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Ausgabe 36/2016

Promi-Arzt Müller-Wohlfahrt Mulls Wunden

Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt ist der berühmteste Mediziner Deutschlands. Doch er steckt geschäftlich in Schwierigkeiten - setzte er auf die falschen Berater? Von Rafael Buschmann, Udo Ludwig und Antje Windmann


Sportmediziner Müller-Wohlfahrt
Hans-Jürgen Schmidt/ HJS-Sportfoto/ Picture Alliance

Sportmediziner Müller-Wohlfahrt

Die grauen Haare wehen nach hinten, er reißt seine Knie weit nach oben, die Arme schwingen nah am Körper vorbei. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, weiße Schuhe, weißes Trikot, graue Hose, sprintet über das Fußballfeld zu Sami Khedira. Das Viertelfinale der Europameisterschaft gegen Italien läuft erst seit zwölf Minuten, aber Müller-Wohlfahrt muss bereits zeigen, was ihn so besonders macht. Seit Jahrzehnten sehen ihn Fußballfans über den Rasen fliegen, um seine Fußballer zu versorgen, wenn es ihnen schlecht geht.

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Heft 36/2016
Wie uns Computer und Roboter die Arbeit wegnehmen - und welche Berufe morgen noch sicher sind

Khedira schlägt die Hände vor das schmerzverzerrte Gesicht. Irgendwas am Oberschenkel, diesen Bereiche fährt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt mit seinen Händen ab. Dem Schiedsrichter scheint das zu lange zu dauern, er spricht zu dem Arzt, gestikuliert. Müller-Wohlfahrt schaut ihn nicht an, er reagiert nicht einmal. "Ich tauche in den Muskel ein", so erklärt Müller-Wohlfahrt solche Momente, seinen Händen vertraue er "mehr als Kernspin oder Ultraschall".

Selbst Arztkollegen schwärmen über dieses Talent. "Er schließt die Patienten auf", sagt Thorsten Rarreck, ehemaliger Mannschaftsarzt des FC Schalke 04. Für viele seiner prominenten Kunden ist der "Doc" ein Genie. "Er macht sich Tag und Nacht Gedanken darüber, wie er den Spielern helfen kann, er ist immer für sie da", sagt Mehmet Scholl, Fußballeuropameister von 1996.

Im Video: SPIEGEL-Redakteur Udo Ludwig über die Recherchen zum Fall Müller-Wohlfahrt

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Müller-Wohlfahrts Patientenkartei liest sich wie die Gästeliste einer Sportlergala: Bastian Schweinsteiger, Manuel Neuer, Boris Becker, Weltrekordsprinter Usain Bolt, Skistar Felix Neureuther, Reck-Olympiasieger Fabian Hambüchen. Dazu kommen Künstler wie Eric Clapton und Bono.

Wer auf dem Weg in seine Praxis im "Alten Hof" in München nicht entdeckt werden möchte, nimmt den Hintereingang, durch die Bäckerei nebenan. "Mull", "Healing Hans" oder "Dr. Feelgood", wie die Engländer ihn nennen - ihm wurden schon viele Wunder nachgesagt. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt ist der berühmteste Arzt Deutschlands. Knapp 40 Jahre lang betreute er die Profis des FC Bayern München. Seit mehr als 20 Jahren kümmert er sich um die Knochen der deutschen Fußballnationalspieler.

Müller-Wohlfahrt ist 74 Jahre alt. Trotzdem will er sich noch nicht zur Ruhe setzen. Denn sein großes Problem liegt außerhalb des Spielfelds. Ihn umgaben zu oft falsche Leuten, und er enttäuschte diejenigen, die es gut mit ihm meinten.

Hans-Wilhelm Mueller-Wohlfahrt beim Spiel Deutschland gegen Finnland in Mönchengladbach
Lars Baron/ Bongarts/ Getty Images

Hans-Wilhelm Mueller-Wohlfahrt beim Spiel Deutschland gegen Finnland in Mönchengladbach

Müller-Wohlfahrt praktiziert zwischen Marienplatz und Maximilianstraße im Herzen Münchens, Wohnungen kosten hier schon mal über 10.000 Euro pro Quadratmeter. In der ehemaligen Residenz von Ludwig dem Bayern wurde die Luxuspraxis eingerichtet, anfänglicher Mietzins 40.000 Euro im Monat. Der englische Star-Architekt David Chipperfield entfaltete sich für ein Honorar in Höhe von über 700.000 Euro auf rund 1650 Quadratmetern. In der Eingangshalle liegen sechs Meter lange Landhausdielen der Marke "Villa Milano". Patienten müssen viel Kraft aufbringen, um die gewaltige Milchglastür zu öffnen.

Bei der Eröffnung der Praxis im Mai 2008 gratulierten 800 Gäste. Veronica Ferres war da, Edmund Stoiber fachsimpelte mit Oliver Kahn. Zeitungen schrieben über die "modernste Sportklinik der Welt". Franz Beckenbauer hielt eine launige Rede, der Hausherr sprach von der "Kraft und Energie", die er in den historischen Mauern spüre.

Beckenbauer hatte großen Anteil daran, dass diese Eröffnungsgala stattfinden konnte. Er hatte Müller-Wohlfahrt mit Dietmar Hopp zusammengeführt, einem der reichsten Männer Deutschlands. Seit seinem Abschied vom Softwaremulti SAP investiert Hopp, 76, sein Geld auch in Medizinprojekte. Der Name des Mannes, dem die Sportler vertrauen, schien ihm eine hervorragende Adresse zu sein.

Gemeinsam gründeten der Milliardär und der Mediziner der Erfolgreichen die "MW Group" mit einem Büro in Heidelberg und das "MW Zentrum für Orthopädie & Sportmedizin" in München. Hopp gab rund sieben Millionen Euro für die Praxis im Alten Hof, sie sollte die Urzelle einer internationalen Klinikkette sein.

Bis dahin hatte der Orthopäde mit den langen Haaren in einer vergleichsweise unscheinbaren Praxis in der Fürstenfelder Straße gewirkt. Ein anthroposophischer Künstler hatte sie gestaltet, die Schreibtische waren aus zusammengeschweißtem Schrott.

Und dann standen vor acht Jahren die Investoren vor ihm mit den großen Plänen für seinen furiosen Aufstieg. In einem Hochglanzprospekt der MW Group wurde mit dem "Know-How MW" geworben und mit "MW Präparaten". Aus dem Arzt Müller-Wohlfahrt sollte eine Marke werden: MW. Weltweit sollten Müller-Wohlfahrt-Kliniken entstehen, im Nahen Osten, in Nordamerika, in Asien. "Searching Perfection" stand auf dem Titelblatt der Firmenbroschüre.

Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, der Arzt "mit Freude und Hingabe", wie er über sich sagt, war offensichtlich der Versuchung erlegen, nicht nur in München berühmt zu sein. Auf ihn wartete nun die ganze Welt. Wenn Müller-Wohlfahrt euphorisch ist, schlägt er Bekannten schon mal vor Begeisterung auf die Schultern. Es war die große Zeit des Schulterklopfens.

Aber Hopp und anderen Geldgebern wurde schnell bewusst, dass Müller-Wohlfahrt ein sperriger Partner ist. Für Geschäftsmeetings und Businesspläne hatte er nichts übrig. "Jede Zerrung eines Sportlers ist ihm 100 Prozent wichtiger", sagt ein Geschäftsmann. Die Erwartungen wurden enttäuscht - und Searching Perfection beerdigt.

Müller-Wohlfahrt blieb als Mieter der Praxisräume. Der Alte Hof ist eine durchaus lukrative Einnahmequelle. Sportlern wie Franck Ribéry, Arjen Robben, Philipp Lahm wurden für ihre Behandlungen vierstellige Summen in Rechnung gestellt. Mehrere Millionen Euro brutto spülte die Praxis im vorvergangenen Jahr in die Kasse.

Aber das Geld floss auch schnell wieder ab. Die beiden Ärzte, die mit Müller-Wohlfahrt die Praxis teilen, bekamen Chefarztgehälter. Ehefrau Karin erhielt monatlich eine Apanage, die auf Sizilien verheiratete Tochter Maren wurde unterstützt, das Haus in Südfrankreich musste unterhalten werden. In einem Anwaltsschriftsatz ist von "nahezu vogelwilder Handhabung der Privatausgaben" die Rede.

In der Müller-Wohlfahrt AG wechselten die Vorstände wie bei Vereinen der Abstiegszone die Trainer.

Man muss es wohl so deutlich sagen: Als Geschäftsmann ist Müller-Wohlfahrt ein Versager. Im kommenden Jahr läuft der Mietvertrag seiner Praxis aus. Hopps Interesse an Müller-Wohlfahrt scheint längst erloschen. Zudem beendete Müller-Wohlfahrt nach einem Streit mit Pep Guardiola, dem ehemaligen Cheftrainer des FC Bayern München, seinen Job als Mannschaftsarzt des Rekordmeisters. Der Rückzug kostete den Doktor viel Geld, bis zu knapp 500.000 Euro pro Saison. Wie lange er seinen Nebenjob beim Deutschen Fußball-Bund noch ausüben darf, ist nicht entschieden.

Wie "der beste Mannschaftsarzt der Welt" ("Süddeutsche Zeitung") in diese Lage geraten konnte, ist schwer zu verstehen. Er selbst redet nicht darüber. Der SPIEGEL hat sich bemüht, mit dem Sportarzt zu sprechen. Alle Versuche endeten irgendwann bei seinem Medienanwalt, der Anfragen mit unterschiedlichen Begründungen ablehnte, vertröstete oder Bedingungen stellte, die der SPIEGEL nicht akzeptieren konnte.

Früher hat sich Müller-Wohlfahrt sehr für Kunst und Architektur interessiert, er war ein leidenschaftlicher Posaune- und Orgelspieler. Heute radelt er morgens aus seiner Wohnung zum Alten Hof und verlässt seine Praxis meist erst am späten Abend.

Mit Menschen kann er gut umgehen, wenn sie seine Patienten sind. Zu wichtigen Geschäftsterminen hingegen erschien er im Münchner Edelrestaurant Käfer zur Überraschung der Anwesenden schon mal im Sweatshirt. Dass ihm öffentliche Auftritte unangenehm sind, zeigen Bilder vom Oktoberfest. Während seine Frau Karin im türkisfarbenen Dirndl in die Kameras prostet, quält sich ihr Mann im blau-weiß karierten Hemd ein Lächeln ab.

Der Sohn eines Pastors aus Ostfriesland studierte in Kiel, Innsbruck und Berlin und lernte Armin Klümper kennen. Der wegen seiner Medikamentencocktails umstrittene Sportmediziner aus Freiburg war über Jahrzehnte Guru für Deutschlands Sportasse - also eine Art Vorgänger von Müller-Wohlfahrt. Seine Bundesligakarriere begann Müller-Wohlfahrt bei Hertha BSC.

Aus Hans-Wilhelm Müller aus Leerhafe wurde durch die Heirat mit Karin der berühmte Name: Müller-Wohlfahrt. Dann lockte ihn der Ruf des großen FC Bayern. Die Schickeria Münchens vereinnahmt die Spieler für sich, sie sind ein wichtiger Teil des Boulevards. Zwangsläufig kam Müller-Wohlfahrt in Kontakt mit dieser Welt. Und so fern dem schüchternen Mann aus Ostfriesland diese Bussi-Gesellschaft auch blieb, immun war er nicht dagegen.

1998 gründete der Bayern-Arzt die Formula Müller-Wohlfahrt Health & Fitness AG. Ziel der Aktiengesellschaft waren die Entwicklung, die Herstellung und der Vertrieb von Arznei- und Nahrungsergänzungsmitteln sowie von Körperpflegeprodukten. Müller-Wohlfahrt hatte allerlei Ideen: Kühlspray, Tapeverbände. Blockbuster sollte Profelan sein, eine Schmerzcreme mit Arnikablüten. Geschäftsleute waren begeistert, weil die Herstellung einer Packung keine 2 Euro kostet, sie aber für 13,95 Euro über den Ladentisch geht.

Müller-Wohlfahrt gehörten zusammen mit seinem Sohn Kilian 50 Prozent und eine Aktie der Firma, um ihn herum hatte sich die Münchner Prominenz versammelt. Franz Beckenbauer hielt Anteile, Elke Sommer, Franz Prinz von Auersberg. Auch der Münchner Geldadel ist vertreten: der ehemalige Medienunternehmer Thomas Haffa, der bayerische Bäderkönig Johannes Zwick und ein schwerreicher Mann aus dem Orient: der Araber Omar Qandeel.

Eheleute Müller-Wohlfahrt auf dem Münchner Oktoberfest 2014
Getty Images

Eheleute Müller-Wohlfahrt auf dem Münchner Oktoberfest 2014

Wer versprach sich mehr von dieser illustren Gesellschaft? Anleger, die glaubten, der Wunderheiler Müller-Wohlfahrt sei auch als Unternehmer ein Genie? Oder der Doc, der hoffte, die Geldgeber mit den großen Namen würden seine Aktiengesellschaft zum Fliegen bringen?

Eines ist sicher: Hoch hinaus ging es für niemanden. Anfangs hatte Müller-Wohlfahrt noch geschwärmt, man sei so gut wie ausverkauft. Doch schon 2013 war die AG praktisch am Ende. Die gegenwärtigen Vertriebsaktivitäten müsse man als minimal bezeichnen, heißt es im Schreiben eines Anwalts. In der Bilanz für 2013 stand ein Fehlbetrag in Millionenhöhe, der nicht mehr durch Eigenkapital gedeckt war. Bereits ein Jahr zuvor waren Verluste angefallen. Zudem gab es Forderungen von der Sozialkasse, von Rechtsanwälten und Anlegern, die Geld nachgeschossen hatten. Die "Formula ist bilanziell überschuldet", resümierte ein Rechtsanwalt, aber man scheute die Insolvenz.

In der Formula Müller-Wohlfahrt AG wechselten die Vorstände wie bei Vereinen der Abstiegszone die Trainer. Es gab etliche Rettungsversuche. Ein Schweizer Unternehmer kaufte der Formula die Marken- und Vertriebsrechte ab und gründete mit Müller-Wohlfahrt in Ziegelbrücke, eine knappe Zugstunde von Zürich entfernt, eine neue Firma, die MW Balance. Dann aber stellte sich laut dem Schweizer Unternehmer heraus, dass einige angeblich exklusive Lizenzrechte der AG zweimal verkauft worden seien.

In der Aktionärsversammlung im September vergangenen Jahres stellte sich wieder ein neuer Vorstand vor. Es ging turbulent zu, es wurde gestritten und geschrien. Müller-Wohlfahrt, der immer noch Hauptaktionär ist, saß still mittendrin. Man beschloss, einen weiteren Versuch zu unternehmen, die Firma zu retten. Deutlich wurde eines: Eine Alterssicherung für Müller-Wohlfahrt ist diese AG nicht mehr.

Das öffentliche Schweigen Müller-Wohlfahrts verstärkt die Mythen, die sich um ihn ranken. Ausgerechnet seine Ehefrau Karin machte publik, dass ihr Gatte durchaus ein Mann mit Schwächen sei. "Künstler und Ärzte sind genau die Menschen, die sich nicht um Geld kümmern." Diesen Satz sagte sie bei Maischberger, nachdem sie selbst Opfer eines Anlagebetrügers geworden war. Mehr als eine halbe Million Euro hatte sie im Zuge eines vermeintlichen Rohstoffgeschäfts verloren.

Die Geschichte des Betrugs geht so: Vor einigen Jahren wandte sich Karin Müller-Wohlfahrt an eine Maklerin. Diese empfahl einen Anlageberater. Der Mann riet ihr, in Rohstoffe zu investieren. Renditeaussicht: 30 Prozent.

Karin Müller-Wohlfahrt, die unter dem Namen Karen Lakar in München Skulpturen und Bilder verkauft, vertraute dem Mann. Es sei die Zeit der Lehman-Pleite und sie ratlos gewesen, wie sie ihr Geld in Sicherheit bringen und fürs Alter vorsorgen solle, erklärte sie. Tatsächlich wurden die ersten beiden Renditen ausbezahlt. Dabei blieb es dann auch.

Karin Müller-Wohlfahrt stellte Strafanzeige. Ein Gericht verurteilte daraufhin zwei Männer zu Haftstrafen, einen weiteren zu einer Geldstrafe. Das Geld war trotzdem weg.

Anfang 2014 sagte Karin Müller-Wohlfahrt in der Talkshow: "Die Geldgeschäfte macht unser Steuerberater. Weder mein Mann noch ich kümmern uns eigentlich darum." In der Frau schien es zu brodeln.

Im März 2014 macht sie ihrem Ärger im SWR-"Nachtcafé" erneut Luft. Neben ihr in der Runde sitzt Mike Wappler. Er hat den Spitznamen "Milliarden-Mike" und eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Der ehemalige Hamburger Kiez-Boxer hat im Laufe seines Lebens viele Leute um viel Geld erleichtert; laut eigener Angabe bescherte ihm das 18 Jahre Gefängnis.

In der Runde berichtet er, wie die Leute auf seine Lügen reinfielen, getrieben von der Gier. Zugleich erzählt er, dass er nun die Seiten gewechselt habe. Er helfe Menschen, die betrogen wurden, ihr Geld zurückzubekommen. Nach der Show sollen sich Wappler und Karin Müller-Wohlfahrt weiter unterhalten haben. Wappler sagt, er habe ihr das Angebot gemacht, sich ihrer Probleme anzunehmen.

Milliarden-Mike, ein allzeit braun gebrannter Mann mit Rolex-Uhr, Schuhen aus Krokodilsleder und sehr speziellem Männerparfum, kann leider nicht viel tun: Das Geld bleibt verschwunden. Wappler sagt, die Betrogene habe ihn auch darauf hingewiesen, dass sie und ihr Ehemann jahrelang von ihrem Steuerberater ausgenommen worden sein sollen.

Er habe einen ihm vertrauten Unternehmensberater aus Hamburg ins Spiel gebracht, erinnert sich Wappler: Max-Thomas M., einen ehemaligen Geschäftsmann, mit dem er seit Jahren die komplexen, vertrackten Fälle angeht, die sich oft am Rande der Legalität abspielen. M. hat wie Wappler nicht den besten Leumund, ist 26-fach vorbestraft, unter anderem wegen Urkundenfälschung und Prozessbetrug. M. saß insgesamt knapp sechs Jahre im Gefängnis, seine Reststrafe, die zur Bewährung ausgesetzt wurde, endet erst im September.

Eheleute Schmalisch bei der Eröffnung der Bayreuther Festspiele im Juli 2001
Claus Felix/ Picture Alliance/ DPA

Eheleute Schmalisch bei der Eröffnung der Bayreuther Festspiele im Juli 2001

Aber davon weiß Karin Müller-Wohlfahrt zu diesem Zeitpunkt nichts, sie soll die beiden zu sich nach Hause eingeladen haben. An einem Juniabend 2014 empfangen sie und ihr Sohn Kilian den Unternehmensberater Max-Thomas M., Wappler sowie dessen Freundin. Wenige Minuten später betritt der Doktor das Wohnzimmer, das beeindruckend groß auf die Gäste wirkt.

So schildern es M. und Wappler. Wie der Abend weitergegangen sein soll, daran erinnert sich M. so:

"Auf dem langen Tisch steht Essen aus einem Münchner Edelrestaurant, daneben Wein und Champagner. Am hinteren Ende türmen sich schwarze Aktenordner. Müller-Wohlfahrt wirkt nervös auf mich, er tapert durch die Wohnung. Er wolle das alles eigentlich gar nicht, er sei doch befreundet mit seinem Steuerberater. Aber ja, natürlich, irgendwas scheine schiefgelaufen zu sein in den vergangenen Jahren. Man müsse das jetzt halt einmal genau prüfen, brummt Müller-Wohlfahrt.

Im Juni 2014 war die Stimmung im Haus Müller-Wohlfahrt für mich erkennbar gereizt, zuletzt hatten sich einige finanzielle Forderungen angehäuft. Die Ordner, die sich am Ende des Tisches türmen, hatte Müller-Wohlfahrt in den vergangenen Tagen aus seiner Praxis mitgebracht. Mir wird noch eine Sporttasche des FC Bayern München hingestellt, mit der Müller-Wohlfahrt sonst zu den Spielen des Klubs gereist ist. Darin befinden sich noch einmal rund ein Dutzend schwarze Ordner.

Ich bin in die Papiere eingetaucht. Müller-Wohlfahrt hat mit Wapplers Lebensgefährtin, der Vertrieblerin einer Firma für Nahrungsergänzungsmittel, über die Effektivität seiner Produkte gesprochen. Mike hat sich mit Karin unterhalten. Nach einiger Zeit habe ich die Unterlagen zur Seite gelegt und zu Müller-Wohlfahrt gesagt: ,Mindestens sieben Millionen Euro fehlen in den Büchern. Danach müssen Sie dringend Ihren Steuerberater fragen.' Es sei nur eine erste, grobe Schätzung. Die Stimmung ist danach komplett gekippt. Müller-Wohlfahrt hat seine Gesichtsfarbe verloren.

Karin hat auf den Steuerberater geschimpft, Kilian seinen Vater entgeistert angestarrt. Ich bin dann aufgestanden, zum Flügel geschlendert und habe zwei Schumann-Sonaten gespielt. Dann habe ich Müller-Wohlfahrt gesagt, dass es zwar kompliziert sei, aber man könne das Geld zurückholen. Er hat mir dann sein Mandat erteilt."

Wenn der Abend tatsächlich so abgelaufen ist, muss er für Müller-Wohlfahrt ein Schock gewesen sein. Kann das alles wahr sein, was ihm M. da erzählt? Konnte M. tatsächlich in so kurzer Zeit eine solche Schadenssumme beziffern? Wurde Müller-Wohlfahrt ausgerechnet von seinem langjährigen Steuerberater schlecht beraten? Einem Mann, dem Mull blind vertraute? Einem Freund der Familie?

Peter Schmalisch, Steuerberater und Anwalt mit einer Kanzlei in München, ist das genaue Gegenteil von Müller-Wohlfahrt: redegewandt, extrovertiert, unterhaltsam, gerissen. Er geht mit Fliege und Einstecktuch in die Oper, zeigt sich auf Promi-Partys. Schmalisch betreute Thomas Gottschalk, Uwe Ochsenknecht, Roy Black und andere Sport- und Showgrößen. Schmalisch und Müller-Wohlfahrt kennen sich seit vielen Jahrzehnten. Er war für den Mediziner immer mehr als ein Steuerberater: ein Steuermann fürs Leben.

Aber war er ein guter Steuermann?

Müller-Wohlfahrt schien nicht mehr davon überzeugt zu sein, er engagierte M. auf Honorarbasis. Der Unternehmensberater analysierte die Finanzgeschäfte. Er behauptet, der Mediziner habe Schmalisch Vollmachten gegeben, die eigentlich kein mündiger Mensch ausstellen sollte. Der Steuerberater hatte auch Zugriffe auf Konten des Arztes.

Nach eigenen Angaben arbeitete M. in einem eigens angemieteten Büro über hundert Aktenordner durch. Er stieß dabei auf Lastschriften und Buchungen, auf die Müller-Wohlfahrt auf Nachfrage keine Erklärung gefunden habe, sagt M.

Max-Thomas M. kennt sich gut aus mit Geschäften im Graubereich. Er appelliert an Müller-Wohlfahrt, sich von seinem Steuerberater zu trennen.

Früherer Betrüger Wappler
Milos Djuric/ DER SPIEGEL

Früherer Betrüger Wappler

Im Juli 2014 schrieb Schmalisch Müller-Wohlfahrt einen pathetischen Brief: "Lieber Mull (...) Um nicht jeden Glauben an alles dieses uns Verbindende zu verlieren und um nicht glauben zu müssen, dass ich Dich trotz aller gemeinsamer vertrauter und vertraulicher Geschehnisse und Erlebnisse nicht kenne, kann ich nur annehmen, dass Du in einer völlig geistigen Umnachtung unter Ausschluss jeglicher Vernunft gehandelt hast. Es ist unglaublich, dass Du nicht erkennst und auch nicht spürst, dass Du hier wieder einmal wie bisher oft genug von Leuten hereingelegt wirst, und zwar wieder von solchen, denen Du unglücklicherweise mehr vertraust als Deinem langjährigen Freund und Anwalt, den Du lieber hintergehst, statt dass Du Dich - wie bisher zu allen Zeiten - ihm anvertraust." Unterschrieben ist das Schriftstück mit "Peter".

Wem soll Müller-Wohlfahrt noch glauben? Max-Thomas M.? Dem Mann, der von Wappler, der vorbestraften Kiezgröße, empfohlen wurde. Oder seinem langjährigen Freund Peter?

Am 28. September 2014 meinen die Müller-Wohlfahrts die Reißleine ziehen zu müssen. Max-Thomas M. und Wappler, der Mann fürs Grobe, teilen Schmalisch schriftlich mit, dass ihm "mit sofortiger Wirkung ... alle erteilten Vollmachten, insbesondere auch alle Bankvollmachten im In- und Ausland" entzogen würden. Das Ehepaar Müller-Wohlfahrt fordere die Rückgabe seiner Unterlagen, "insbesondere auch sämtliche Kontoauszüge aller für uns durch Sie in Vollmacht geführter Konten". Im Namen von Müller-Wohlfahrt soll Max-Thomas M. einen Anwalt verpflichtet haben.

Man weiß nicht, was Schmalisch wirklich mit Müller-Wohlfahrts Geldern anstellte. Über die Jahre soll der Steuerberater mindestens elf Firmen für Investments aufgebaut haben. M. sagt, dass er Müller-Wohlfahrt auf Firmen, die Schatzbogen, Quintos, Romos oder Tritos heißen, angesprochen habe. Laut Handelsregisterauszug hatte der Promiarzt an allen eine direkte Beteiligung. Er habe nicht wirklich gewusst, worum es sich dabei handelte.

Zwischen all den Dokumenten findet Max-Thomas M. aber auch Hinweise von Schmalisch an Müller-Wohlfahrt: Der Steuerberater weist den Arzt darauf hin, dass dessen Privatausgaben viel zu hoch seien.

Der neue Anwalt entwirft eine Klage "betreffend vereinnahmter Steuerberatergebühren". Er kritisiert unter anderem, dass Schmalisch sich seit Jahren 11.900 Euro pro Monat pauschal von Müller-Wohlfahrt für seine Tätigkeit überweisen ließ.

Schmalisch sagt, er habe durch seine Immobiliengeschäfte Müller-Wohlfahrt Steuerersparnisse in Höhe von mehreren Millionen Euro ermöglicht. Einen Fragekatalog des SPIEGEL wollte Schmalisch nicht beantworten. Er ließ die Fragen an denselben Medienanwalt weiterleiten, den Müller-Wohlfahrt mandatiert hat. Schmalisch ließ lediglich mitteilen, dass gegen den "Unternehmensberater" M. mittlerweile rechtlich vorgegangen werde. M. weiß angeblich nichts davon.

Auch auf die Dienste von Milliarden-Mike hat Müller-Wohlfahrt seit Ende 2014 verzichtet. Den Berater Max-Thomas M. jagte der Sportmediziner gleich mit davon. M. sagt, eines Tages habe er vor der verschlossenen Tür des angemieteten Büros gestanden.

Es spricht für seine Unbedarftheit, dass er die Geschäftsbeziehung zu Bayern München kappte.

Im April 2015 geht Karin Müller-Wohlfahrt erneut an die Öffentlichkeit. Gegenüber der "Bild"-Zeitung sagt sie: "Wir haben uns in Anlagedingen voll auf unseren Steuerberater verlassen. In Gelddingen muss Vertrauen herrschen. Das wurde in unserem Fall missbraucht." Der "Bunten" sagte sie sogar: "Unser Lebenswerk ist zerstört." Schmalisch entgegnete über "Bild": "Durch unsere Tätigkeit haben sich für Müller-Wohlfahrt Vermögenszuflüsse in beträchtlicher Höhe ergeben, nicht Vermögensabflüsse, und schon gar nicht Vermögensschäden."

Die Müller-Wohlfahrts verpflichteten wieder einen neuen Anwalt, Joseph Braun, er gehört zu einer renommierten Münchner Kanzlei. Braun sagte gegenüber der "Bunten": "Das Vertrauensverhältnis unseres Mandanten zur Kanzlei Schmalisch, Lang & Partner war nicht mehr gegeben, sodass unser Mandant die Zusammenarbeit aufgekündigt hat." Ob ein Schaden entstanden sei, wisse man noch nicht.

Nach den Veröffentlichungen stellte die Münchner Kammer für Steuerberater Anzeige, um die Vorwürfe aufklären zu lassen. Seitdem ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen Steuerberater Schmalisch. Bislang ist er weder angeklagt oder gar verurteilt worden. Ob es jemals dazu kommen wird, ist völlig unklar.

Auch der von M. eingesetzte Rechtsanwalt musste gehen. Ihn hat Müller-Wohlfahrt nun auf Rückzahlung der Anwaltsgebühren verklagt. Dieser listet in einem Schriftsatz seine Arbeiten für Müller-Wohlfahrt auf und verweist darauf, dass der Arzt seine Gesamtforderung gegenüber Schmalisch auf "zumindest sechs Millionen Euro" beziffert habe.

Es spricht für die Unbedarftheit Müller-Wohlfahrts, dass er ausgerechnet in dieser Phase der finanziellen Aufarbeitung seine geschäftliche Beziehung zum FC Bayern kappte, weil er sich dort schlecht behandelt fühlte. Nach der Hinspielniederlage im Viertelfinale der Champions League gegen den FC Porto im April 2015 hatte der überhitzte Bayern-Vorstand Karl-Heinz Rummenigge noch in den Katakomben des Stadions die Frage in den Raum gebrüllt, warum die Rückkehr verletzter Spieler in München immer so lange dauere. Er sprach offenbar das aus, was Trainer Guardiola schon lange dachte. Des Öfteren waren der Startrainer und der Promiarzt aneinandergeraten.

Einen Tag nach dem Eklat in Porto verkündete Müller-Wohlfahrt, das "notwendige Vertrauensverhältnis" sei zerstört. Er kündigte und zog das Personal seiner Praxis, inklusive Sohn Kilian, gleich mit ab.

Müller-Wohlfahrt will, vielleicht muss, weiterhin arbeiten. Er scheint sich sogar mehr denn je in die Arbeit zu stürzen. In diesem Sommer betreute der 74-Jährige die deutsche Nationalmannschaft während der EM, kurz darauf flog er zu den Olympischen Spielen nach Brasilien. Seine Patienten, der Sprinter Usain Bolt und der Turner Fabian Hambüchen, bedankten sich nach ihren Goldmedaillen öffentlich bei ihm.

Müller-Wohlfahrt könnte einen ruhigen Lebensabend haben, wenn er bei den Waden seiner Athleten geblieben wäre.

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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
rationis 04.09.2016
1. Furchtbar
Ich finde es furchtbar, wenn so etwas passiert. "Mull" ist eine Legende in der deutschen Sportmedizin und hat so etwas nicht verdient. Ich finde es auch bedauerlich, dass hier die Pein eines Menschen öffentlich in dieser Form in der Presse breitgetreten wird. Klar, man kann argumentieren, dass MW eine Person der Zeitgeschichte ist und daher ein öffentliches Interesse besteht, auch über sein Privatleben (zu dem ich seine Finanzen zählen würde) zu berichten. Ich habe den Artikel dann aber doch mit einer Portion Bauchschmerzen gelesen. Was MW und seine Ehefrau nun benötigen ist jemand, der sie juristisch und finanziell absolut ehrlich und kompetent berät. Und die Moral von der Geschicht': Wenn etwas zu gut erscheint um wahr zu sein (wie z.B. 30% Rendite!!), dann ist es das wohl auch, nämlich unwahr.
distel61 04.09.2016
2.
Ich habe zufällig mal jemanden im Zug getroffen, der von einer Wohlfahrtschen Rückenbehandlung berichten konnte. Um es kurz zu machen: Der Mann muss fachlich wirklich hervorragend sein!
lynx2 04.09.2016
3. Rührend, wie Sie mit MW mitfühlen!
Zitat von rationisIch finde es furchtbar, wenn so etwas passiert. "Mull" ist eine Legende in der deutschen Sportmedizin und hat so etwas nicht verdient. Ich finde es auch bedauerlich, dass hier die Pein eines Menschen öffentlich in dieser Form in der Presse breitgetreten wird. Klar, man kann argumentieren, dass MW eine Person der Zeitgeschichte ist und daher ein öffentliches Interesse besteht, auch über sein Privatleben (zu dem ich seine Finanzen zählen würde) zu berichten. Ich habe den Artikel dann aber doch mit einer Portion Bauchschmerzen gelesen. Was MW und seine Ehefrau nun benötigen ist jemand, der sie juristisch und finanziell absolut ehrlich und kompetent berät. Und die Moral von der Geschicht': Wenn etwas zu gut erscheint um wahr zu sein (wie z.B. 30% Rendite!!), dann ist es das wohl auch, nämlich unwahr.
Meinen Sie das wirklich ernst? Wenn ja, dann sollten Sie sich bei ihm als Berater bewerben. Aber verlangen Sie nicht zu viel Honorar, sonst geht er total pleite, der Arme. Wenn er klamm ist, dann lassen Sie sich Ihr Honorar in Rückenmassagen auszahlen. Ihre Bauchschmerzen können Sie gleich mitbehandeln lassen.
citi2010 05.09.2016
4. @ rationis / #1
Ihre Sorge, dass MW durch diese Veröffentlichungen bloss gestellt ist, teile ich nicht. Im Gegenteil, ich denke ihm ist dadurch geholfen. Verbrecherische Machenschaften gedeihen eher im Geheimen. Die Mehrzahl der Menschen ist ehrlich und wird Sympathie für den Mann haben. Und wenn alles auf dem Tisch der Öffentlichkeit liegt haben es die neuen Anwälte leichter und weitere Abzocker werden sich nicht mehr ran trauen.
troy_mcclure 05.09.2016
5.
Zitat von rationisIch finde es furchtbar, wenn so etwas passiert. "Mull" ist eine Legende in der deutschen Sportmedizin und hat so etwas nicht verdient. Ich finde es auch bedauerlich, dass hier die Pein eines Menschen öffentlich in dieser Form in der Presse breitgetreten wird. Klar, man kann argumentieren, dass MW eine Person der Zeitgeschichte ist und daher ein öffentliches Interesse besteht, auch über sein Privatleben (zu dem ich seine Finanzen zählen würde) zu berichten. Ich habe den Artikel dann aber doch mit einer Portion Bauchschmerzen gelesen. Was MW und seine Ehefrau nun benötigen ist jemand, der sie juristisch und finanziell absolut ehrlich und kompetent berät. Und die Moral von der Geschicht': Wenn etwas zu gut erscheint um wahr zu sein (wie z.B. 30% Rendite!!), dann ist es das wohl auch, nämlich unwahr.
Wenn ich den Bericht im Printspeigel rihtig gelesen habe, dann fing es ja damit an, dass Frau M.-W. an die Öffentlichkeit gegangen ist.
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