aus Ibu-Kreisen, seien darunter allerdings auch Gewichtheber gewesen und Sportler, die seit Jahren nicht mehr aktiv sind. Die Ibu sprach inzwischen die meisten Russen frei, nur gegen neun Biathleten laufen Verfahren, wobei zwei davon auch im IOC-Fokus stehen.

Nachdem sich die beiden Stars der Szene, Martin Fourcade aus Frankreich und der Norweger Ole Einar Bjørndalen, wochenlang engagierten und andere Aktive mit Boykott gedroht hatten, berief die Ibu-Führung einen außerordentlichen Kongress ein, der nächste Woche unmittelbar vor Beginn der WM in Hochfilzen (Österreich) stattfinden soll. Gegenüber der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada muss sich die Ibu wegen der Vergabe der WM 2021 an das russische Tjumen weiterhin rechtfertigen. Der diesjährige Weltcup in Tjumen und eine Junioren-WM wurden Russland aberkannt.

Die Lage wird dadurch verkompliziert, dass im überschaubaren Wintersport, der nur in einigen Dutzend Nationen weltweit professionell betrieben wird, die Seilschaften besonders eng wirken. Man kennt sich, man versteht sich. Sportler und Offizielle bewegen sich im Weltcup-Zirkus viele Wochen auf engstem Raum zusammen. Erster Ibu-Vizepräsident ist der Russe Wiktor Majgurow. Und der Schweizer René Fasel, IOC-Mitglied, Präsident des Eishockey-Weltverbandes und traditionell gut im Kreml vernetzt, zweifelt McLarens Erkenntnisse öffentlich an.

"Wir brauchen Beweise"

Nicht nur im Biathlon wurden provisorische Sperren aus Mangel an Beweisen bereits aufgehoben. So darf der des Dopings verdächtige Skeleton-Olympiasieger Alexander Tretjakow längst wieder auf die Bahn. Am vergangenen Wochenende gewann er den Weltcup am Königssee, wo Mitte Februar auch die Weltmeisterschaften im Skeleton und Bob stattfinden. Der Weltverband IBSF hatte diese Titelkämpfe nach Veröffentlichung des zweiten McLaren-Berichts von Sotschi abgezogen und nach Bayern verlegt. Auch diese Entscheidung kam unter Druck etlicher Sportler zustande, die mit einem Boykott der WM in Sotschi gedroht hatten.

Der zweifache Bob-Olympiasieger von Sotschi, Alexander Subkow, einer der Lieblingssportler Wladimir Putins, ist inzwischen zum Präsidenten des russischen Bob-Verbandes aufgestiegen, steht aber unter akutem Dopingverdacht. Er bestreitet alle Vorwürfe. Zur Abschlussfeier der Sotschi-Spiele, als dem Langläufer Legkow die Goldmedaille überreicht wurde, durfte Subkow auf der Ehrentribüne neben Putin sitzen. Subkows ehemaliger Anschieber, der längst zurückgetretene Olympiasieger Dmitri Trunenkow, wurde am Dienstag von der Rusada für vier Jahre gesperrt - wegen eines Vergehens aus dem Jahr 2016, nicht wegen Sotschi. Trunenkow wies die Vorwürfe zurück und nannte sie "eine der üblichen Provokationen gegen den ganzen russischen Sport".

Relativ hart bleibt bislang der Ski-Weltverband Fis, gegen den Legkow und sein ebenfalls suspendierter Gefährte Gefährte Jewgeni Below mit deutscher Anwaltshilfe nun vor den Cas ziehen wollen. Fis-Präsident Gian Franco Kasper lehnt Kollektivstrafen zwar ebenfalls ab, das Weltcup-Finale der Langläufer ließ er jedoch von Tjumen nach Quebec in Kanada verlegen. Derlei kosmetische Operationen sind das eine, die juristisch wasserdichte individuelle Würdigung eines Dopingsystems ist etwas anderes. "Wir brauchen Beweise", sagt Kasper SPIEGEL ONLINE, "wir können auf Dauer nicht spekulieren. Wir müssen die Frage beantworten: Waren die Athleten in Sotschi gedopt oder nicht?"

Der Gang vor den Cas, den Legkows Anwalt Wieschemann ankündigte, dürfte richtungsweisend sein. Vor den Sommerspielen in Rio de Janeiro hatten die Sportrichter das Vorgehen des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF in der Causa Russland gebilligt. Jetzt müsste der Cas die Frage beantworten, ob die Suspendierung von Legkow & Co. auf Grundlage des McLaren-Berichts berechtigt ist.

Das würde aber zunächst nur für die Nordische Ski-WM in Lahti gelten. Die Kernfrage der Teilnahme russischer Sportler an den Winterspielen in einem Jahr in Pyeongchang wird weiter vertagt. "Ich werde sicher nicht sagen, ich will keine Russen bei den Winterspielen", sagt Ski-Präsident Kasper. "Wer dort nicht teilnimmt, sollte nicht wegen seines Reisepasses gesperrt sein, sondern wegen nachweisbarer Vergehen."

insgesamt 7 Beiträge
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egonon 03.02.2017
1. Wes Brot ich ess, des Lied ich sing,
ist doch eine alte Binsenweisheit. Früher habe ich begeistert Übertragungen aus dem Wintersport angesehen. Nachdem sich aber herausgestellt hat, welch korrupte und mafiöse Funktionärscliquen den Sport bestimmen und zwar nicht nur im Wintersport sondern praktisch in allen honorarträchtigen Disziplinen ,vom Fussball bis zur Leichtathletik, muss ich mir diese Schmierenkommödien ncht mehr antun. Lasst doch das angeblich so saubere IOC wirken wo es will. Glaubwürdigkeit sieht anders aus!
SigismundRuestig 03.02.2017
2. Moralisch am Ende!
Ob FIFA, UEFA oder IOC, Geld regiert auch die Sport-Welt, juchhe! Insofern kann ich es nur begrüßen, wenn ARD und ZDF diese mafiösen Organisationen nicht mehr unterstützen! Die fortschreitende Kommerzialisierung des Sports in Verbindung mit der Hofierung schlimmster Despoten und allen daraus resultierenden Auswüchsen (Korruption, Bestechung, Schiebung, Doping,...) wie z.B. dem Fall des illegalen Tickethandels des IOC-Funktionärs Patrick Hickey oder auch den "ahnungslosen" Geldflüssen rund um das Fußball-Sommermärchen in Deutschland ist ein unumkehrbarer Prozess. Das hat schon der Philosoph Sloterdijk richtig analysiert! Und dementsprechend schreitet die Gigantomanie munter voran: Ausdehnung der Fußball-WM auf 48 Mannschaften, Ausweitung der Spieltermine in der deutschen Fußball-Bundesliga zu Lasten der Amateurvereine,... Offensichtlich wird hier das Motto "schneller, höher, weiter" umgemünzt in "mehr $, mehr €, mehr Macht". Ansonsten waren die letzten Olympischen Spiele: Unsportlich! Dann lieber Pokémon Go! Durchsichtige Politik des Aussitzens! Null Toleranz mit heuchlerischen Funktionären! Die Heuchel-Sportler und die Heuchel-Sport-Funktionäre haben jeglichen moralischen Maßstab verloren. Dem Fass schlägt den Boden aus, dass sich die Funktionärselite auch noch als "härtest mögliche Aufklärer" gebärdet! Aber die Doping-Whistle-Blowerin Julia Stepanowa von den Olympischen Spielen ausschließen! Als Vorbilder höchstens noch für Drogenabhängige, Drogendealer und Mafiosi geeignet. Entlarvend, dass sich die Politik nicht vehement distanziert! Bleibt nur, dass sich die anständigen Bürger angewidert abwenden! Boykottiert die olympischen Spiele und die nächsten Fußball-Weltmeisterschaften im Fernsehen! Und geht auf die Barrikaden, wenn das staatliche Fernsehen weiterhin diesen Schurken eure Gebühren-Millionen/Milliarden hinterherwirft! Boykottiert die Sponsoren, solange sie diese unwürdigen Spiele unterstützen! Und: spielt lieber Pokémon Go! Postfaktische Welt? http://youtu.be/QqoSPmtOYc8 Viel Spaß beim Anhören! Und im übrigen: IOC- und FIFA/UEFA-Top-Funktionäre erfüllen nicht einmal die selbst gestellten ethischen Anforderungen! Wie kann es weitergehen? Z.B. durch Neuaufbau entsprechender alternativer Sportverbände, die sich wieder auf sportliche Ideale und olympische Traditionen besinnen! Das könnte auch heißen, dem Amateursport wieder breiteren Raum einzuräumen. Ein weites Feld für innovative, motivierte und idealisierte Sportler und Sportbegeisterte! Ob sich Politik, Medien (ARD und ZDF: her mit den eingesparten Millionen!), Sponsoren darauf einlassen? Skepsis ist angebracht!
schwabenmaul 03.02.2017
3. Sportler sind gedopt,Funktionäre sind be........?
Es ist einfach so, dass es bei den Funktionären halt auch best.... gibt. Wer schaut schon noch Sport an ?
Thekes 03.02.2017
4. Einseitige Sicht auf Doping
Der in dem Artikel erwähnte Lance Armstrong wäre bis heute nicht erwischt worden, wenn sein Kollege Floyd Landis nicht gepetzt hätte. Gedopt wird nach wie vor weltweit, dabei sind führende Industrienationen bei der Herstellung von High Tech – Dopingprodukten den Dopinglabors immer eine Nasenlänge voraus. Wenn dann aus diesen Ländern doch einige erwischt werden, kommen sie vergleichsweise glimpflich davon. Beispiel: Zu den zehn schnellsten 100-m-Läufern der Geschichte zählen 4 US-Amerikaner, die alle des Dopings überführt sind und wieder starten durften. • Tyson Gay (USA) 9,69 ein Jahr Sperre (2013), • Justin Gatlin (USA) 9,74 zweimal gesperrt (2001/2006), • Tim Montgomery (USA) 9,78 zwei Jahre Sperre (2005), • Maurice Greene (USA) 9,78, nicht gesperrt (2008). Sportler mit weniger professioneller Unterstützung sind die Dummen. (Klassiker: Ben Johnson, Kanada, lebenslang gesperrt) Quintessenz: Man muss nur für die richtige Nation starten. Kämen o.g. Sportler aus Rußland, wäre es Staatsdoping.
KaroXXL 03.02.2017
5. Was man geahnt hat
Es ist ein Politikum, es gibt und gab keine konkreten Beweise. Und diese werden natürlich völlig zu Recht gefordert! Ich fands ja schon übel, geradezu ekelhaft wie die Paralympioniken (!) ausgeschlossen wurden.
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