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18. Januar 2013, 09:26 Uhr

Dopingbeichte bei Oprah Winfrey

Armstrongs eiskaltes Geständnis

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"Ich gewinne immer noch gern": Lance Armstrong präsentiert sich im TV-Interview mit Oprah Winfrey keinesfalls zerknirscht. Zwar gesteht er ein, bei seinen sieben Tour-de-France-Siegen gedopt zu haben, bleibt aber wichtige Antworten schuldig. Wenn er wirklich Klartext redet, dann aus Versehen.

Sollte Lance Armstrong noch immer Fans auf dieser Welt haben, sie können beruhigt sein: Der 41-Jährige hat sich seit seinen Zeiten als Radsport-Dominator kaum verändert. "Ich gewinne immer noch gern", sagte Armstrong im ersten Teil des TV-Interviews mit US-Talkmasterin Oprah Winfrey. Es waren Aussagen wie diese, die den Großteil der Zuschauer in ihren Zweifeln an der Aufrichtigkeit des ehemaligen Rad-Dominators bestätigen dürften.

Die erwartete Doping-Beichte hatte Oprah Winfrey ihm bereits mit der ersten Frage abgenommen: Epo ("nicht allzu viel"), Bluttransfusionen, Testosteron. "Das war mein Cocktail, wenn man so will", sagte Armstrong, nachdem er tief Luft geholt hatte.

Der US-Amerikaner gab damit zu, was ohnehin schon lange bekannt war. Bei allen sieben Tour-de-France-Siegen habe er nachgeholfen, seit den neunziger Jahren, schon vor seiner Krebserkrankung, habe er gedopt. Auch die bereits überlieferten Praktiken bestätigte Armstrong größtenteils.

Winfrey, die das Interview bereits am Montag mit Armstrong geführt hatte, arbeitete in der gut einstündigen Sendung auch weitere hartnäckigste Vorwürfe ab. Gab es eine 125.000-Dollar-Spende an den Welt-Radsportverband UCI? "Ja." War es als Schmiergeld gedacht? "Nein, diese Geschichte ist nicht wahr", so Armstrong. Der Verband sei klamm gewesen und habe um Geld gebeten, er habe reichlich Geld gehabt und gespendet. Ganz einfach, "auch wenn mir das wahrscheinlich kaum jemand glaubt".

"Kleiner Schritt in die richtige Richtung"

Auch, dass ein positiver Epo-Test während der Tour de Suisse 2001 vom Dachverband verschleiert worden sei, bestritt Armstrong, der fast alle Fragen kurz und knapp beantwortete und erst auf Nachfrage ins Detail ging. Usada-Chef Travis Tygart sprach nach der Ausstrahlung denn auch lediglich von einem "kleinen Schritt in die richtige Richtung".

Auf Attacken verzichtete Armstrong vorerst. "Ich möchte niemanden beschuldigen", sagte er. Ob seine Team-Kollegen und Konkurrenten alle gedopt hätten? "Ich kannte ja nicht jeden, kann das also nicht so sagen." In jeder der 65 Minuten war Armstrong anzumerken, wie schwer es ihm fiel, sich nicht wie gewohnt mit allen Mitteln zu verteidigen. Er habe schon immer versucht, alles zu kontrollieren und sei immer ein Kämpfer gewesen, von kleinauf, so Armstrong. Durch das Überwinden seiner Hodenkrebs-Erkrankung sei er zu einem "unerbittlichen Kämpfer" geworden.

Der alte Armstrong schimmert durch

Doch soviel Mühe sich der Texaner in der Hotelsuite in Austin/Texas auch gab, der alte Armstrong schien manchmal durch. Lauernd blickte er mit zusammengekniffenen Augen den Fragen entgegen. "Er hatte sich vorbereitet", hatte Winfrey bereits kurz nach der Aufzeichnung gesagt. Das zeigte sich vor allem dann, wenn Armstrong wusste, wo Demut gefragt war. Reagierte die Talkmasterin etwa fassungslos ob Armstrongs Aussage, das jahrelange systematische Doping habe sich nicht mal falsch angefühlt, schob er schnell ein "furchterregend" nach. Mehrmals vervollständigte Armstrong Winfreys Sätze, als sie seine Aussagen zusammenfassen wollte. Er versuchte zu retten, was eigentlich seit Jahren nicht mehr zu retten ist.

Ja, nur allzu gerne würde er vieles von dem wiedergutmachen, was er anderen angetan habe, bestätigte er pflichtbewusst. Namentlich waren das vor allem zwei Frauen: Die ehemalige Team-Masseurin Emma O'Reilly und Betsy Andreu, Ehefrau von Armstrongs Ex-Kollegen Frankie Andreu. Beide Frauen hatten Armstrong in der Vergangenheit schwer belastet, gegen beide ging er schonungslos vor, juristisch und medial.

Bedauern über sein Comeback

Dass er und seine Anwälte gegen O'Reilly geklagt hatten, war ihm dabei nicht einmal mehr geläufig: "Wir haben so viele Leute verklagt, ich weiß gar nicht mehr, ob sie dabei war." Als Armstrong in Andreus Fall bei Winfrey und den Zuschauern zu punkten versuchte, ging dies gründlich schief. Ja, er habe sie "verrückt und eine Schlampe genannt", sagte er und fügte schmunzelnd hinzu: "Aber ich habe nie behauptet, sie sei fett."

Und Armstrong leistete sich einen weiteren, vielsagenden Ausrutscher. Sein großer Fehler sei die Rückkehr gewesen und die Teilnahmen bei der Tour de France 2009 und 2010. "Ich würde heute nicht hier sitzen, wenn ich damals nicht zurückgekehrt wäre", sagte er. "Ja", bestätigte er auf Nachfrage Winfreys, wahrscheinlich wäre er mit seiner Lebenslüge durchgekommen, wenn er auf sein Comeback verzichtet hätte und nicht wieder in den Fokus der Dopingjäger gerückt wäre. Dies, so schien es, bedauerte Armstrong tatsächlich.

Teil zwei des Interviews wird in der Nacht von Freitag auf Samstag ausgestrahlt (3 Uhr MEZ). In Deutschland zu empfangen über SKY/Discovery Channel oder im Livestream auf Oprah.com

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