Armstrongs Karriereende "Es war Zeit für ihn aufzuhören"

Der erfolgreichste Radprofi in der Geschichte der Tour de France hat aufgehört - und die Öffentlichkeit nimmt kaum Kenntnis davon. Lance Armstrong war sportlich ein Gigant, aber am Ende bleiben vor allem die Dopingvorwürfe in Erinnerung.

Radstar Armstrong: Leiser Rückzug aus dem Spitzensport
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Radstar Armstrong: Leiser Rückzug aus dem Spitzensport

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Für Lance Armstrong war er das einzige echte Vorbild: Der US-Amerikaner, der am Mittwoch seine Karriere endgültig beendet hat, hat den Belgier Eddie Merckx stets als den "größten Rennfahrer der Radsportgeschichte" bezeichnet. Umgekehrt sieht der heute 65-jährige Merckx seinen Nachfolger in der Rolle des Radsport-Dominators durchaus kritischer: "Es war Zeit für ihn aufzuhören", hat er den Rücktritt Armstrongs mit deutlichen Worten kommentiert.

Sieben Mal hat der 39-Jährige die Tour de France gewonnen, damit sogar noch zweimal öfter als Merckx dereinst. Nach Ansicht des belgischen Radsportidols hätte Armstrong es dabei belassen sollen. Er habe nie verstanden, warum der US-Amerikaner nach seinem ersten Ausstieg 2005 noch einmal in den Wettkampfsport zurückgekehrt sei. "Er hatte vorher schon alles gewonnen, er hatte niemandem mehr etwas zu beweisen", so Merckx.

Armstrong hatte zunächst geplant, im Mai mit der Kalifornien-Rundfahrt noch ein letztes Rennen in den USA zu bestreiten. Darauf verzichtet er nun mit der Begründung, er wolle sich künftig mehr um seine Familie kümmern. Tatsächlich hat aber wohl auch sein schwaches sportliches Abschneiden bei der Tour Down Under in Australien im Januar seine Entscheidung beeinflusst. Der 39-Jährige war in Australien nur 65. geworden.

Zunehmend genervt auf Dopingnachfragen reagiert

Zudem haben ihm die Doping- und Betrugsvorwürfe, mit denen Armstrong konfrontiert wird, zugesetzt. Das öffentliche Interesse an dem Profi konzentrierte sich schon in Australien mehr auf die Untersuchungen des staatlichen Chefermittlers Jeff Novitzky als auf die sportlichen Belange. Novitzky ermittelt wegen Betrugs und des Missbrauchs von Steuergeld gegen Armstrong und dessen damaliges Team US Postal. Der US-Amerikaner reagierte zunehmend genervt auf die dauernden Nachfragen nach Novitzky und US Postal.

Ähnliches wie in Australien hätte ihm auch bei der Rundfahrt in seiner Heimat gedroht. Armstrong wird zwar in den USA durch den Einsatz für seine Krebshilfestiftung Livestrong noch als eine Art Nationalheld bewundert, sein Ruf hat durch Novitzkys hartnäckige Ermittlungen jedoch auch in der Heimat gelitten. Da scheint es angebracht, öffentliches Aufsehen zunächst zu vermeiden.

"Sein Beitrag zum Radsport war enorm, sowohl aus sportlicher Sicht als auch von seiner Persönlichkeit her", war der Präsident des Radweltverbandes UCI, Pat McQuaid, bemüht, die Verdienste Armstrongs herauszustellen. McQuaid hat allerdings auch allen Grund dazu - schließlich hat die UCI im Vorjahr eingeräumt, Spenden von Armstrong in Höhe von 125.000 Dollar angenommen zu haben. Den Vorwurf, mit dem Geld sollte ein positiver Dopingbefund des Champions vertuscht werden, hat der Verband allerdings entschieden zurückgewiesen.

Armstrong hat immer polarisiert

Armstrong hat immer polarisiert, und er tut dies noch nach seinem Rücktritt. "Er war der inspirierendste und gleichzeitig kontroverseste Superstar, den der US-Sport je hervorgebracht hat", schrieb die "Chicago Tribune" in ihrer Bewertung des Armstrongschen Schaffens. Auf der einen Seite stehen die beeindruckenden sportlichen Erfolge. Wie der Amerikaner bei der Tour de France die Attacken von Jan Ullrich in den Bergetappen konterte, wie er den Deutschen 2001 hinauf nach L'Alpe d'Huez stehen ließ, das sind Momente der Sporthistorie geworden. Dass Armstrong zudem den Krebs besiegte, um anschließend umso triumphaler in den Spitzensport zurückzukommen, wird ebenfalls unvergessen bleiben.

Dagegen stehen die Dopingvorwürfe, die in den neunziger Jahren aufkamen und bis heute seine ständigen Begleiter geblieben sind. Dagegen steht auch, wie sich Armstrong zu denen verhielt, die ihm nicht huldigten, sondern ihm kritisch gegenüber standen. Wie kein Zweiter im Peloton übte Armstrong Macht aus. Der Italiener Filipo Simeoni hatte Armstrong öffentlich des Dopings bezichtigt. Simeoni hatte anschließend im Fahrerfeld fast keine Freunde mehr.

Zuletzt war Armstrong nur noch Mitfahrer, bei der Tour de France im Vorjahr stürzte er mehrfach und belegte am Ende einen für ihn indiskutablen 23. Platz. Sein Rückstand auf den Sieger Alberto Contador betrug weit über eine halbe Stunde. An dem Tag, an dem Armstrong seinen Rücktritt verkündet hat, war der dopingverdächtige Contador nach dem Freispruch im Anschluss an seine halbjährige Suspendierung erstmals wieder aufs Rad gestiegen.

Contadors Comeback bei der Algarve-Rundfahrt wurde zu einem riesigen Medienrummel. Vom Abgang des Lance Armstrong, des größten Champions der Tour-de-France-Geschichte, nahm die Öffentlichkeit nur noch beiläufig Kenntnis.

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kaykr 17.02.2011
1. No Dope-No Hope
Er wird wissen, dass er das Thema Doping bis jetzt aus- aber noch nicht Überreizt hat. Von daher war der Entschluss richtig
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