Arschbomben-WM "Besser als ein Einlauf"

Ein Knall wie ein Gewehrschuss, eine sieben Meter hohe Fontäne - bei der ersten Arschbomben-WM in Bayreuth ließen es die Aktiven richtig krachen. Veranstalter und Teilnehmer feierten sich als Pioniere einer neuen Trendsportart - mit teils masochistischen Zügen.

Von Andreas Kröner, Bayreuth


Vorbildliche Arschbombe: Eine der vier WM-Teilnehmerinnen
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Vorbildliche Arschbombe: Eine der vier WM-Teilnehmerinnen

In manchen Fällen ist der Unterschied zwischen Extremsport und medizinischen Eingriffen erschreckend gering. Zu dieser Erkenntnis gelangte jüngst ein Sportler aus Berlin, der sich zur Vorbereitung auf die Arschbomben-Weltmeisterschaft, die am vergangenen Wochenende im oberfränkischen Bayreuth stattfand, aus fünfzehn Metern ins Wasser stürzte und später berichtet: "Das ist besser als ein Einlauf. Nach dem Sprung saß ich vierzig Minuten auf dem Klo - und es kam nur Wasser."

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Arschbomben-WM: "Besser als ein Einlauf"

Dass Schmerzen zum Arschbombenspringen gehören wie strittige Schiedsrichterentscheidungen zum Fußball, dokumentiert sich auch in zahlreichen Internet-Foren, in denen Neuigkeiten diskutiert werden. So informiert User "Freaky Jörg" seine Gesinnungsgenossen "Anus Knallus" und "Arschinator" über ein neues Produkt, "das Arschleder", das er soeben getestet hat: "War keine gute Idee. Der Aufschlag vom Drei-Meter-Brett mit Arschleder brennt wie der Aufschlag aus zehn Metern mit String-Tanga."

Florian Spiske kennt die masochistische Seite seiner Sportart: "Der Po wird rot - ganz klar. Ab und zu gibt es auch blaue Flecken. Aber bei guten Springern handelt es sich um ein kontrolliertes Einschlagen, bei dem man sich nicht richtig groß weh tut." Seit Anfang des Jahres betreut der 23-jährige ehemalige Kunst- und Turmspringer als Arschbomben-Bundestrainer acht Sportler aus Bayreuth, die beim regionalen "Pecklamann-Cup" 2003 die ersten Plätze belegt hatten und sich seitdem Nationalteam nennen.

"Peckla" (sprich: Beggla) kommt aus der bayerisch-fränkischen Mundart und bedeutet Päckchen. Gemeint ist damit die klassische Arschbombe, bei der ein Schwimmer kompakt wie ein Päckchen mit dem Hintern voraus ins Wasser springt. Mittlerweile hat man das Wort "Peckla" jedoch gestrichen, "weil Leute aus Hannover, Frankfurt oder Berlin das nicht verstehen", erläutert Spiske. Die Organisatoren wählten den allgemeinverständlichen Begriff "Arschbombe", schrieben den Wettkampf international aus und dürfen ihn offiziell Weltmeisterschaft nennen.

Arschbombe, Kartoffel oder Brett

Teilnehmen darf jeder, der mindestens 14 Jahre alt ist und sich traut, dreimal vom Zehn-Meter-Brett zu springen. Diesen Mut haben in Bayreuth rund 50 Männer und vier Frauen. Bewertet wird nach strengen Kriterien: Im ersten Durchgang muss eine klassische Arschbombe gezeigt werden: beide Beine zur Hocke anziehen, mit den Armen umfassen und mit dem Hinterteil auf dem Wasser aufschlagen. Im zweiten Durchgang darf zwischen neun verschiedenen Sprungfiguren gewählt werden, von der "offenen Arschbombe" über das "offene Brett" bis hin zur "Kartoffel". Im letzten Sprung dürfen vor diesen Figuren Schrauben und Salti eingebaut werden. Die Sprünge haben verschiedene Schwierigkeitsgrade und werden von sechs Punktrichtern mit Wertung von 0 bis 10 benotet. "Technik, Absprung, Inszenierung des Athleten und Lautstärke beim Aufprall sind entscheidend, außerdem, wie hoch das Wasser spritzt", erklärt Spiske. Verzieht ein Springer vor dem Aufprall das Gesicht, werden Punkte abgezogen.

Gerade der dritte Sprung hat dabei nicht viel mit den Arschbomben zu tun, die man aus dem Freibad von nebenan kennt, sondern ähnelt vielmehr den Kunstspringern, die derzeit in Athen um olympische Medaillen kämpfen. Dies erklärt auch, warum anders als erwartet keine Schwergewichte, sondern zwölf braungebrannte Schwimmbadgänger mit sportlichen Oberkörpern das Finale erreichen.

Einer von ihnen ist Christian Guth, der nach zwei Salti und anderthalb Schrauben sitzend mit gestreckten, leicht geöffneten Beinen ("offenes Brett") auf dem Wasser aufschlägt. Während des Sprungs hält das Publikum den Atem an. Der anschließende Aufschlag auf dem Wasser ist laut wie ein Gewehrschuss, das Wasser spritzt rund sieben Meter hoch und die Zuschauer sind hellauf begeistert, als der 19-Jährige auftaucht und dem Moderator signalisiert: Daumen hoch, "alles in Ordnung - auch zwischen den Beinen". Kurze Zeit später wird dem Mann mit dunkelblondem Haar und Bart und einem Tattoo zwischen den Schulterblättern der Pokal des Arschbombenweltmeisters 2004 übergeben. "Ich habe mir einen Lebenstraum erfüllt", sagt er stolz, "einmal der beste in einer Sportart zu sein."

Neben Guth und der ebenfalls aus Bayreuth stammenden Damen-Siegerin Mona Hoffmann sitzt bei der anschließend improvisierten Pressekonferenz Kader Loth. Nicht zuletzt durch die Präsenz der einstigen Miss Penthouse und Siegerin der ProSieben-Reality-Soap "Die Alm" wollten die Veranstalter ein "Entertainment-Highlight" schaffen, wie sie auf ihrer Homepage schreiben: ein "Kult-Event", in der Tradition "von Dschungel-Camp und Wok-WM". Doch während sich Oliver Schill, der Erfinder der Arschbomben-WM, über die - vor allem dank Loths Anwesenheit - große mediale Aufmerksamkeit freut und jubelt, dass deshalb "20 bis 30 Millionen Menschen Bilder von unserer Veranstaltung sehen werden", kommt die Almkönigin bei den fränkischen Arschbomben-Freunden gar nicht gut an.

Wasserscheu: Kader Loth (l.) zeigte keine Arschbombe
Andreas Kröner

Wasserscheu: Kader Loth (l.) zeigte keine Arschbombe

Bereits als die 29-Jährige mit silbernen Stöckelschuhen und von zahlreichen Bodyguards umgeben vom VIP-Zelt zum Sprungsturm stolziert, gibt es erste Pfiffe. "Das wird eine Plastik-Bombe", spottet ein Zuschauer, der die Echtheit der Lothschen Kurven in Zweifel zieht. Als der Promi-Gast aus Berlin wenig später nicht wie angekündigt zum Frauen-Arschbomben-Springen antritt, bringt das Publikum seine Abneigung mit lauten Pfiffen und Buhrufen zum Ausdruck. Das Wettkampfkomitee hat Loth den Sprung aus Angst vor einer möglichen Verletzung verboten.

Dass nicht alles nur Jux ist, zeigte ein Vorfall am Sonntag. Da hatte sich ein anderer semi-prominenter Teilnehmer, DJ The Wave ("Ab in den Süden"), bei seinem Sprung einen Brustwirbelbruch zugezogen, als er bei seinem ersten Sprung so unglücklich auf dem Wasser aufkam, dass er ins Klinikum gebracht werden musste. Nach Angaben der Veranstalter und seines Managements entging der 33-Jährige nur knapp einer Querschnittslähmung.

Das mag Loth vom Sprung abgehalten haben. Was auf wenig Verständnis der Fans stieß. Als sie sich mit grau-blauem Handtuch um die Hüfte wieder ins VIP-Zelt zurückziehen will, wird sie von einer Gruppe Jugendlicher mit Wasserpistolen unter Beschuss genommen.

Loth, nach eigenen Angaben bis vor drei Tagen noch Nichtschwimmerin, will trainieren und nächstes Jahr bei der WM antreten. "Dabei werde ich die Dienste dieses jungen charmanten Mannes in Anspruch nehmen", sagte sie und lehnt sich lasziv hinüber zu Florian Spiske. Der Arschbomben-Bundestrainer grinst freundlich, sonderlich Lust auf die Trainingseinheiten dürfte er jedoch nicht haben. "Die sind doch nur wegen den Kameras da", hatte er im Vorfeld über die angekündigten Promis geschimpft, "das nehme ich nicht ernst. Die Athleten, die den Sport ernsthaft betreiben und scharf auf den Titel sind, sollten im Vordergrund stehen." Spiske träumt davon, dass sich Arschbombenspringen als Sportart etabliert, sich Gruppierungen und Vereine bilden. Arschbomben als neue Trendsportart wie einst Beachvolleyball? "Ich denke, da bestehen durchaus Chancen", sagt Spiske.

Was die Vermarktung angeht, ist die junge Sportart derweil schon sehr weit. Man hat ein eigenes Logo, eine Internetseite und - gewissermaßen als Corporate Identity - eine spezielle Floskel am Ende jedes Briefes: "Mit bombigen Grüßen." Der Sprungturm in Bayreuth ist wegen der zahlreichen Sponsorenbanner kaum noch als solcher zu erkennen. Die besten Springer der WM werden in einer "Helden-Tour" 2005 durch Europas Freibäder ziehen.

Zu kaufen gibt es neben dem WM-T-Shirt mittlerweile auch Arschbomben-Zubehör, das von Bermudas bis Wasserspritzpistolen reicht. Allein die offizielle Springerhose aber scheint für Arschbomben-Freunde sinnvoll zu sein: Sie besteht aus enorm strapazierfähigem Stoffgewebe, die Nähte sind achtfach vernäht und die kleine Erste-Hilfe-Tasche lässt genug Platz, den Mundschutz und ein spezielles Abtrockenleder zu verstauen. Platz ist auch für eine Wundsalbe - für besonders brennende Stellen.



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