Aufstrebende Sportart Darts Vom Pub in die TV-Glitzerwelt

In verrauchten Spelunken mit Pfeilen auf eine kleine Scheibe werfen: Seit seinen Anfängen haftet dem Darts das Image einer Kneipensportart an. Doch SPONSORS-Autor Steffen Guthardt zeigt, dass der Dartsport eine erstaunliche Entwicklung genommen hat und vor allem im TV begeistern kann.

Dart-Weltmeister Taylor: Tolle Einschaltquoten im Fernsehen
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Dart-Weltmeister Taylor: Tolle Einschaltquoten im Fernsehen


Es ist kurz vor Mitternacht am 3. Januar dieses Jahres, als Phil "The Power" Taylor im voll besetzten Londoner Alexandra Palace mit einem Wurf in die Doppel-16 den Abend beendet. Taylor ist damit wieder einmal König des Dartssports - zum 15. Mal holt sich der untersetzte Engländer mit den tätowierten Unterarmen den Weltmeistertitel.

Doch nicht nur Taylor dürfte sich an jenem Abend wie ein König gefühlt haben, sondern auch der Sportsender DSF, der das Event live ausstrahlte. Mit einer Million Zuschauern in der Spitze beim Finale und einer Einschaltquote von 720.000 Zusehern im Schnitt stellte der Spartenkanal einen Hausrekord für Darts-Übertragungen auf. Bereits bei den Halbfinal-Ausstrahlungen saßen hierzulande im Schnitt 560.000 Zuschauer vor den Bildschirmen und bescherten dem Sender einen Marktanteil von zwei Prozent bei den Zuschauern ab drei Jahren und beinahe fünf Prozent bei den männlichen Zusehern ab 14 Jahren.

Die Gründe für den TV-Erfolg liegen für den DSF-Moderator und Darts-Experten Elmar Paulke auf der Hand: "Nahezu jeder hat schon mal Darts gespielt und kann die Kunst sofort erkennen. Zudem kann man sich leicht mit den Spielern identifizieren - die sind wie du und ich", so Paulke zu SPONSORS. Dass die Nahbarkeit der Dartsspieler ein Erfolgsrezept ist, glaubt auch Stefan Mischke, Präsident des Deutschen Dart-Verbandes (DDV). "In welcher Sportart sonst ist es möglich, dass ein 49-jähriger, blasser Mann wie Phil Taylor ununterbrochen seit 20 Jahren auf Top-Niveau spielt?"

Aufstieg durch Investor

Neben dem hohen Identifikationspotenzial gibt es weitere Faktoren, die das verstärkte Interesse für Darts ausgelöst haben, das sich inzwischen auch über Großbritanniens Grenzen hinaus bemerkbar macht. Noch bis Mitte der 1990er-Jahre fanden die Veranstaltungen des damaligen alleinigen Dachverbandes, der British Darts Organisation (BDO), weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Lediglich zwei übertragene Turniere jährlich bei der BBC, im Schnitt unter 500 Zuschauer bei den Events vor Ort und geringe Preisgelder wegen fehlender finanzkräftiger Sponsoren. Darts war nicht gerade ein Publikumsmagnet. Die Zäsur erfolgte 1992, als einige Spieler der BDO, darunter Phil Taylor, zusammen mit ihren Managern die Konkurrenzserie World Darts Council (WDC) gründeten, die inzwischen zur Professional Darts Corporation (PDC) umbenannt wurde.

Unter dem Kommando von PDC-Präsident Barry Hearn, der sich bereits als Vermarkter in den Sportarten Boxen, Golf und Billard einen Namen gemacht hatte, wurde der Dartsport von Grund auf neu ausgerichtet. Rund eine halbe Million Euro seines Privatvermögens soll Hearn investiert haben, um den Amateursport auf die Beine zu helfen. Erster wichtiger Schritt: Es wurde 1994 ein bis heute bestehender Fernsehvertrag mit dem Sender Sky Sports geschlossen. Dabei profitierte die PDC von den Expansionsplänen des Bezahlsenders, der zu dieser Zeit gerade zahlreiche Pakete an Sportrechten einkaufte.

Der Kontrakt zwischen dem Sender und Darts legte die Basis für eine inzwischen stetig wachsende Medienpräsenz. Allein die diesjährige WM wurde mit sagenhaften 25 Kameras übertragen. Ein Aufwand, der für die Sendeanstalt immer wieder mit Millioneneinschaltquoten in England belohnt wird und dort konstant nur von "König Fußball" übertroffen wird. Entsprechend verlängerten PDC und Sky Sports ihr Abkommen erst 2009 um weitere vier Jahre.

Fünf Millionen Pfund Preisgeld

Der Aufstieg der Sportart lässt sich noch auf einige weitere Maßnahmen der PDC zurückführen: So wurde der Spielkalender von einer Handvoll Turniere Anfang der 90er Jahre auf nun über 50 Events pro Jahr ausgeweitet. Die pro Saison ausgeschütteten Preisgelder stiegen im Zuge dessen von ein paar Hunderttausend Pfund per annum auf inzwischen über fünf Millionen Pfund pro Jahr. Gleichermaßen kletterten die Zuschauerzahlen von mehreren Hundert pro Veranstaltung auf nun mehrere Tausend. "Verstärkte Promotionmaßnahmen der PDC und Sky und vor allem der Weg aus den verräucherten Pubs in moderne Räumlichkeiten haben Darts endlich auch familientauglich gemacht", erklären verschiedene Marktbeobachter den neuen Zuspruch.

In Kooperation mit der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada wurden die Dopingkontrollen sukzessive verschärft, um das Kneipenimage endgültig abzulegen und die Attraktivität für Sponsoren zu erhöhen. Zudem plant Verbandschef Hearn, künftig Trainer heranzuziehen, die das Auftreten der Spieler in den Medien schulen sollen. Auch eine Aufnahme ins Programm der Olympischen Spiele wird angestrebt.

Kein DOSB-Mitglied

Von all dem Positiven konnte das deutsche Darts kaum profitieren. Selbst die beachtlichen TV-Quoten konnten bislang nichts daran ändern, dass zum Beispiel "das Sponsorenaufkommen des Deutschen Dart-Verbandes eine Katastrophe ist", wie Präsident Mischke gegenüber SPONSORS einräumt. Aktuell kann der DDV nur einen festen Verbandssponsor aufweisen, der sich sein Engagement per annum überschaubare 10.000 Euro kosten lässt.

Der größte wirtschaftliche Hemmschuh ist aber ein anderer: Darts ist hierzulande "bislang nicht in den Deutschen Olympischen Sportbund aufgenommen worden, der wichtige Fördergelder bereitstellen würde", so Mischke. Allerdings könne voraussichtlich bereits in wenigen Monaten Vollzug gemeldet werden, da nur noch die Gründung eines weiteren Landesverbandes als Aufnahmekriterium fehle.

"Zum endgültigen Durchbruch in Deutschland braucht es aber einen heimischen Weltmeister", ist Mischke überzeugt. Der dürfte noch eine Weile auf sich warten lassen. Phil Taylor kündigte kürzlich an: "20 WM-Titel wären schön."



insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
Kanzla87 21.04.2010
1. ...
Zitat von sysopIn verrauchten Spelunken mit Pfeilen auf eine kleine Scheibe werfen: Seit seinen Anfängen haftet dem Darts das Image einer Kneipensportart an. Doch SPONSORS-Autor Steffen Guthardt zeigt, dass der Dartsport eine erstaunliche Entwicklung genommen hat und vor allem im TV begeistern kann. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,688620,00.html
In der Tat ein faszinierendes Erlebnis. Ich kann mich noch heute an die spannenden Duelle von Phil "THE POWER" Taylor und Raymond van Barnefeld erinnern - einfach legen...där. Ich spiele sowieso schon mit dem Gedanken, mir das Spektakel mal live anzuschauen und mit den ganzen Verrückten zusammen ein "180"-Schild hochzureißen ;)
Ulul 21.04.2010
2. Üben üben üben
Ich erinnere mich immer wieder gerne an meine erste "180"! Leider mußte ich auf die zweite ein ganzes Jahr warten:-( Ein ambitionierter Amateur
hadean 19.06.2015
3. Darts...
Zitat von sysopIn verrauchten Spelunken mit Pfeilen auf eine kleine Scheibe werfen: Seit seinen Anfängen haftet dem Darts das Image einer Kneipensportart an. Doch SPONSORS-Autor Steffen Guthardt zeigt, dass der Dartsport eine erstaunliche Entwicklung genommen hat und vor allem im TV begeistern kann. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,688620,00.html
...das hat für mich was "meditatives". So ähnlich wie in Japan das rituelle Bogenschießen, begründet auf den Zen-Buddhismus. Nur sollte man dabei den Guinness-Konsum unter Kontrolle halten.
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