Stabhochsprung-Weltmeisterin Issinbajewa "Ich bin gegen jede Diskriminierung"

Gesinnungswandel oder Missverständnis? Einen Tag nach ihren umstrittenen Äußerungen zum russischen Anti-Homosexuellen-Gesetz ist Stabhochspringerin Jelena Issinbajewa zurückgerudert. Zuvor war sie von anderen Athleten scharf kritisiert worden.

Stabhochspringerin Issinbajewa: Heftiger Gegenwind
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Stabhochspringerin Issinbajewa: Heftiger Gegenwind


Hamburg - War es tatsächlich die Sprachbarriere oder führten die heftigen Reaktionen auf ihre umstrittenen Aussagen zu einem Gesinnungswechsel? Die russische Stabhochspringerin Jelena Issinbajewa hat ihre Verteidigungsrede für das Anti-Homosexuellen-Gesetz Russlands relativiert.

"Ich bin gegen jede Diskriminierung von Homosexuellen", sagte die Goldmedaillengewinnerin nun am Rande der Leichtathletik-WM in Moskau. Die 31-Jährige, Botschafterin von Jugend-Olympia und 2014 Bürgermeisterin des Olympischen Dorfes in Sotschi, behauptete: "Englisch ist nicht meine Muttersprache. Ich bin wohl missverstanden worden gestern."

Issinbajewa hatte nach ihrem WM-Titel das umstrittene Gesetz in ihrer Heimat vehement verteidigt. Sie fürchte um die Zukunft ihres Landes, sollte das Dekret keine Anwendung finden. "Wenn wir all diese Dinge auf unseren Straßen zulassen, würden wir Angst um unsere Nation haben", sagte die Weltmeisterin, die als Unterstützerin des Präsidenten Wladimir Putin gilt.

"Das war eine oberflächliche Meinung und Erklärung"

"Wir verstehen uns als traditionelles Volk", sagte Issinbajewa: "Männer sollten Frauen lieben und umgekehrt. Dies ergibt sich aus der Geschichte. Ich hoffe, dass dieses Problem nicht die Olympischen Winterspiele in Sotschi belastet."

Die Reaktionen auf ihre Aussagen waren heftig. "Sie ist in dieser Frage nicht einig mit dem Rest der Welt", sagte Denise Lewis, britische Siebenkampf-Olympiasiegerin von Sydney 2000. 400-Meter-Weltrekordler Michael Johnson sagte: "Das war eine sehr oberflächliche Meinung und Erklärung."

Zuletzt hatte US-Mittelstreckenläufer Nick Symmonds die Diskriminierung von Homosexuellen in Russland öffentlich kritisiert. Er widmete seine 800-Meter-Silbermedaille seinen schwulen und lesbischen Freunden. Issinbajewas Äußerungen hätten ihn geschockt: "Ich kann nicht verstehen, wie eine so gebildete Frau so rückständig sein kann."

Das Gesetz stellt seit Juni in Russland die Weitergabe von Informationen über Homosexualität an Minderjährige unter Strafe. Das von Putin unterzeichnete Gesetz hatte international Zweifel an der Offenheit und den Gastgeberfähigkeiten Russlands aufkommen lassen. Es wurden Forderungen nach einem Boykott der Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014 laut.

bka/sid/dpa

insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
e-ding 16.08.2013
1.
Der Entwicklungsgrad einer Gesellschaft lässt sich u.a. daran messen, wie stark vermeintliche Andersartigkeit toleriert wird. "Das ist halt ne andere Kultur" zieht da nicht. Selbstverständlich darf und sollte man diese "Kulturen" bewerten. Wer sich vor Homosexuellen fürchtet, wurde vielleicht nur etwas schräg sozialisiert; der eigene Verstand sollte aber dazu führen, die eigene Sozialisation und Rolle zu hinterfragen. Wer das nicht tut, hat mein Mitleid.
JaWeb 16.08.2013
2. Druck
Die Homosexuellen in Russland stehen unter einem erheblichen Druck in Folge der menschenrechtsfeindlichen Gesetzgebung, welche diese Sportlerin gestern unmissverständlich befürwortete. Es ist an der Zeit, dass diese Frau auch ein bisschen unter Druck kommt, z.B. indem man sie nicht mehr zu Veranstaltungen einlädt in Ländern, die Menschenrechte für alle als selbstverständlich erachten. Auch ihre Sponsoren müssen sich fragen lassen, ob Feinde der Menschenrechte Werbeikonen und Vorbilder sein können und auch humanistisch gesinnte Zuschauer können der Dame unmissverständlich klarmachen, was sie von ihr halten. Es gibt keine Menschenrechte, die selektiv vorenthalten werden können, aus welcher Gesinnung heraus auch immer. Am Beispiel des Umgangs mit Homosexuellen lässt sich exemplarisch zeigen, wer freiheitlich im Sinne der Menschenrechte denkt und handelt und wer nicht. Das gilt nicht nur für diese Sportlerin.
tomkey 16.08.2013
3. Vorschlag
Zitat von sysopDPAGesinnungswandel oder Missverständnis? Einen Tag nach ihren umstrittenen Äußerungen zum russischen Anti-Homosexuellen-Gesetz ist Stabhochspringerin Jelena Issinbajewa zurückgerudert. Sie sei gegen jede Diskriminierung. http://www.spiegel.de/sport/sonst/anti-homosexuellen-gesetz-jelena-issinbajewa-rudert-zurueck-a-916932.html
Sie sollte Politikerin werden. Die 180° Wende beherrscht sie schon recht gut.
tillk2004 16.08.2013
4.
Da hat jemand nicht verstanden, worum es hier geht...
ps1961 16.08.2013
5. Video
http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=cuNt7_fZjM4
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