Zehnkampf-Europameister Abele Auf dem Thron

Arthur Abele hat mit seinem Zehnkampferfolg der deutschen Mannschaft das erste Gold der Leichtathletik-EM beschert. Es war vor allem ein Sieg über ihn selbst.

Arthur Abele
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Arthur Abele

Von , Berlin


Die Karrieren von Arthur Abele und Robert Harting haben ungefähr gleichzeitig angefangen. 2007 hatten sie als junge Kerle ihre ersten großen Erfolge in der Leichtathletik, Harting wurde Vizeweltmeister im Diskuswurf, Abele gewann das renommierte Zehnkampf-Meeting von Ratingen. Beiden schien die Tür zur großen Sportwelt offen zu stehen.

Hindurch gegangen durch die Tür ist zunächst nur Harting, 2009, als der Diskushüne in Berlin zum ersten Mal Weltmeister wurde, plagte sich Abele schon mit Verletzungen herum. Die zwei Karrieren sind weit auseinander gegangen. Um sich an diesem besonderen Mittwochabend im Olympiastadion wieder zu kreuzen.

An dem Abend, an dem der 33-jährige Harting in seiner Stadt Berlin seinen Abschied vom großen Wettkampfsport nahm und der 32-jährige Arthur Abele diese immer wieder von Verletzungsrückschlägen unterbrochene Sportlerlaufbahn endlich krönen durfte. Mit dem Europameistertitel im Zehnkampf.

Mit der Pappkrone auf dem Kopf

Da stand dieser Arthur Abele nun auf der blauen Laufbahn, besser er lag mehr, als er stand nach diesen kräftezehrenden zwei Tagen im Glutofen des Olympiastadions. Das allgegenwärtige Maskottchen Berlino hatte ihm eine Pappkrone auf den Kopf gesetzt, schließlich ist Abele jetzt der König der Athleten. Das ist der inoffizielle Titel der Zehnkampfsieger, und Abele, der ewige Kronprinz, hat jetzt den Thron bestiegen. König Arthur, und die Mit-Zehnkämpfer, diese unter Leistungssportlern ungewöhnlich verschworene Truppe, sind seine Tafelrunde.

"Es hat diesmal einfach alles gepasst, am Ende sind alle Emotionen, die sich über die Jahre bei mir aufgestaut haben, rausgekommen", sagte Abele anschließend, noch sichtlich angefasst. Man traut sich nicht, das Wort Stehaufmännchen bei ihm zu verwenden, bei diesem Topsportler, der von oben bis unten aus Muskeln zu bestehen scheint, bei dem man Angst haben muss, dass Stab und Speer, die er anfasst, unter seiner Kraft zerbrechen. Aber ein Stehaufmann ist er in jedem Fall.

Die gesamte Leidensgeschichte erzählt

Die Achillessehne ist ihm gerissen, er hatte einen Leistenbruch, einen Nabelbruch, das Schambein hatte sich entzündet, den Bänderriss im Fuß muss man fast gar nicht erwähnen, eher den dann folgenden Ermüdungsbruch. Im Dezember wachte er auf und litt plötzlich unter einer Gesichtslähmung. Abele hat alles mitgenommen, was man in eine Leidensgeschichte eines Sportlers hineinschreiben kann. Man muss sich das vorstellen: Zwischen seinem ersten Sieg in Ratingen 2007 und seinem zweiten Erfolg 2016 hat Abele nur acht Wettkämpfe bestreiten können.

"Ich habe mir verboten, aufzugeben. Ich habe immer gedacht, in mir ist noch etwas, das darauf wartet, herauszukommen", sagte er am späten Mittwochabend. Das, was wartete, das waren die 8431 Punkte von Berlin, die ihm zur Goldmedaille vor dem Russen Ilja Schkurenkow und dem Weißrussen Vitali Schuk reichten.

Als der Deutsche, die Arme hochreißend, über die Ziellinie mehr stolperte als lief, da schrie das Olympiastadion so auf, als wenn ein Stadion schreien könnte. Ein spezieller Moment, an dem sogar mal die Mallorca-Partymusik, die ansonsten den ganzen Wettkampftag über die Arena beschallte, kurz still war. Keine Hermes House Band, nur ein euphorisches Berliner Fachpublikum, das diese Leistung des Arthur Abele feierte.

Zehnkampf: man scheut sich, ihn eine Sportart zu nennen. Er besteht aus so vielen Sportarten, aus so vielen unterschiedlichen Fertig- und Fähigkeiten, eigentlich braucht der Zehnkämpfer jeden Muskel, jede Sehne des Körpers, irgendwann in diesen zwei Wettkampftagen wird auch die entlegenste Nervenbahn benötigt. Das macht die Zehnkämpfer auch so anfällig, ihre Körper zu so sensiblen Gebilden. Rico Freimuth und Kai Kazmirek, eigentlich die Besten ihres Fachs in Deutschland, konnten in Berlin nicht antreten. Kazmirek hatte eine Medaille fest im Blick, eine Woche vor den Titelkämpfen streikte die Physis.

Und als Weltmeister und Topfavorit Kevin Mayer aus Frankreich sich dann noch im Wettkampf den Lapsus erlaubte, im Weitsprung drei ungültige Versuche hinzulegen, da war der Weg plötzlich frei für Abele. Und diesmal konnte er auch zugreifen. Er hat es getan.

Silber kann unterschiedlich glänzen

Es war ohnehin ein heißer Abend in Berlin, in jeder Beziehung. Wie in einer Konferenzschaltung im Fußball hatten sich die Ereignisse am Abend parallelgeschaltet.

Nur ein paar Meter im Stadion voneinander entfernt bewiesen Weitspringer Fabian Heinle und Kugelstoßerin Christina Schwanitz zeitgleich, wie verschiedenartig eine Silbermedaille glänzen kann. Für Heinle waren die 8,13 Meter ein Sprung ins Glück. Für Schwanitz, die größte deutsche Goldfavoritin, waren die 19,19 Meter eine Enttäuschung, weil sie, zuvor von Anfang an in Führung liegend, noch im letzten Durchgang von der Polin Paulina Guba übertrumpft wurde. Silber gab es für beide Deutschen, beide werden in der Nacht aus unterschiedlichen Gründen nicht viel geschlafen haben.

In einer anderen Ecke des Stadions zelebrierte Harting derweil seinen Abend mit Platz sechs im Diskusring. Mehr war einfach nicht drin mit diesem über die Jahre geschundenen Leistungssportkörper. Der in jeder Beziehung große Robert Harting, der Olympiasieger, dreifache Weltmeister, der Europameister, er hatte sich diesen Abschied in Berlin gewünscht. Zeitweilig lag er sogar auf Platz zwei, aber die Anderen waren einfach besser.

Dieses eine Mal nur stahl Arthur Abele Harting die Show. Er hat mehr als zehn Jahre dafür gebraucht.

insgesamt 19 Beiträge
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norgejenta 09.08.2018
1. Gratuliere
Sehr beeindruckende Leistung. Aber die Zehnkämpfer waren schon immer harte Hunde..
tschischdig 09.08.2018
2. Kampfgericht
Der negative Höhepunkt waren die Leistungen der Kampfrichter bzw die Zuverlässigkeit der Messungen. Man fragte sich, warum müssen ausgerechnet die Bauplaner des neuen Berliner Flughafens in der Sommerpause einen Ferienjob als Kampfrichter bei der Leichtathletik-EM annehmen.
Lankoron 09.08.2018
3. Gratulation,
herausragende Leistung. Was allerdings gestern von Kampfrichterseite dort stattfand, war ja nicht mal einer Schulolympiade würdig....
karlhans 09.08.2018
4. Unglaubliche Leistungen die ...
... die Zehnkämpfer bringen müssen. Sie gehören zu den Sportlern vor denen ich den größten Respekt habe. Gratulation zur Goldmedaille!!!
M. Vikings 09.08.2018
5. Das gibt es leider manchmal.
Zitat von tschischdigDer negative Höhepunkt waren die Leistungen der Kampfrichter bzw die Zuverlässigkeit der Messungen. Man fragte sich, warum müssen ausgerechnet die Bauplaner des neuen Berliner Flughafens in der Sommerpause einen Ferienjob als Kampfrichter bei der Leichtathletik-EM annehmen.
So krass allerdings zuletzt bei den Olympischen-Spielen in London. Da hatten sie die Wettkampfrichter wohl aus den umliegenden örtlichen Altersheimen rekrutiert. Der beim Weitsprung nickt mit der Fahne in der Hand auf dem Campingstuhl ein, beim Hochsprung latscht einer Spiegelburg beim letzten Versuch durch den Anlauf, beim Hammerwurf einigt man sich nach minutenlaner Diskussion auf den wahrscheinlichsten Abdruck von Heidler, beim Siebenkampf wird zunächst die Falsche disqualifiziert etc. Das waren jetzt nur die deutschen betroffenen Athleten. Man wundert sich das sowas immer mal wieder vorkommt.
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