Reaktionen auf Armstrong-Beichte: "Eine Schande für den Sport"

Kneipe im US-Staat Utah: "Das ist ein bequemer Weg, seinen Betrug zu rechtfertigen" Zur Großansicht
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Kneipe im US-Staat Utah: "Das ist ein bequemer Weg, seinen Betrug zu rechtfertigen"

Lance Armstrong hat erstmals öffentlich die Einnahme unerlaubter Mittel gestanden - doch den Dopingjägern ist das nicht genug. Der Boss der US-Anti-Doping-Agentur fordert Armstrong auf, unter Eid auszusagen. Dopingexperte Fritz Sörgel fühlte sich an die Klatschpresse erinnert.

Hamburg - Novak Djokovic hat sich bisher noch nicht als Radsport-Experte hervorgetan. Zu Lance Armstrong hat der Tennis-Weltranglistenerste allerdings eine ganz klare Meinung: Der des Dopings geständige ehemalige Radstar sei eine "Schande für den Sport", so Djokovic am Rande der Australian Open in Melbourne.

Der Serbe, befragt nach seiner Ansicht zur TV-Beichte Armstrongs bei Talkmasterin Oprah Winfrey, forderte, Armstrong solle "für seine Lügen büßen". Der Texaner "hat den Sport betrogen. Er hat viele Menschen auf der ganzen Welt mit seiner Karriere und seiner Lebensgeschichte betrogen", sagte Djokovic. Seine eigene Sportart hält er dagegen für sauber.

Dass Travis Tygart nicht so schnell lockerlässt, hatte Lance Armstrong bereits zu spüren bekommen. Der Chef der US-Anti-Doping-Agentur Usada hatte mit seinen Ermittlungen maßgeblich zum Sturz des früheren Radsport-Helden beigetragen. Und auch nach dessen TV-Beichte bei Oprah Winfrey hakt Tygart nach. "Wenn er es ernst meint, seine Fehler zu korrigieren, muss er ein vollständiges Doping-Geständnis unter Eid ablegen", so der Jurist.

"Bequemer Weg, seinen Betrug zu rechtfertigen"

Armstrong hatte die Untersuchungen der Usada stets als "Hexenjagd" oder "Blutrache" bezeichnet. Im Zuge der Ermittlungen wurde er lebenslang gesperrt. Außerdem wurden ihm seine sieben Tour-de-France-Titel aberkannt. "Heute hat Lance Armstrong endlich akzeptiert, dass seine Radsport-Karriere auf einer mächtigen Kombination aus Doping und Betrug basiert hat", sagte Tygart.

Im TV-Interview hatte Armstrong gesagt, er habe sein Doping nicht als Betrug empfunden, da Betrug die Regel und nicht die Ausnahme gewesen sei. Beim Präsidenten der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada stieß die Äußerung auf Unverständnis. "Das ist ein bequemer Weg, seinen Betrug zu rechtfertigen", sagte John Fahey. "Er lag daneben, er betrog, und dafür gibt es keine Entschuldigung." Falls Armstrong mit seinem Geständnis nach "Erlösung trachtete, hatte er damit keinen Erfolg."

Inzwischen hat sich selbst die von Armstrong initiierte Krebsstiftung Livestrong vom ehemaligen Radstar distanziert. "Wir sind enttäuscht über die Nachricht, dass Lance Armstrong die Menschen während seiner Karriere getäuscht hat - inklusive uns", hieß es in einer offiziellen Stellungnahme. Man habe aber seine Entschuldigung akzeptiert. Armstrong hatte vor der Ausstrahlung des Interviews zu den Livestrong-Mitarbeitern gesprochen.

"Ich glaube dem grundsätzlich gar nichts"

Im vergangenen November war Armstrong von allen offiziellen Ämtern der Stiftung zurückgetreten, um die Organisation vor negativen Auswirkungen zu bewahren. Nach einem Enthüllungsbericht der Usada war der Texaner vom Weltverband UCI lebenslang gesperrt worden. Seine sieben Tour-Siege wurden ihm aberkannt. Wenige Tage später distanzierte sich die Organisation von ihrem Gründer und änderte den Namen der Stiftung von "Lance-Armstrong-Foundation" in "Livestrong-Foundation".

Nicht fehlen dürfen bei den Reaktionen die beiden langjährigen deutschen Anti-Doping-Experten Fritz Sörgel und Werner Franke, schon so etwas wie die Waldorf und Stadler des Anti-Doping-Kampfes. Sörgel bezeichnete das Geständnis gerade im Vergleich zu den Kronzeugenaussagen gegen Armstrong als "gar nichts, eine einzige Enttäuschung". Der Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung (IBMP) in Heroldsberg bei Nürnberg kritisierte aber auch Interviewerin Oprah Winfrey: "Dass das alles so schwach war, lag auch an Oprah, der Mutter der Nation. Das war wie Bunte oder Alfred Biolek."

Franke sprach von einem "Minimalgeständnis" und erinnerte daran, dass Armstrong Kronzeugenaussagen zufolge "Kollegen physisch bedroht und alle möglichen Tricks angewandt" habe: "Ich glaube dem grundsätzlich gar nichts. Er tut nur das, was nötig ist, um die eine oder andere seiner Millionen noch behalten zu dürfen", so der Heidelberger Molekularbiologe.

Enttäuscht zeigte sich auch Sylvia Schenk als Vertreterin von Transparency International: "Er hat nur das bestätigt, was längst auf dem Tisch lag. Es war ein letztes Zugeben, kein Geständnis. Er hat nichts über das System gesagt", sagte Schenk, ehemalige Präsidentin des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR): "Nachdem er die Rollen des perfekten Krebsbekämpfers und des perfekten Radprofis gespielt hat, spielt er nun die Rolle des perfekten Doping-Gestehers. Es war alles Kalkül."

Für Ex-Profi Jörg Jaksche hat Armstrong bei seiner TV-Doping-Beichte "keine Reue gezeigt". "Das war die Pflichtaufgabe, um sein Image aufzupolieren", sagte er. Jaksche vermutet, dass für das mit tagelangem Ballyhoo angekündigte Gespräch mit der Talk-Queen Oprah Winfrey viel Geld geflossen sein muss.

Noch deutlicher wurde der britische CNN-Moderator Piers Morgan auf Twitter: "Armstrong offenbarte, was für eine wehleidige, lügende und betrügende kleine Wurst er doch ist. Hoffentlich verschwindet er nun bald."

luk/aha/dpa/sid

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insgesamt 51 Beiträge
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    Seite 1    
1. Ulle:
maradonnes 18.01.2013
Ich schmunzele immer noch über die damalige wahre Aussage von Ulle: "Ich habe keinen betrogen" war zutreffend - alle haben nach den gleichen Regeln gespielt, die einen besser, die anderen schlechter. Ohne Doping wäre Ulle der Radsportler des letzten Jahrhunderts gewesen - aber Doping hat alles verändert
2. Regel und Ausnahme
tripletrouble 18.01.2013
Na dann, lasst uns wie Lance Armstrong argumentieren und alle zu Bankräubern werden. Denn wenn wir es alle sind, dann sind Banküberfälle ja Normalität und somit nicht mehr strafverfolgungswürdig...
3.
Ratzfatz030 18.01.2013
Was für eine Showveranstaltung ... Wir können alle davon ausgehen, dass Herr Armstrong erst zum Fernsehauftritt bereit war, nachdem der Millionenbetrag des TV-Senders stimmte. Und auch die Fragen wurden im Vorfeld abgesprochen und juristisch überprüft ...
4. Wie sollte er seine Fehler korrigieren?
BettyB. 18.01.2013
Gelaufen - besser gefahren - ist abgefahren. Und bedauern wird er nur, erwischt worden zu sein. Und das war´s. Alle Forderungen jedweder Radsportverbände sind doch wohl nur Scheinagumente, denn wem war nicht klar, dass insbesondere die "Bergziegen" gedopt waren?
5. Der werfe den ersten Stein
Katzebextra 18.01.2013
Was dem Sportler sein Doping sind den Politikern ihre Lügen. Wer ist der größere Betrüger? Und zu Novak Djokovic: Seine eigene Sportart hält er dagegen für sauber. http://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:Dopingfall_im_Tennis
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