ARD-Dokumentation Doping-Nation Russland

Ein ARD-Film legt beeindruckende Belege für flächendeckendes Doping in Russland vor. Athleten brechen das Schweigekartell in Politik, Medizin und Sport. Die Frage, ob andere Länder ähnlich handeln, lässt der Film allerdings offen.

Marathonläuferin Schobuchova: 200.000 Dollar gezahlt
AFP

Marathonläuferin Schobuchova: 200.000 Dollar gezahlt

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Epo-Spritzen aus der Apotheke, die per Bringdienst bis an die Haustür geliefert werden, überführte Athleten, die sich ihren Olympia-Start mit Geld erkaufen, auffällige Blutproben, die vertuscht werden - was die ARD in ihrer Dokumentation "Geheimsache Doping" am Mittwochabend offenlegt, findet selbst der Generaldirektor der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada, David Howman, "schockierend". ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt hat über Monate Belege für flächendeckenden Leistungsmissbrauch im Spitzensport zusammengetragen.

Genauer gesagt: im russischen Spitzensport. Und das ist Stärke und Schwäche des Films gleichermaßen. Auf der einen Seite ist es äußerst bemerkenswert, was Seppelt an Indizien, Kronzeugen und Dokumenten für ein systematisches Dopingsystem in Russland gesammelt hat. Auf der anderen Seite bleibt am Ende das Gefühl: Das Böse im Sport ist russisch. Was ganz gut in die aktuelle Zeitstimmung passt. Und im Westen das wohlige Gefühl zurücklässt, hier seien die Guten. So wie früher.

Als besonderen Coup präsentiert Seppelt die Weltklasse-Marathonläuferin Lilja Schobuchova, die vor der Kamera erzählt, wie sie jahrelang trotz erhöhter Blutwerte durch alle Kontrollen geschleust wurde - und was sie im Gegenzug dafür zahlen musste. Damit sie bei den Olympischen Spielen in London an den Start gehen durfte, hat sie insgesamt 200.000 Dollar zahlen müssen. Dafür wurden ihre positiven Dopingbefunde vertuscht. Als sie nachträglich dann doch noch gesperrt wurde, nachdem sie als Favoritin in London keine Medaille gewinnen konnte, packte sie gegenüber der ARD aus.

"Wenn sie erwischt wird, schmeißen sie sie weg"

Auch die ehemalige Mittelstrecklerin Julia Rusanowa sagt ausführlich vor Seppels Kamera aus, zu sehen sind heimlich gefilmte Aufnahmen, wie sie von ihren Trainern Pillen zugesteckt bekommt. Ihr Mann, jahrelang bei der russischen Anti-Doping-Behörde Rusada, entlarvt mit seinen Aussagen die Anti-Doping-Fahndung des Landes als Farce. Immer wenn Seppelt Fakten und Namen beibringen kann, hat die Dokumentation ihre stärksten Momente.

So hat es der Film eigentlich gar nicht nötig, dass der emsige Ermittler Seppelt sich gern immer wieder selbst ins Bild setzt. Man sieht Seppelt am Schreibtisch, Seppelt am Computer, Seppelt im Flugzeug, Seppelt im Interview, garniert mit Seppelt-Sätzen wie: "Die Dokumente liegen mir im Original vor." Oder: "In meinem Büro erreichen mich E-Mails aus Moskau." Oder: "Jetzt will ich mehr erfahren." Oder: "Nach wochenlangem Warten bekomme ich eine Antwort." Journalistenalltag, dramatisch unterlegt.

Wenn er die Sportler dagegen selbst sprechen lässt, dann verdichtet sich der Film zu einem Lehrbeispiel darüber, wie Doping funktioniert, wenn Politik, Sport, Medizin und Kontrolleure ganz offensichtlich ein Kartell bilden, das sich untereinander schützt. Rusanowa, die Russland gemeinsam mit ihrem Mann mittlerweile verlassen hat und an einem unbekannten Ort lebt, sagt über ihre Erfahrungen: "Sie füttern eine Sportlerin mit Doping. Und wenn sie erwischt wird, dann schmeißen sie sie weg und wählen eine nächste aus."

Der Film ist eine einzige Anklage gegen das Dopingsystem Russland, und wer ihn gesehen hat, traut Erfolgen dieser Sportler nicht mehr über den Weg. Oder wie Seppelt es formuliert: "Siegerlisten sind oft nur Protokolle des Betrugs." Bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi belegte Russland am Ende im Medaillenspiegel Platz eins.

Dass nicht alle Russen dopen und in anderen Ländern ebenfalls an der Leistung der Athleten manipuliert wird, das deutet der einstündige Film nur in einem einzigen Satz an. "Gibt es so etwas nur in Russland?", fragt Seppelt am Ende.

Das schreit nach einer Fortsetzung.

"Geheimsache Doping: Wie Russland seine Sieger macht". ARD; Mittwoch 18.50 Uhr



insgesamt 48 Beiträge
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anne_lotta 03.12.2014
1. Sport ist ein Geschäft
Ich verstehe den Hype um Olympia oder WM oder Tour de France nicht, weil es geht nur ums Geld und daher wird betrogen. Egal in welchem Land. Auch dieser Fußball-Hype nervt. Leute, geht nicht mehr in die Stadien, hockt euch nicht mehr vors TV, wenn die Quoten wegbleiben, dann erledigt sich das von selbst. Statt dessen selber mit Freunden kicken, das macht viel mehr Spaß. Wobei man das am besten privat organisiert, weil die Sportvereine auch schon ziemlich überdreht sind und nur noch auf Leistung achten.
Institutsmitarbeiter 03.12.2014
2. Interessante Doku, guter Bericht
Die Doku hört sich sehr interessant an. Ich finde es lobenswert, dass der Autor hier aber die Frage stellt, wie es in anderen Ländern gehandhabt wird. Dopingfälle in westlichen Ländern deuten daraufhin, dass auch hier alle Mittel genutzt werden, wobei es natürlich fraglich ist, ob es national organisiert wird oder es sich um einzelne Trainer handelt. Auch sind Fälle bekannt, wo berühmte Sportler geschützt wurden trotz positiver Proben. Ebenfalls interessant ist die Doku "Bigger, Stronger, Faster!" von C. Bell, auf youtube zu finden. Die Doku betrachtet die Lage in Amerika, stellt aber auch interessante gesellschaftliche Fragen, denn das Nutzen von performance enhancing drugs ist auch in anderen Gesellschaftsbereichen verbreitet und akzeptiert. Ein interessantes Beispiel sind Musiker die Beta-Blocker benutzen, um bei Konzerten ruhiger zu sein und besser zu spielen. Ein kompliziertes Thema. Ich freue mich, dass Herr Ahrens hier sehr ausgewogen bleibt und kritisch hinterfragt.
nadennmallos 03.12.2014
3. Gedopt wird immer dann ...
... wenn es um Geld geht. Und dann handeln alle Staaten, vereine, etc, gleich!! Und ja, auch der vielgeliebte Fussball, macht (vermute ich) keine Ausnahme. Machen wir uns nichts vor: Eigentlich treiben wir die Sponsoren samt Sportler ja dazu an. Schließlich soll es ja immer spektakulärer werden. Das wird sich nicht ändern, es sei denn unsere Interesse ließe nach, also z.B. weniger glotzen, sparsamer Beifall klatschen und keine (überteuerten) Fanartikel kaufen. Aber die Sportler sollten nicht jammern, es war ihre eigene Entscheidung und ihr Ergeiz, der sie mitmachen ließ. Hehre Motive findet man dort sicher nicht.
roflem 03.12.2014
4. Ach Gottchen
Was war denn mit unseren deutschen Fahrrad-Profis? Was die haben auch gedoped? Nein?-Doch!-Oh! Das sieht leider mal wieder wie einseitige Propaganda aus liebes ARD. Der "investigative" Journalismus in Deutschland ist ganz unten angekommen.
whizzzler 03.12.2014
5. Also
jetzt mal ganz ehrlich so langsam wird es peinlich. Man hätte ja auch über Doping im Sport allgemein eine Doku machen können aber so ist es einfach nur billige PR gegen Russland. Peinlich....
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