Ausgeknockter Briggs: Klitschkos Gegner liegt auf der Intensivstation

Aus Hamburg berichtet Susanne Rohlfing

Links, rechts, gerade, aufwärts, seitwärts: Im Kampf um den WBC-Titel hat Boxer Vitali Klitschko seinen Gegner Shannon Briggs heftig vermöbelt. Im Ring steckte der US-Amerikaner jeden Schlag weg, doch in der Kabine klappte er dann zusammen - inzwischen liegt er auf der Intensivstation.

Klitschko vs. Briggs: Eisenfaust schlägt Eisenschädel Fotos
REUTERS

Einmal noch rauscht die Faust durch die Luft, von oben nach unten diesmal. Nicht, um zu treffen, sondern um zu sagen, was der Mann mit Mundschutz nicht aussprechen kann: "Verdammter Mist." Oder so ähnlich. Auf Russisch wohl, aber die Geste bedarf keiner Übersetzung.

Vitali Klitschko ist sauer, das kann jeder sehen.

Dann erst jubelt der Ukrainer. Das gehört sich schließlich so am Ende eines Kampfes, den er nicht nur gewonnen, sondern dominiert hat. Vitali Klitschko ist Weltmeister geblieben, er hat in der Nacht zum Sonntag in Hamburg seinen WBC-Gürtel im Schwergewicht verteidigt. Alles prima also - wäre nur Shannon Briggs nicht stehengeblieben. Er sei "ein bisschen traurig", sagt Vitali Klitschko später. "Ich habe mir gewünscht, meinen Gegner auszuknocken."

Dann beschreibt er sehr ausführlich, was da vor 14.500 Zuschauern in der ausverkauften Halle gerade passiert war: "Ich habe seine Fehler gesehen, ich wusste, dass ich ihn beim nächsten Schlag richtig hart treffen würde. Dann habe ich getroffen - und er blieb stehen." Klitschko habe gedacht: "Okay, keine Hektik, dann kommt er eben ein bisschen später dran." Es gebe immer eine Messlatte, darüber könne man nicht gehen. Mehr Schläge könne man nicht aushalten. Aber: Shannon Briggs konnte. Und Klitschko erzählt: "Also habe ich nochmal getroffen, nochmal richtig hart, und noch einmal. Ich habe gesehen, dass er wackelt. Ich dachte: Keine Hektik jetzt, der nächste Schlag ist es."

Briggs geht bei der Dopingprobe K.o.

Zwölf Runden ging das so. Am Ende stand Briggs noch immer.

Der US-Amerikaner fiel erst in der Kabine - als er gerade seine Dopingprobe abgab. Er musste von seinen Betreuern aufgefangen werden und kam umgehend ins Krankenhaus. Die Kraft des 38-Jährigen reichte noch, um gegen die Trage zu treten, er wollte die Arena nicht liegend verlassen. Aber es habe unbedingt abgeklärt werden müssen, ob Briggs eine Gehirnblutung davongetragen hatte, erklärt Ringarzt Stephan Bock. Briggs sei benommen gewesen, habe an Schwindel und Kopfschmerzen gelitten und Kreislaufreaktionen wie verminderten Blutdruck und Puls gezeigt. Eine Gehirnerschütterung diagnostizierte der Mediziner deshalb sofort.

Nach Informationen des TV-Senders RTL liegt Briggs auf der Intensivstation, ist aber ansprechbar. Die Untersuchungen hätten ergeben, dass sich der Amerikaner Frakturen unter beiden Augen sowie einen Sehnen- und Muskelriss im linken Arm zugezogen habe.

Klitschkos Trainer Fritz Sdunek diagnostizierte etwas anderes: sinnlose Härte in der Ecke von Shannon Briggs. "Es tut schon weh, wenn da so brutale Menschen sitzen, die es nicht einsehen wollen, dass ihr Kämpfer keine Chance mehr hat." Spätestens ab der sechsten Runde war das der Fall.

Der Kampf stand ein bis zwei Schläge vor dem Abbruch

Am Ende lautete das Urteil der Punktrichter: 105:120, 106:120, 107:120. Jeder der Unparteiischen hatte also mindestens eine Runde mit mehr als den üblichen 10:9 für Klitschko gewertet. Jeder hatte mindestens einmal die eigentlich für Niederschläge reservierte 10:8 gegeben. Nicht, weil Briggs am Boden gewesen wäre, sondern einfach, weil Klitschkos Überlegenheit derart deutlich war. Deshalb, so Sdunek, "wäre es besser für Shannon gewesen, Vitali hätte ihn in der sechsten Runde zu Boden geschickt. Dann hätte er nicht so viele Prügel bekommen".

Der britische Ringrichter Ian John-Lewis erklärt, dass der Kampf "ein bis zwei Schläge vom Abbruch entfernt" gewesen sei. Heißt: Hätte Briggs am Ende jeweils ein bis zwei Treffer mehr kassiert, ohne zu reagieren, wäre der Ringrichter eingeschritten. Briggs aber schlug noch zurück. So legte zumindest Lewis die hin und wieder nach vorn zuckenden Fäuste des Amerikaners aus. "Das war eine Schwergewichts-Weltmeisterschaft", sagt der Ringrichter, "das sind harte Jungs, und solange ein Mann zurückschlägt, musst du ihm eine Chance lassen".

Er könnte das Blatt ja mit einem einzigen Treffer wenden. Gerade Shannon Briggs. Ihm ist das schon einmal gelungen, als er 2006 Sergej Liakowitsch mit einem "Lucky Punch", einem Glückstreffer, den WBO-Titel abnahm. Tatsächlich schien Briggs diesmal in keiner Sekunde auch nur den Hauch einer Chance zu haben. Seine härtesten Treffer gingen bei Klammerversuchen an die Nieren Klitschkos. Dieser ließ das Klammern sein, damit war das Problem gelöst. Von Runde zu Runde glich Briggs immer mehr dem, was im Boxen so gern als "lebender Sandsack" bezeichnet wird.

"Vitali ist noch gut im Futter"

Und Klitschkos Auftritt glich immer mehr einem Schlagkrafttraining am lebenden Objekt. Er schlug und schlug, mit rechts, mit links, gerade, aufwärts, seitwärts. Briggs fiel nicht. Man konnte fast glauben, er sei mit unsichtbaren Fäden an der Decke befestigt worden. Wie ein Sandsack eben. Der kann auch nicht runterfallen. Ganz ohne Kritik kam Vitali Klitschko jedoch trotz seines überlegenen Auftritts nicht davon. "Er wollte es erzwingen und stand oft nicht stabil genug", urteilte Fritz Sdunek. "Aber Vitali ist ja noch gut im Futter, er ist noch lange nicht am Ende."

Es sei noch genug Zeit, Klitschkos K.-o.-Wirkung wieder zu verbessern. Genug Zeit, um noch ein paar Kämpfe zu gewinnen. Genug Zeit, um noch ein paar Euro zu verdienen. Vorher aber flüstert Klitschkos Freund und Leibwächter Roman Gyzha, der Mann, der immer seinen Gürtel in den Ring trägt, ihm noch etwas ins Ohr. Der Ukrainer erinnert sich daraufhin wieder des Mannes, den er gerade wie ein Trainingsgerät malträtiert hat, und sagt: "Ich hoffe, dass Shannon gesund aus dem Krankenhaus kommen und weiterkämpfen wird."

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insgesamt 226 Beiträge
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1. Ungleicher Kampf
heinrichp 17.10.2010
Zitat von sysopJeder Schlag ein Treffer - Vitali Klitschko*hat im Kampf um den WBC-Titel seinem Gegner Shannon Briggs schwer zugesetzt. Doch der Amerikaner klappte erst in der Kabine zusammen. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,723559,00.html
Man hätte den Kampf abbrechen müssen, verrückt sich so sein Geld zu verdienen, für mich ist solch ein Kampf kein Sport.
2. Verantwortungslos
kupidon, 17.10.2010
Zitat von sysopJeder Schlag ein Treffer - Vitali Klitschko*hat im Kampf um den WBC-Titel seinem Gegner Shannon Briggs schwer zugesetzt. Doch der Amerikaner klappte erst in der Kabine zusammen. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,723559,00.html
Den Kampf hätte man schon in der 7. Runde abbrechen sollen spätestens in der 9. . Davon kann sich kein Mensch mehr erholen. Der Man sollte seinen Trainer wechseln.
3. Interessant...
Gyl 17.10.2010
Zitat von sysopJeder Schlag ein Treffer - Vitali Klitschko*hat im Kampf um den WBC-Titel seinem Gegner Shannon Briggs schwer zugesetzt. Doch der Amerikaner klappte erst in der Kabine zusammen. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,723559,00.html
Wie sich doch im 'Sport' die Vokabeln ändern...
4. Alles hat seinen Preis
ralfhettich 17.10.2010
So wird auch Briggs in absehbarer Zeit, wie viele andere ältere Boxer, mit hoher Wahrscheinlichkeit an dem sogenannten Punch-Drunk-Syndrom leiden. An den Nervenfasern im Gehirn eines Boxers bilden sich Eiweißklumpen, die die Motorik und das Sprachzentrum beeinflussen.
5. Schwergewichtsboxen ?
Realo, 17.10.2010
Ist einfach nur noch langweilig ! Zwei Riesen dreschen aufeinander ein. Einer spielt den Sandsack. Aua. Sorry, aber wirklich interessante Kämpfe gibt es nur noch in den unteren Gewichtsklassen, oder aber im K-1. K-1 Fights 3 Runden a 3 Minuten max. 5 Runden. 12 Runden Schwergewichtsboxen das ist versätzliche Körperverletzung, wie beim Kampft Klitschko vs. Briggs gestern leider geschehen. Warum hat keiner, spätestens nach der 7 Runde, das Handtuch geworfen ? Weil RTL noch ein bisschen Werbung unterbrigen wollte ?
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