Boxkampf Abraham versus Eubank Auf der Zielgeraden

Für Ex-Weltmeister Arthur Abraham steht im Kampf gegen Chris Eubank junior viel auf dem Spiel. Als Sieger darf er beim Millionen-Turnier mitboxen. Verliert er, wird er sich bald einer anderen Leidenschaft widmen können.

Chris Eubank junior und Arthur Abraham beim Wiegen
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Chris Eubank junior und Arthur Abraham beim Wiegen


Er könnte heute auch die 200 Kilometer zwischen Blagnac und Rodez bei der Tour de France zurücklegen. Stattdessen steigt Arthur Abraham am Abend in der Londoner Wembley-Arena gegen Chris Eubank junior in den Ring. In seiner Jugend war der Berliner Profiboxer ein sehr guter Radfahrer und brachte es sogar zum bayerischen Meister. Ob es zur Teilnahme an der Tour de France gereicht hätte, kann man natürlich nicht sagen. Zuzutrauen wäre es ihm.

Abraham ist spätestens seit der "Blutschlacht von Wetzlar" im September 2006 für seine Leidensfähigkeit bekannt. Gegen Edison Miranda hatte sich der gebürtige Armenier in der vierten Runde den Kiefer gebrochen. Er hielt trotzdem bis zum Ende durch und siegte einstimmig nach Punkten. Wen eine derartige Verletzung nicht davon abhalten kann, sich mit einem Gegner zu prügeln, der kann sich auch über die steilen Pässe der Pyrenäen and Alpen quälen.

Der bemerkenswerte Grund dafür, dass sich Abraham gegen das Rad und für die Boxhandschuhe entschieden hat: "Ich hatte zu viel Angst." Ist es denn wirklich gefährlicher, stundenlang über den Asphalt zu rollen, als sich mit einem Gegner über zwölf Runden gegenseitig ins Gesicht zu schlagen? Darum geht es nicht, sagt Abraham.

Sein Box-Schicksal selbst in der Hand

"Beim Radfahren kann es zu gefährlichen Stürzen kommen, wenn man in einer Gruppe fährt", sagt der 37-Jährige. "Da kann man selbst alles richtig machen, aber durch den Fehler eines anderen kommt es zu schweren Verletzungen." Abraham hat sein Schicksal lieber selbst in der Hand. So wie im Kampf gegen Eubank junior.

"Ich weiß, dass das meine letzte Chance ist", sagte er bei der Pressekonferenz. Und er hat recht. Im vergangenen Jahr verlor der Berliner den WBO-Weltmeistertitel im Supermittelgewicht gegen Gilberto Ramirez. Bei der haushohen Punktniederlage war Abraham chancenlos, zeigte kaum gelungene Aktionen und wirkte insgesamt einfach zu langsam für den jungen und großen Mexikaner. Eine ähnlich schwache Leistung gegen den 27-jährigen Eubank junior würde wohl das Karriereende bedeuten.

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Arthur Abraham: Vom Schlumpf-Boxer zum König

Auf der anderen Seite hätte Abraham bei einem Sieg die Möglichkeit, sich noch mal auf der ganz großen Bühne zu präsentieren. Der Gewinner der Kampfs erhält den letzten Startplatz bei der "World Boxing Super Series", einem Acht-Mann-Turnier, das mit insgesamt 50 Millionen Dollar dotiert ist. Allein für die Teilnahme am Viertelfinale winkt eine mittlere sechsstellige Börse, der Gesamtsieger wird über zehn Millionen Euro verdienen.

"Dass sich nur der Sieger für die Super Series qualifiziert, wertet den Kampf zwischen Abraham und Eubank junior noch mal auf. Es steht für beide wahnsinnig viel auf dem Spiel", sagt Promoter Kalle Sauerland. Tatsächlich hat Abraham deutlich mehr zu verlieren als Eubank junior. Der Brite boxt zwar vor heimischem Publikum und muss seinen Ruf als aussichtsreiches Talent gerecht werden. Doch der daraus resultierende Druck wird durch die im Boxen eher dem Heimkämpfer zugeneigten Punktrichter mindestens wieder wettgemacht.

Als Auswärtsboxer im Nachteil

Abraham dürfte kaum eine Chance haben, als Auswärtsboxer in England nach Punkten zu gewinnen. Und auch ein krachender K.-o.-Sieg scheint eher unwahrscheinlich. Im Mittelgewicht war "König Arthur" für seinen vernichtenden Punch bekannt. Doch für das Supermittelgewicht scheint die Schlagkraft nicht auszureichen. 2009 stieg Abraham für das Super-Six-Turnier ins nächsthöhere Limit auf. Seitdem konnte er nur sechs von 21 Kämpfen vorzeitig gewinnen - im Mittelgewicht kam er in 30 Duellen auf 23 K.-o.-Siege.

Folgerichtig gilt der Deutsche bei den britischen Buchmachern als klarer Außenseiter. Dass er beim offiziellen Wiegen im ersten Versuch fast 900 Gramm zu viel auf die Waage brachte, dürfte seine Chancen nicht gesteigert haben. Gemäß Reglement bekam Abraham Zeit, auf das geforderte Limit von 76,204 Kilogramm zu kommen. Das schaffte er zwar im zweiten Versuch, aber erzwungenes "Abkochen" so kurz vor dem Kampf kostet immer Kraft und Substanz.

Wenn Abraham den Kampf gegen Eubank junior verliert, könnte es das letzte Mal gewesen sein, dass er sich derart quälen musste. Es ist schwer vorstellbar, dass der Ex-Weltmeister sich weiterhin motivieren kann, falls es nicht für die Teilnahme an der "World Boxing Super Series" reichen sollte. Und auch sein Promoter Sauerland, der sich mehr und mehr auf das Millionen-Turnier konzentriert, könnte das Interesse an Abraham verlieren.

Viele Sauerland-Mitarbeiter arbeiten inzwischen für die Comosa AG, die die "Super Series" ausrichtet. Der Stall hat seinen Sitz aus Berlin nach Hamburg verlegt und betreibt kein eigenes Gym mehr. Außer Altmeister Ulli Wegner wurde allen Trainern gekündigt. Dass der bestehende TV-Vertrag verlängert wird, scheint angesichts rückläufiger Einschaltquoten und fehlender Stars unwahrscheinlich. Zumal mit Jürgen Brähmer ein weiterer großer Name am Turnier teilnimmt und damit nicht mehr als Hauptkämpfer für reguläre Sauerland-Veranstaltungen infrage kommt.

Dass Sauerland sein ehemaliges Aushängeschild im Fall einer Niederlage gegen Eubank junior ein weiteres Mal aufbauen und den langen Weg in Richtung einer weiteren Titelchance finanzieren würde, ist unwahrscheinlich. Insofern könnte dieser Kampf der letzte in Abrahams langer Karriere sein. Wenn er die Boxhandschuhe an den Nagel hängt, hätte er zumindest wieder mehr Zeit zum Radfahren.



insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
gersois 15.07.2017
1.
Abraham hat im Super-Six-Turnier keine Bäume ausgerissen, sondern gegen die wirklich guten Boxer aus USA und GB schlecht ausgesehen und verloren. Danach hat er nie einen Versuch gemacht, gegen einen dieser Gegner eine Revanche zu suchen. Seine Chancen bei der World Boxing Super Series dürften wohl fast Null sein.
sven2016 15.07.2017
2.
Wie auch immer: Viel Erfolg. Beim Sport ist Vieles möglich.
IvicaMarkovic 15.07.2017
3.
Abraham muss auf den KO gehen, hat dafür aber nicht (mehr) die nötige Power.
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